Demographie Kann Zuwanderung Ostfriesland noch retten?
Ostfriesland verliert bis 2045 Bevölkerung – wie ganz Niedersachsen. Das verschärft allerdings ein anderes Problem. Es lässt Ostfriesland deutlich schlechter dastehen als andere Regionen.
Ostfriesland - Eine um fast 11 Prozent gesunkene Einwohnerzahl in Emden, 7,3 Prozent weniger Bevölkerung in der Stadt Leer und ein Bevölkerungsverlust in der Stadt Aurich von 2 Prozent: Die Bevölkerungszahl in Ostfriesland schrumpft – und zwar trotz Zuwanderung. Gäbe es keine Zuwanderung, wären die Einwohnerrückgänge noch deutlich dramatischer. Das geht aus der neuen regionalen Bevölkerungsvorausrechnung des Landesamts für Statistik hervor.
Bis auf eine Ausnahme zeigt die Einwohnerentwicklung bis 2045 in ganz Ostfriesland nach unten: Nur in der Stadt Aurich könnte die Bevölkerungszahl um 1,4 Prozent auf 43.188 steigen. Und zwar dann, wenn in den nächsten Jahren relativ viele Menschen zuwandern.
Karten, Grafiken und Tabellen
Die Ergebnisse der 5. regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung sind für alle niedersächsischen Kreise, kreisfreien Städte sowie Städte und Gemeinden mit etwa 30.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und deren Umland interaktiv in Form von Karten, Grafiken und Tabellen in einem Dashboard dargestellt. Neben den Ergebnissen, insbesondere den vorausberechneten Bevölkerungszahlen sowie demografischen Kennzahlen, finden sich dort auch Erläuterungen zur Methodik, vor allem zu den Annahmen und Varianten der Berechnung. Das Dashboard ist unter dem folgendem Link abrufbar: https://it.statistik.niedersachsen.de/bevoelkerung/dashboard_5_rbv/ Unter dem Menüpunkt „Ergebnisse“ auf der linken Seite können Karten, Grafiken und Tabellen erstellt werden.
Vorausberechnung: In 20 Jahren fast überall weniger Einwohner
Ostfrieslands Landkreise und Städte stehen mit dieser negativen Bevölkerungsentwicklung nicht alleine da. Die Einwohnerzahl wird in ganz Niedersachsen in den kommenden 20 Jahren fast flächendeckend zurückgehen. Auf Grundlage des Bevölkerungsstandes zum 31. Dezember 2024 mit gut acht Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wird für Niedersachsen bei moderater Zuwanderung ein Rückgang der Bevölkerung um rund 435.000 Personen (– 5,4 Prozent) erwartet.
Dabei sind laut Statistischem Landesamt die Bevölkerungsverluste im südöstlichen Niedersachsen am höchsten. Allein im Landkreis Göttingen werden im Jahr 2045 17 Prozent (rund 55.000) Menschen weniger leben als Ende 2024 (328.028 Personen). Damit zählt der Landkreis zu den am stärksten vom Bevölkerungsverlust betroffenen Landkreisen. Hohe Bevölkerungsrückgänge können auch für den Heidekreis (-12,4 Prozent) und den Landkreis Holzminden (-11,2 Prozent) erwartet werden.
Zuwanderung kann das Geburtendefizit nicht mehr ausgleichen
Dr. Falk Voit vom Landesamt für Statistik in Hannover erklärt: Eine positive Bevölkerungsentwicklung hängt maßgeblich von der Zuwanderung ab. Nur mit Zuwanderung in ausreichender Höhe kann das anhaltende Geburtendefizit kompensiert werden. Aktuell kann aber nicht von einer deutlichen Erhöhung der Zuwanderungszahlen ausgegangen werden. „Damit die Bevölkerungszahl Niedersachsens konstant bleibt oder sogar wächst, müssten bei moderater Entwicklung der Geburtenrate und Lebenserwartung deutlich mehr Menschen aus dem Ausland nach Niedersachsen ziehen, als aus heutiger Sicht zu erwarten ist“, so das Fazit von Voit.
Die gute Nachricht: Die Küstenregionen – also auch Ostfriesland – gehören neben den Einzugsgebieten der Städte Hannover und Wolfsburg zu den niedersächsischen Regionen mit vergleichsweise geringeren Bevölkerungsverlusten. Die Vorausberechnung des Landesamts ergibt für die Stadt Leer und den Landkreis dabei einen Bevölkerungsverlust von 2,2 Prozent (nur Stadt: -5,5 Prozent), für Stadt und Landkreis Aurich einen Verlust von 4,5 Prozent (nur Stadt: -0,3 Prozent) und für den Landkreis Wittmund ein Minus von 4,8 Prozent. Ausnahme ist Emden, das 9 Prozent seiner Bevölkerung verliert und damit deutlich über dem Landesdurchschnitt liegt. Niedersachsenweit beträgt der Rückgang 5,4 Prozent.
Mehr Ältere in Ostfriesland: Altenquotient steigt bis 2045 stark an
Ostfriesland bekommt allerdings ein ganz anderes Problem – und steht damit weit schlechter da als andere Regionen in Niedersachsen: Laut den Berechnungen des Statistischen Landesamtes wird der Anteil der älteren und alten Einwohnerinnen und Einwohner überproportional zunehmen. Dargestellt wird das im sogenannten Altenquotienten. Der Altenquotient setzt die Bevölkerung im Alter über 65 Jahren ins Verhältnis zu 100 Personen der mittleren Bevölkerungsgruppe (20 bis unter 65 Jahre).
Für Niedersachsen beträgt der Altenquotient im Jahr 2045 laut Vorausberechnung der Statistiker 57,8. Das bedeutet: In 20 Jahren kommen auf 100 Menschen im erwerbstätigen Alter fast 58 nicht mehr erwerbstätige Ältere. Aktuell beträgt der Altenquotient für Niedersachsen 40. Bis auf Emden mit einem aktuellen Altenquotienten von 37,8 und von 57,5 im Jahr 2045 liegt der Rest Ostfrieslands deutlich darüber: Im Landkreis Leer inklusive Stadt Leer steigt er von jetzt 40,2 auf 62,2, im Landkreis Aurich von 44,3 auf 69,9 und im Landkreis Wittmund von 48,9 auf 72,2.
Belastungsquotient: Auf 100 Erwerbsfähige kommen fast 100 Abhängige
Um das Verhältnis der gesamten nicht erwerbstätigen Bevölkerung zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter darzustellen, ziehen die Statistiker den sogenannten Belastungsquotienten heran. Der setzt die Bevölkerung unter 20 Jahren – also die noch nicht Erwerbstätigen – plus die Bevölkerung über 65 Jahren – also der nicht mehr Erwerbstätigen – ins Verhältnis zu 100 Personen im Alter 20 bis 65 Jahren. Der Belastungsquotient drückt also vereinfacht gesprochen aus, wie viele junge und alte Menschen von jeweils 100 Personen der mittleren Bevölkerungsgruppe versorgt werden. Aktuell beträgt der Quotient für Niedersachsen 72,5 und steigt laut Statistik auf 91,9 im Jahr 2045. In 20 Jahren versorgen somit 100 Erwerbstätige knapp 92 Junge und Alte. Für Emden mit einem derzeitigen Belastungsquotienten von 70,0 beträgt der vorausberechnete Quotient 88,8.
Im übrigen Ostfriesland zeigt sich folgendes Bild: Region Leer (Landkreis und Stadt) mit Belastungsquotient von heute 74,4 und 100,2 im Jahr 2045, Region Aurich (Landkreis und Stadt) 76,3 heute und 101,4 in 20 Jahren, Region Wittmund 81,3 heute und 105,3 im Jahr 2045. Das bedeutet: Jedem Ostfriesen im erwerbsfähigen Alter steht in 20 Jahren ein noch nicht oder nicht mehr erwerbsfähiger Mensch gegenüber. Und daran wird laut den Vorausberechnungen der Statistiker auch eine relativ starke Zuwanderung kaum noch etwas ändern.
Zwischen den Varianten liegen 300.000 Personen
Die Bevölkerungsentwicklung in Niedersachsen ist maßgeblich von der Nettozuwanderung aus dem Ausland abhängig. Um diese Abhängigkeit deutlich zu machen, hat Dr. Falk Voit vom Landesamt für Statistik für die Bevölkerungsvorausberechnung drei verschiedene Wanderungsannahmen getroffen und als eigenständige Modelle berechnet: W1, W2 und W3. Die angenommene Entwicklung der Fertilität und Mortalität – also der Geburten und Sterbefälle – ist in allen Varianten identisch: Es wurden für die Geburtenrate und die Lebenserwartung moderate Anstiege angenommen.
Die drei Varianten der Zuwanderung:
Relativ geringe Zuwanderung (W1): Ausgehend vom Wanderungssaldo des Jahres 2024 von ca. 33.600 Personen reduziert sich der Saldo schrittweise auf ca. 14.400 Personen bis zum Jahr 2035 und bleibt anschließend bis zum Jahr 2045 konstant. => durchschnittliche jährliche Nettozuwanderung: ca. 19.700 Personen Moderate Zuwanderung (W2, Hauptvariante): Ausgehend vom Wanderungssaldo des Jahres 2024 von ca. 33.600 Personen reduziert sich der Saldo schrittweise auf ca. 24.000 Personen bis zum Jahr 2035 und bleibt anschließend bis zum Jahr 2045 konstant. => durchschnittliche jährliche Nettozuwanderung: ca. 26.600 Personen Relativ starke Zuwanderung (W3): Der Wanderungssaldo des Jahres 2024 von ca. 33.600 Personen wird auch in den folgenden Jahren angenommen. => durchschnittliche jährliche Nettozuwanderung: ca. 33.600 Personen
So wirkt sich die Zuwanderung aus
Bei moderater Zuwanderung (W2) aus dem Ausland wird Niedersachsen im Jahr 2045 voraussichtlich eine Einwohnerzahl von etwa 7,6 Millionen Menschen haben. Im Vergleich zu 2024 entspricht das einem Bevölkerungsrückgang von etwa 435.000 Personen oder 5,4 Prozent. Selbst unter der Annahme, dass durchschnittlich relativ viele Personen in den nächsten Jahren nach Niedersachsen zuwandern (W3), ist ein Bevölkerungsrückgang von 3,4 Prozent zu erwarten. Im Szenario mit geringer Zuwanderung (W1) könnten im Jahr 2045 sogar nur noch 7,4 Millionen Menschen in Niedersachsen leben. Das bedeutet: Die Zuwanderung kann in keiner der Berechnungsvarianten das langfristige Geburtendefizit ausgleichen. Die Entwicklung der Bevölkerung in der Zukunft lässt sich nur mit Unsicherheiten vorausberechnen. So liegt der Unterschied zwischen der vorausberechneten Bevölkerungszahl für Niedersachsen im Jahr 2045 zwischen der oberen und unteren Variante bei mehr als 300.000 Personen.