Istanbul  Erdoğans Albtraum wird wahr: Mit Cem Özdemir wird sein großer Kritiker Ministerpräsident

Susanne Güsten
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Von Susanne Güsten
| 09.03.2026 14:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Er ist Grüner, doch grün sind sie sich nicht: Cem Özdemir (links) und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan (rechts) wahren bei offiziellen Anlässen zwar Anstand, doch immer wieder kommt es zu Kritik aus beiden Richtungen. Foto: dpa
Er ist Grüner, doch grün sind sie sich nicht: Cem Özdemir (links) und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan (rechts) wahren bei offiziellen Anlässen zwar Anstand, doch immer wieder kommt es zu Kritik aus beiden Richtungen. Foto: dpa
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Mit Cem Özdemir könnte erstmals ein Politiker mit türkischem Migrationshintergrund Ministerpräsident werden. Das dürfte dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gefallen – eigentlich. Doch verbindet ihn mit dem Grünen eine erbitterte Fehde.

Cem Özdemir war für die türkische Regierung bisher ein rotes Tuch. Präsident Recep Tayyip Erdoğan verlangte einmal, der Grünen-Politiker solle seine türkische Abstammung mit einem Bluttest beweisen. Doch jetzt wird Özdemir als erster türkischstämmiger Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes gefeiert. Doch Freunde werden Erdoğan und Özdemir wohl nicht mehr.

Özdemir nennt sich selbst einen „anatolischen Schwaben“. Er wurde in Baden-Württemberg als Sohn türkischer Einwanderer geboren; seine Mutter stammt aus Istanbul, sein Vater aus dem zentralanatolischen Tokat. Als deutscher Politiker mit türkischen Wurzeln legte sich Özdemir in den vergangenen Jahren immer wieder mit Erdoğan an.

Nach Niederlagen von Erdoğans Partei AKP bei den Kommunalwahlen 2019 nannte Özdemir den türkischen Staatspräsidenten einen „alten verbitterten Mann, der sein Land vergiftet“. Die Inhaftierung des Istanbuler Bürgermeisters und Erdoğan-Herausforderers Ekrem Imamoglu im vergangenen Jahr kommentierte Özdemir in der Wochenzeitung „Kontext“ mit den Worten, Erdoğan habe Angst vor Wahlen, „selbst wenn die Wahlen unfair sind“.

Özdemir befürwortet grundsätzlich die Aufnahme der Türkei in die EU, sieht Erdoğan jedoch als größtes Problem. So lange Erdoğan an der Macht sei, werde aus der türkischen EU-Mitgliedschaft nichts, sagte er schon öfter.

Umgekehrt findet Erdoğan viel an Özdemir auszusetzen. Im Streit um die Anerkennung des osmanischen Völkermordes an den Armeniern im Ersten Weltkrieg warf Erdoğan dem Grünen-Politiker vor zehn Jahren vor, er sei kein richtiger Türke. „Was ist das denn für ein Türke?“, fragte Erdoğan damals. „Das müsste mal mit einem Bluttest im Labor festgestellt werden.“ Bei anderer Gelegenheit nannte Erdoğan Özdemir einen „angeblichen Türken“.

Dabei müsste Erdoğan eigentlich stolz auf Özdemir sein. Der türkische Präsident ruft seine Landsleute in Europa immer wieder auf, sie sollten sich dort politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich engagieren, um sich zu integrieren, ohne ihre kulturellen Wurzeln aufzugeben.

Die türkische Politik betrachtet nicht nur die 1,5 Millionen türkischen Staatsbürger in Deutschland als Abgesandte der alten Heimat, sondern auch die 1,5 Millionen Bundesbürger türkischer Herkunft. Vor der Bundestagswahl 2017, als die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland angespannt waren, forderte Erdoğan die rund eine Million deutsch-türkischen Wähler auf, sie sollten CDU/CSU, SPD und Grüne abstrafen.

Allerdings sind Özdemir und Erdoğan politische Profis, die ihre gegenseitige Abneigung nicht zu weit treiben. Als Özdemir während eines Besuchs von Erdoğan in Deutschland im Jahr 2018 bei einem Feiermarsch dem Staatsgast freundlich die Hand schüttelte, ein paar Worte mit ihm wechselte und ihm ein Lächeln entlockte, machte das Schlagzeilen in der Türkei.

Auch Özdemirs Wahlkampf in Baden-Württemberg, seine Aufholjagd und der Wahlabend wurden in den türkischen Medien aufmerksam verfolgt. Özdemir sei auf dem Weg, der erste türkischstämmige Ministerpräsident der deutschen Geschichte zu werden, meldeten die Online-Ausgaben der Zeitungen nach den Hochrechnungen am Sonntagabend. „Aus einer Einwanderer-Familie an die Spitze der Politik“, kommentierte die Nachrichtenplattform „T24“.

In den Stolz, dass es ein türkischstämmiger Politiker auf den wichtigen Posten des Landeschefs von Baden-Württemberg geschafft hat, mischten sich am Montag auch besorgte Kommentare. „Ist Özdemir ein Türken-Feind?“, fragte die Nachrichtenseite „Haber Hürriyeti“.

Özdemir hatte im Wahlkampf gesagt, türkisch-nationalistische Erdoğan-Anhänger in Deutschland machten gegen ihn Stimmung. Doch wenn Gefolgsleute von Erdoğan, Donald Trump oder Wladimir Putin gegen ihn aktiv seien, dann sei er wohl auf dem richtigen Weg.

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