Osnabrück „Der Kopf der Schlange sitzt in Teheran“: Wie kann der Sturz des Regimes nun gelingen?
Das Mullah-Regime im Iran ist geschwächt. Kann aber der Übergang zur Demokratie gelingen oder droht ein Bürgerkrieg? Im Clasen Talk entwarfen Experten brisante Szenarien. Hat Donald Trump aber einen Plan?
Die USA und Israel haben gleich zu Beginn ihres Angriffes die alte Führung um Ajatollah Chamenei ausgeschaltet. Aber kann die Terrorherrschaft wirklich zusammenbrechen? Oder droht ein Flächenbrand? Im Clasen Talk zeigte sich die deutsche Exil-Iranerin Gazelle Sharmahd nach den ersten Angriffswellen von Donald Trump optimistisch:
„Menschen haben auf der Straße getanzt, obwohl es Bomben geregnet hat.“ Die Aktivistin kämpfte über Jahre für die Rettung ihres Vaters, der vom iranischen Geheimdienst verschleppt wurde. Leider am Ende vergeblich, der Oppositionelle starb in Haft. Seine Tochter gibt sich jetzt kämpferisch: „Als die Nachricht kam, dass der oberste Führer nicht mehr existiert, haben wir uns gefühlt, wie sich die Menschen gefühlt haben, als Adolf Hitler nicht mehr war, als es das Naziregime nicht mehr gab.“
Auch Arye Sharuz Shalicar verteidigt den Militärschlag. Israel als wichtiger Player im Angriff gegen den Iran ist seit dem 7. Oktober 2023 „on und off in einer Art Kriegsmodus“, beschreibt der deutsch-israelische Politologe und ehemalige Sprecher der Israelischen Armee. Der Kriegsmodus habe mit der Hamas angefangen, dann kamen der islamische Dschihad, die Hisbollah, die Houthis. „Im Endeffekt wissen alle in Israel seit Jahrzehnten, dass es nicht um diese kleinen Schlangen geht, sondern es geht um den Kopf der Schlange. Und der Kopf der Schlange sitzt in Teheran“, erklärt Shalicar die Position Israels.
Seit mittlerweile 47 Jahren terrorisiere das Regime nicht nur die Menschen in seinem eigenen Land, sondern unterwandere den gesamten Nahen Osten. „Der Iran ist kein lokaler Spieler, sondern es ist ein gefährlicher Spieler, der auf diesem Planeten in die Schranken gewiesen werden muss“, erklärt der Politologe. In Israel sei klar gewesen: „Wenn wir erst einmal fertig sind mit den kleineren Schlangen hier in der Region, müssen wir uns irgendwann auch an den Kopf der Schlange wagen.“
Ähnlich sieht es Ali Ertan Toprak. „Die Appeasement-Politik des Westens ist gescheitert, das müssen wir endlich alle einsehen“, sagt der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinschaft in Deutschland deutlich. Der Westen könne nicht mit Massenmördern verhandeln: „Wenn wir die freie Welt erhalten wollen, dann müssen wir auch so Staaten wie Iran bekämpfen.“
Shalicar sieht Europa in der Pflicht, den handelnden Staaten wie den USA und Israel zumindest „den Rücken frei“ zu halten. Er kritisiert, dass europäische Staaten in der Vergangenheit oft „freiheitlichen westlichen demokratischen Staaten in den Rücken“ gefallen seien, wenn es um den Kampf gegen den islamofaschistischen Terror ging – „zum Beispiel sehr oft und sehr gerne der Ministerpräsident in Spanien“, so der Politologe.
Besonders von Frankreich, England und Deutschland erwartet er, dass sie den militärischen Zugriff auf den Iran in der UN unterstützen. Auch Aktivistin Sharmahd fordert Unterstützung durch Deutschland – insbesondere durch das Kappen von Diplomaten- und Handelsbeziehungen. Nachdem die iranischen Revolutionsgarden bereits auf der EU-Terrorliste stehen, fordert sie eine Ausweitung: „Das gesamte Regime muss endlich als ein Terrorregime anerkannt werden, nicht einzelne Teile davon.“
Der Angriff von Israel und den USA birgt auch kurzfristige und langfristige Risiken. Wenn der Punkt kommt, dass die Basidsch und andere Inlandsgeheimdiensttruppen keine klaren Hauptquartiere mehr haben, werden sie ihre Stützpunkte in Schulen und Krankenhäuser verlegen, prognostiziert Shalicar: „Also immer schön die eigenen Menschen als menschliches Schutzschild missbrauchen.“
Ebenso könne es nach dem Krieg durch einen Regimesturz durch das hinterlassene Machtvakuum zu einem Bürgerkrieg kommen, warnt Exiliranerin Sharmahd.
Ein 47 Jahre währendes Regime kann man nicht rein aus der Luft bekämpfen – da sind sich die Experten einig. Toprak betont die Verantwortung des iranischen Volkes, selbst den Terror vom Boden zu bekämpfen: „In den nächsten Tagen und Wochen müssen natürlich die Menschen, die ihre Freiheit wollen, die Regierungsbehörden aus den Händen dieses barbarischen islamistischen Regimes herausreißen und sich befreien. Nur so wird es klappen.“
Hingegen skizziert Shalicar das Szenario, dass ausländische Bodentruppen von Seiten der Amerikaner und Israelis oder auch Special Forces zum Einsatz kommen. Es gebe allerdings auch viele weitere Gruppierungen aus der Region, „die eigentlich nur darauf warten, dieses islamofaschistische Regime endlich in Grund und Boden zu stampfen“, sagt der Militärsprecher. Als Beispiel nennt er die Belutschen, die Araber im Iran, die Kurden im Irak und im Iran selbst.
Die Kurden im Iran, die etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind seit Beginn des Regimes im Aufstand gegen die Führung. Ob sie also eine Art Joker sind?
Toprak mahnt als Vorsitzender der Kurdischen Gemeinschaft in Deutschland, dass die Kurden nicht als „Söldner“ für das Ausland agieren würden: „Die Kurden werden in erster Linie für ihre eigene Freiheit kämpfen, natürlich, und sie haben auch eine offene Rechnung mit diesem Regime. Sie werden ihre Gebiete auf jeden Fall verteidigen.“ Es sei allerdings noch zu früh, davon auszugehen, dass die Kurden bis nach Teheran marschieren.
Damit der Iran nach dem Krieg wieder stabil werden kann, fordert Aktivistin Sharmahd primär die Sicherung der territorialen Integrität des Iran. Nur so könne man Chaos und Bürgerkriege verhindern. Ebenso brauche es eine souveräne Autorität.
Besonders wichtig sei das, damit sich Armeen und Milizen auf die Seite der Menschen stellen: „Wenn sie nicht wissen, dass es danach einen stabilen Staat gibt, woher das Kommando kommt, an dem Tag, an dem das Regime fällt, dann stellen sie sich immer noch auf die Seite des Regimes.“ Für die Übergangsphase setzt sie Hoffnung in Kronprinz Reza Pahlavi, der den Weg für Selbstbestimmung und Freiheit ebnen soll.
Kurden-Vorsitzender Toprak blickt nicht eindeutig positiv auf den Kronprinzen als Übergangsanführer. Er habe sich in den letzten Tagen und Wochen gegenüber den Kurden „sehr unglücklich“ geäußert. Er sieht für den inneren Frieden als entscheidend an, dass unterschiedlichen Volksgruppen wie den Kurden ihre kulturellen Rechte und ihr Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen sind. „Sonst wird das nicht funktionieren“, so Toprak.
Militärsprecher Shalicar sieht ein Szenario für realistisch an, in dem die Mullahs nach dem Angriff weiter an der Macht bleiben. Das sei nicht der „worst case“, also der schlimmste Fall – denn das Regime sei nicht mehr dasselbe wie vor den Angriffen. „Es ist gut möglich, dass im Endeffekt in wenigen Tagen und Wochen irgendwann ein Stück weit eine Art Normalität wieder zurückkommt“, prognostiziert der israelische Politologe.
Wer auch immer das Ruder nach dem Krieg in die Hand nehmen wird, ob es Trump entscheidet oder nicht, nach dem Militärschlag könne man mit dem Volk nicht mehr dasselbe machen wie Khamenei nach über 35 Jahren Terrorherrschaft.