Emden  Friedrich-Ebert-Straße wieder als unechte Einbahnstraße?

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 06.03.2026 12:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Die Ausbuchtungen an der Friedrich-Ebert-Straße wurden einst gebaut, damit die Autofahrer nicht so schnell fahren. Doch: Dadurch stockt der Verkehr häufig, die Autos bleiben länger in der Straße. Foto: Mona Hanssen
Die Ausbuchtungen an der Friedrich-Ebert-Straße wurden einst gebaut, damit die Autofahrer nicht so schnell fahren. Doch: Dadurch stockt der Verkehr häufig, die Autos bleiben länger in der Straße. Foto: Mona Hanssen
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Durch die Sperrung der Neutorstraße in Emden ist die Mehrbelastung im Stadtteil Faldern groß. Jetzt ging es mit Anwohnern um Lösungen. Die Stadt hat dabei einen strategischen Fehler gemacht.

Emden - Die Stimmung war aufgeheizt im Forum der Emder Volkshochschule, noch bevor die Bürger-Info zum Verkehr in den Stadtteilen Groß und Klein Faldern begonnen hat. Stadtsprecherin Theda Eilers als Moderatorin, Stadtbaurätin Irina Krantz und Verkehrsgutachter Jörn Janssen von der Firma SHP hatten zwischenzeitlich Schwierigkeiten, die Ruhe im Publikum zu bewahren. Nach einer Wortmeldung sprach Irina Krantz von einer „massiven Anfeindung“. Immer wieder gab es Zwischenrufe von den gut 100 Zuhörern wie: „Macht die Neutorstraße wieder auf!“ oder „Das ist idiotisch!“.

Rund 100 Menschen waren zum Info-Abend gekommen. Foto: Mona Hanssen
Rund 100 Menschen waren zum Info-Abend gekommen. Foto: Mona Hanssen
Stadtbaurätin Irina Krantz (links) stand Rede und Antwort. Foto: Mona Hanssen
Stadtbaurätin Irina Krantz (links) stand Rede und Antwort. Foto: Mona Hanssen

Was ist das Problem? Seit Beginn der Verkehrsexperimente in der Neutorstraße, so beklagte eine Anwohnerin, litten sie insbesondere an der Friedrich-Ebert-Straße im Stadtteil Klein Faldern unter deutlich mehr Verkehrsbelastung. Bröckelnde Backsteine an denkmalgeschützten Häusern, Lärm und Feinstaubbelastung, Lkw und Busse, die sich durch die enge Straße quälen: Die Kritikpunkte waren vielfältig. Groß war der Aufschrei aber, als angedeutet wurde, dass die Anwohner selbst an dem deutlichen Anstieg des Verkehrsaufkommens schuld seien. So wurden die Formulierungen von Jörn Janssen zumindest im Publikum aufgefasst, worauf es Rufe wie „gravierender Fehler“ und „eine Frechheit“ zu hören gab. Von mehreren wurden die vorgestellten Zahlen angezweifelt. Denn: Der Eindruck vieler ist es, so wurde es deutlich, dass der Durchgangsverkehr das Problem sei, also Autofahrer, die die Friedrich-Ebert-Straße aufgrund der Neutorstraßen-Sperrung als Ausweichstraße nutzen.

Gutachter Jörn Janssen erklärte dem Publikum die Verkehrszahlen und mögliche Lösungen. Foto: Mona Hanssen
Gutachter Jörn Janssen erklärte dem Publikum die Verkehrszahlen und mögliche Lösungen. Foto: Mona Hanssen

Sind die Anwohner an allem selbst schuld?

Nein, so einfach ist es nicht. Doch beim Publikum verfestigte sich allem Anschein nach der Eindruck, dass genau das beim Info-Abend gesagt wurde. Und wohl niemand hört gerne nach jahrelangem Frust, dass er oder sie selbst an der Situation schuld sein könnten. Der strategische Fehler der Stadt: An dem zweistündigen Info-Abend ging es zunächst mit einer Präsentation über den Neutorstraßen- und Innenstadt-Umbau los, der beim Publikum direkt für Frust sorgte. Touristen seien der Stadt wichtiger als Bewohner von Faldern, meinte eine Frau. Erst nach vielen Grafiken und Zahlen wurde erklärt – und das auch eher beiläufig –, was der Ziel- und Quellverkehr, der laut Gutachten mehr als doppelt so groß ist wie der Durchgangsverkehr, eigentlich beinhaltet. Menschen, die nach Faldern fahren oder von dort starten, sind schließlich nicht unbedingt Anwohner.

Schwierig: Lkws und Busse quälen sich durch die engen Kurven und Straßen in Faldern. Foto: Mona Hanssen/Archiv
Schwierig: Lkws und Busse quälen sich durch die engen Kurven und Straßen in Faldern. Foto: Mona Hanssen/Archiv

Denn: Dort gibt es nicht nur eine Grundschule, einen Kindergarten, zahlreiche Dienstleister und Betriebe wie Restaurants, Cafés, Hotels und Ferienwohnungen, sondern auch Kirchen und Kultureinrichtungen und die Stadtwerke. Bei den Verkehrsbefragungen wurden die Autofahrer also gefragt: Woher kommst du? Wohin willst du? Was ist der Zweck der Fahrt? Wer sein Kind zur Schule oder zum Kindergarten bringen will, wer ein Restaurant besucht oder bei den Stadtwerken arbeitet und dort zum Parkplatz will, wird also zum Ziel- und Quellverkehr gezählt. Schätzungsweise, so heißt es im Gutachten, sind es demnach etwa 3000 Fahrten am Tag, die durch Schulverkehr, Busse, Kunden und anderes verursacht werden.

Die Nordertorstraße gehört zur wichtigen Verkehrsachse der Innenstadt. Foto: Mona Hanssen
Die Nordertorstraße gehört zur wichtigen Verkehrsachse der Innenstadt. Foto: Mona Hanssen

Bedenken muss man dabei auch, dass laut Jörn Janssen gut 1700 (Anwohner-)Fahrten am Tag, die sonst über die Osterstraße von der Neutorstraße ins Viertel geführt haben, seit der Sperrung über die Nordertor- und Friedrich-Ebert-Straße ausweichen, um nach Hause zu kommen. Auch diese Verkehrsbelastung hat sich also verschoben, auf der Osterstraße ist deutlich weniger Verkehr als vorher.

Wie viele Menschen kommen allein zum kostenlosen Parken?

Eine neue Erkenntnis aus einem Gutachten zum Parkraumkonzept besagt auch: Weil in Klein und Groß Faldern das Parken noch kostenlos ist, anders als im Großteil der restlichen Innenstadt und anders als ursprünglich von der Stadt geplant, kommen viele Nicht-Anwohner zum Parken hier her. Die Fremdparker, so sagte Jörn Janssen, machen bis zu 35 Prozent der Parkenden aus. Auch diejenigen, die also nur in Faldern kostenlos parken wollen, gehören zum Ziel- und Quellverkehr. Wann das Parken auch in Faldern kostenpflichtig wird, ist noch unklar. Es muss noch von der Emder Politik diskutiert und entschieden werden.

Bis zu 35 Prozent Fremdparker gibt es in Klein und Groß Faldern. Hier ist das Parken noch kostenlos, im Großteil der restlichen Innenstadt nicht. Foto: Mona Hanssen
Bis zu 35 Prozent Fremdparker gibt es in Klein und Groß Faldern. Hier ist das Parken noch kostenlos, im Großteil der restlichen Innenstadt nicht. Foto: Mona Hanssen

Heißt: Zu den mehr als 2700 Bewohnern im Viertel, die insgesamt etwa 1600 Autos haben und laut Gutachter schätzungsweise für gut 5500 Fahrten pro Tag verantwortlich sind, kommen viele Nicht-Anwohner, die das Quartier ansteuern. Etwa 9000 bis 12.000 Fahrten gibt es laut Gutachten am Tag durch den und im Stadtteil. Heißt: Teilweise weniger als die Hälfte der Fahrten werden durch Bewohner des Viertels durchgeführt. Klar ist aber auch: Die Gesamtmenge der Fahrten im Stadtteil ist nicht unerheblich, wenn man bedenkt, dass laut Gutachten in ganz Emden inklusive Autobahn mehr als 70.000 Fahrten gezählt wurden. „Das ist doch nicht normal“, sagte ein Anwohner. Bis zu 13 Prozent der täglichen Fahrten durch Emden führen demnach durch Falderns Verkehrsachse.

Als der Turm der Neuen Kirche 2025 saniert werden musste, gab es schon eine Einbahnstraßenregelung, an die sich viele Autofahrer nicht hielten. Foto: Mona Hanssen/Archiv
Als der Turm der Neuen Kirche 2025 saniert werden musste, gab es schon eine Einbahnstraßenregelung, an die sich viele Autofahrer nicht hielten. Foto: Mona Hanssen/Archiv

Einige Anwohner beschwerten sich über die Schätzung von 5500 Fahrten am Tag durch Quartiersbewohner. Nur weil sie die Autos hätten, würde sie diese nicht ständig nehmen – und sicher nicht für die rechnerischen 3,5 Wege am Tag. „Viele Menschen wohnen hier und die 1600 Autos werden auch bewegt“, meinte Gutachter Jörn Janssen.

Sollen auf Höhe der Brücke beim Roten Siel Poller aufgestellt werden, um den Durchgangsverkehr zu verhindern? Foto: Mona Hanssen
Sollen auf Höhe der Brücke beim Roten Siel Poller aufgestellt werden, um den Durchgangsverkehr zu verhindern? Foto: Mona Hanssen

Aber was ist jetzt mit dem Durchgangsverkehr?

Der Verkehr habe durch die Sperrung der Neutorstraße deutlich in Groß und Klein Faldern zugenommen, sagten Irina Krantz und Jörn Janssen. Zu Spitzenzeiten gebe es fast das Doppelte an Durchgangsverkehr, sagte sie. Für die Nordertorstraße Süd und die Friedrich-Ebert-Straße gibt das Verkehrsgutachten 3100 Fahrten pro 24 Stunden im Durchgangsverkehr an, was 27 und 26 Prozent des Gesamtverkehrs ausmacht.

Eine Emderin kritisierte die Beschwerden zum verstärkten Verkehrsaufkommen. Hätten alle Anwesenden vergessen, dass die Nordertor- und Friedrich-Ebert-Straße vor Jahrzehnten als Teil des Innenstadtrings und damit als Ausweichstraße ausgewiesen wurde? Die Ausbuchtungen in der Friedrich-Ebert-Straße seien das Problem. Bei der Boltentorstraße, ebenfalls eine vielbefahrene Verkehrsachse durch ein Wohnviertel, gebe es keine Beschwerden. Hier fließe der Verkehr ohne Ausbuchtungen problemlos.

Was ist jetzt die Lösung des Verkehrs-Dilemmas?

Jörn Janssen hat vier Möglichkeiten vorgestellt, um das Problem zu lösen, beispielsweise starre Poller im Stadtteil aufzustellen – etwa bei der Brücke am Roten Siel. Das würde den Durchgangsverkehr verhindern, aber auch Anwohner und Besucher des Stadtteils stören. Was ist mit dem Busverkehr? Dem Rettungswagen und der Feuerwehr, die ihre Wache an der Brückstraße hat? Somit wurden auch versenkbare Poller, wie es sie in Emden bereits am Neuen Markt gibt, vorgeschlagen. Sie könnten zu Stoßzeiten oben sein, ansonsten heruntergefahren werden. Viel Anklang fanden diese Vorschläge aber nicht.

Bei einer nichtrepräsentativen Umfrage kam am Ende des Abends heraus: Die Anwesenden wären am ehesten damit einverstanden, wenn die Friedrich-Ebert-Straße wieder zur unechten Einbahnstraße würde und die Ausbuchtungen an der Straße, die verhindern, dass der Verkehr hier ohne zu stocken fließt, abgebaut würden. Die Sorge ist dann zwar, dass die Autos wieder zu schnell fahren, doch dem könne man durch eine regelmäßige Geschwindigkeitskontrolle begegnen, so Krantz.

Eine unechte Einbahnstraße, bei der die Straße zwar nur von einer Seite aus befahren werden kann, innerhalb des Gebiets aber beide Fahrtrichtungen möglich sind, gab es 2021 schon einmal testweise. Damals wurde der Test aber abgebrochen, weil es zu viele Beschwerden gab und es sich zu Stoßzeiten unter anderem an der Straße Hinter der Halle gestaut hatte. Ungünstig war auch: Die Faldernbrücke war wegen eines Defektes damals zwischenzeitlich gesperrt, was zu einem Verkehrschaos geführt hatte.

Wie geht es jetzt weiter?

Jetzt würden alle Erkenntnisse aus dem Info-Abend ausgearbeitet, geprüft und bewertet werden, so Irina Krantz. Im Stadtentwicklungsausschuss des Emder Rats soll darüber diskutiert und eventuell auch schon über Maßnahmen entschieden werden. Der Ausschuss trifft sich am 10. März, auf der Tagesordnung ist Verkehr in Faldern aber bislang nicht.

Die Umsetzung von Maßnahmen könne nach einem politischen Beschluss recht schnell gehen: Die Ausbuchten könnten beispielsweise schnell abgebaut und Schilder aufgestellt werden, so Krantz. Auch Poller könne man, wenn das denn gewollt wäre, relativ schnell aufstellen. Eine große Umgestaltung der Straße könne aber nicht parallel zu den Bauarbeiten in der Neutorstraße und rund um den Delft erfolgen.

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