Osnabrück Neues Schulfach Christliche Religion in Niedersachsen: Jesus soll weitgehend wegfallen
In Niedersachsen startet im Sommer das neue Schulfach Christliche Religion. In den Lehrplan-Entwürfen kommt Jesus nur noch in fünf der rund 130 Themen vor. Dafür ist unter anderem die Rede von der Scharia und den UN-Klimazielen.
Dass das Land Niedersachsen in diesem Sommer mit seinem ökumenischen Religionsunterricht einen bundesweit einmaligen Sonderweg wagt, ist schon länger bekannt. Erst jetzt wird allerdings deutlich, dass das von katholischer und evangelischer Kirche gemeinsam unterstützte neue Schulfach Christliche Religion, das im Sommer startet, nicht nur ein Experiment mit offenem Ausgang ist. Sondern auch eins weitgehend ohne Jesus.
Soeben hat das niedersächsische Kultusministerium Entwürfe der Lehrpläne des neuen Schulfachs für die Grundschule und den Sekundarbereich I auf seiner Website veröffentlicht. In dem Papier über den Sekundarbereich I, also die fünfte bis zehnte Klasse, heißt es, Religionsunterricht solle mehr leisten, als „allein religionskundliches Wissen über Religion“ zu vermitteln: Es gelte, „die Vielfalt christlicher und anderer religiöser Deutungsmöglichkeiten für Beobachtungen und Erfahrungen des Alltags“ aufzuzeigen.
Vielfältig ist auch der vorgeschriebene Schulstoff, der so unterschiedliche Themen umfasst wie die „Gottebenbildlichkeit aller Menschen“, den Umgang mit der Bibel „als auch literarisches Dokument“ oder den „Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen“. Nur wer in dem Lehrplan nach Jesus sucht, muss in dem Dokument lange scrollen.
Im Mittelpunkt der Lehrpläne stehen fünf sogenannte „Kompetenzbereiche“, die die „als grundlegend und unverzichtbar erachteten fachbezogenen Kenntnisse und Fertigkeiten“ im Fach „Christliche Religion“ vorgeben sollen. Sie lauten „Identität“, „Gemeinschaft“, „Sinn und Glaube“, „Handeln“ sowie „Freiheit und Zukunft“.
Zum Bereich „Sinn und Glaube“ heißt es zum Beispiel, die Schüler müssten sich „mit narrativen Traditionen, der Gottesfrage und einer Vielfalt von sinnstiftenden Deutungen“ auseinandersetzen. Im Bereich „Gemeinschaft“ sollen die Schüler lernen, „dass unterschiedlich geprägte Gemeinschaften tragen und stärken können“.
Insgesamt sollten mit dem Konzept „christliche und konfessionslose Schülerinnen und Schüler wie auch Angehörige anderer Religionen und Weltanschauungen“ angesprochen werden, heißt es.
Im hinteren Teil des 52-seitigen Lehrplans für den Sekundarbereich I ist schließlich von den konkreten Inhalten die Rede, die innerhalb der fünf Kompetenzbereiche im Unterricht zur Sprache kommen sollen. Von den rund 130 Aspekten, die für die Dauer des sechsjährigen Sekundarbereichs I verbindlich vorgeschrieben sind, haben fünf unmittelbar mit Jesus zu tun: das „Vaterunser als Spiegel menschlicher Grundbedürfnisse“, „Kreuz als Symbol“, die „Auferweckung Jesu – Auferweckung aller Menschen“, Jesu Lehre von der „Goldenen Regel“ als Richtlinie der Nächstenliebe sowie das „Ethos der Selbstzurücknahme im Sinne der Nachfolge Jesu“.
Auf derselben Verbindlichkeitsstufe rangieren im Lehrplanentwurf auch Themen aus anderen Religionen oder solche, die ganz ohne Religion auskommen: „Meditationspraxis im Buddhismus“ etwa, die Scharia des Islam, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen („in Auswahl“) oder „Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität als Entwicklungsaufgabe“.
Im bisher gültigen niedersächsischen Lehrplan für Religion im Sekundarbereich I gibt es sechs Kompetenzbereiche, darunter einen eigenen mit dem Titel „Jesus Christus“ und entsprechenden Ausführungen zur inhaltlichen Gestaltung. Die anderen heißen „Mensch“, „Glauben und Kirche“, „Gott“, „Verantwortung des Menschen“ und „Religionen“. In anderen Bundesländern gelten ähnliche Bestimmungen. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz schreibt in ihren Richtlinien über die Standards des katholischen Religionsunterrichts einen „Gegenstandsbereich ‚Jesus Christus‘“ vor.
Der evangelische Professor für Religionspädagogik an der Universität Osnabrück, Andreas Kubik-Boltres, erkennt in den niedersächsischen Lehrplan-Entwürfen „keinen Paradigmenwechsel, aber schon eine schleichende Gewichtsverlagerung“. Moderner Religionsunterricht habe auch bisher schon neben christlichen Traditionen Inhalte anderer Religionen oder gesellschaftliche Themen vermittelt. „Aber so weit wie dieses Mal ist man damit bisher nicht gegangen.“
Kubik-Boltres sieht darin eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel. An vielen Schulen gebe es im Religionsunterricht auch heute schon sehr heterogene Schülergruppen, sagt er. „Sie bestehen aus Katholiken, Protestanten, nicht konfessionellen Schülern und Angehörigen anderer Religionen. Dieser Realität muss man mit den Lehrplänen Rechnung tragen.“
Das niedersächsische Kultusministerium teilte dieser Redaktion mit, Lehrerverbände und religiöse Institutionen hätten die interreligiöse Ausrichtung des neuen Schulfachs bereits begrüßt. „Ein zu geringer Stellenwert der Person Jesu oder dessen christologischer Bedeutung wurde nicht moniert.“ Der künftige Unterricht eröffne „Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, über Vielfalt und Unterschiede nachzudenken und Respekt sowie Toleranz gegenüber anderen zu entwickeln“.
Zu den neuen Lehrplan-Entwürfen können die Verbände und Institutionen bis Ende März Stellung nehmen. Der endgültigen Fassung müssen auch die katholische und die evangelische Kirche sowie der niedersächsische Landtag zustimmen.