Osnabrück  „Polizeiruf 110“: Claudia Michelsen ermittelt zum Weltfrauentag unter Abtreibungsgegnern

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 07.03.2026 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
„Abortion Buddy“ Lara Becker (Luna Jordan) weiß sich im neuen „Polizeiruf 110“ durchzusetzen. Foto: © MDR/Felix Abraham
„Abortion Buddy“ Lara Becker (Luna Jordan) weiß sich im neuen „Polizeiruf 110“ durchzusetzen. Foto: © MDR/Felix Abraham
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In ihrem 22. „Polizeiruf 110“ mit dem provokanten Titel „Your Body My Choice“ (Sonntag, 8. März, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek) gerät Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) zwischen die Fronten. Die Begegnung mit einer ungewollt schwangeren Frau in Not konfrontiert sie auch schmerzhaft mit ihrer eigenen Vergangenheit.

Eine tote Radfahrerin ruft die Magdeburger Mordkommission auf den Plan. Die Mordkommission? Während sich Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) noch fragt, wieso sie an einen Unfallort gerufen wird, wissen die uniformierten Kollegen vor Ort längst mehr. Die Bremskabel am Fahrrad der Verunglückten wurden durchtrennt. Das war kein Unfall. Das war ein „gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr mit Todesfolge“, wie es ein Beamter in schönstem Beamtendeutsch formuliert.

Das Opfer war Mitarbeiterin in der Arztpraxis von Doro Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily), die in ihrer Praxis auch Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. In letzter Zeit haben Einschüchterungsversuche und anonyme Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen dem Personal ordentlich zugesetzt. Und vor der Praxis üben sich fundamentale Christen regelmäßig in verbotener Gehsteigbelästigung.

Im Zuge der Ermittlungen stößt Brasch auf Lara Becker (Luna Jordan), die als „Abortion Buddy“ Frauen begleitend unterstützt, die sich für eine Abtreibung entschieden haben. Dazu zählt auch die junge Polin Dania (Nicola Magdalena Lüders), die in Deutschland nach einer legalen Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs in der Praxis von Schöller-Hahnfeld landet. Noch ahnt niemand, in welcher Gefahr sich Dania befindet.

Der neue „Polizeiruf 110“ begibt sich ganz bewusst auf eine Gratwanderung mit einem Thema, das auch im Jahr 2026 noch für heiße Diskussionen sorgt. Der frauenfeindliche Titel „Your Body My Choice“ („Dein Körper meine Entscheidung“) greift dabei ausgerechnet am Weltfrauentag eine widerliche Provokation des US-amerikanischen rechtsextremen Antifeministen Nick Fuentes auf, für den Frauenrechte auf den Scheiterhaufen der Geschichte gehören.

Natürlich möchte dieser „Polizeiruf“ nicht ansatzweise in diese Kerbe hauen, sondern versucht sich aus weiblicher Perspektive als fiktional gefärbter Diskurs zum Thema Abtreibung. Was dem Film unter der Regie von Franziska Schlotterer, die auch am Drehbuch von Annika Tepelmann mitgewirkt hat, über weite Strecken gelingt. So geht es neben dem Thema Selbstbestimmung auch um weibliche Solidarität in einer nach wie vor von Männern dominierten Gesellschaft.

Insbesondere Episodenhauptdarstellerin Jordan in ihrer Rolle als selbstbewusste, schlagkräftige Frau, die sich ganz selbstverständlich ohne Wenn und Aber für andere Frauen in Not einsetzt, überzeugt in aller Konsequenz. Äußerlich stark, innerlich zerrissen, gibt Jordan ihrer Figur Ecken und Kanten, mit denen sie ihre Lara zu einem vielschichtigen Charakter formt.

Aber auch Michelsen darf ihrer Kommissarin Brasch ein paar neue Facetten hinzufügen. So erfährt man als Zuschauer nicht nur vom mittlerweile offenbar völlig zerrütteten Verhältnis zu ihrem Sohn, von dem sie vorgibt, nicht mal zu wissen, ob er noch lebt. Der Fall konfrontiert sie auch mit ihrer eigenen Vergangenheit und dem Dilemma einer ungewollten Schwangerschaft.

„Mutterglück“, so erfährt man, ist für die Kommissarin, die sich einst gegen eine Abtreibung entschieden hat, nur eine Behauptung. Und so „Eine ungewollte Schwangerschaft ist ein Albtraum“, sagt Brasch. Das erklärt dann im Verlauf der Handlung auch, wieso die Kommissarin so viel Nähe zur Aktivistin Lara zulässt, sie sogar in die Ermittlungen einbindet – sehr zum Unmut ihres Chefs Lemp (Felix Vörtler).

Unterm Strich überzeugt „Your Body My Choice“ als sehenswerter Krimi zu einem kontroversen Thema, das allerdings thematisch an einigen Stellen etwas krampfhaft um Ausgewogenheit bemüht erscheint. Das wirkt dann beinahe so, als habe der redaktionell federführende MDR ein wenig zu sehr ins Drehbuch und in die Endfassung reingequatscht.

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