Gaststätte Fiedler Christa Hedemanns Gespür für Geschichte(n)
Vor mehr als 50 Jahren hat Christa Hedemann mit ihrem Mann Wilhelm die Gaststätte Fiedler in Voßbarg übernommen. Jetzt erzählt die 79-Jährige von den Jahren zwischen Tresen, Saal und Putztag.
Wiesmoor-Voßbarg - Christa Hedemann aus Voßbarg hat diese interessierten Augen, die meistens damit beschäftigt sind, ihre Umgebung zu scannen. Kennengelernt habe ich sie ausgerechnet in einer Gerichtsverhandlung – als Zuschauerin. Das passt, denn die 79‑Jährige aus Voßbarg hätte, wenn es nach ihr gegangen wäre, lieber selbst ermittelt: Krimis mag sie bis heute, und ihre Enkel, sagt sie, können ihr nichts vormachen.
Doch statt Kommissarin wurde sie Gastwirtin. Feine Lachfältchen blitzen an ihren Augenwinkeln auf – wenn sie von der Gaststätte erzählt, in der sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat. Sie ist eine Frau, die es gewohnt ist anzupacken, durchzuhalten – und sie bewahrt nebenbei das Gedächtnis der Gaststätte Fiedler in Voßbarg mit dem Gespür einer findigen Ermittlerin.
Fotoalben, Negative, Familienchronik: Hedemanns Archiv
Als wir uns ein paar Wochen später zu einem Gespräch treffen, führt die 79-Jährige mich in ihr Arbeitszimmer. Auf dem Regal stehen Fotoalben, eins neben dem anderen, dazwischen Ordner mit Negativen. „Vor Kurzem hat mich eine Bekannte nach einem Foto ihres Sohnes aus dem Jahr 1963 gefragt“, sagt Christa Hedemann. Natürlich hat sie es gefunden. Sie lacht.
Diese Akribie hat sie auch auf die Geschichte des Hauses angewandt, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat: Gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm Hedemann übernahm sie im Jahr 1975 den Familienbetrieb von den Schwiegereltern Jürgen und Frieda Hedemann. Inzwischen führt ihr Sohn, der nach dem Großvater Jürgen genannt wurde, die Gaststätte Fiedler mit seiner Frau Manuela bereits in der sechsten Generation, so steht es in ihrer Familienchronik.
Von Heere Heeren bis Hedemann: 1805 beginnt die Geschichte
Die Geschichte des Hauses hat Christa Hedemann bis in die frühe Besiedlung von Voßbarg zurückverfolgt. Um 1780 wurden dort die ersten Kolonate vermessen. 1805 errichtete Heere Heeren an der heutigen Hauptstraße 398 in Voßbarg eine Krämerei und Schankwirtschaft. Vor der Tür stand ein Zollbaum: Für den Unterhalt des Weges wurde hier ab 1805 ein Wegegeld erhoben.
Später ging das Anwesen über an zwei Generationen der Familie Weber, bis Meta Janssen Weber den Maurer Wilhelm Fiedler kennenlernte und mit ihm 1912 den Betrieb übernahm. In den frühen Jahren brannte das Gebäude zweimal. Zunächst hieß es noch „Gasthof zur Waage“. Später setzte sich der Name durch, unter dem es im Ort bis heute bekannt ist: Gaststätte Fiedler.
Gaststätte Fiedler: Jürgen und Frieda Hedemann übernehmen 1955
Der Name der Betreiberfamilie änderte sich eine Generation später wieder. Frieda Fiedler, die Tochter von Wilhelm und Meta, heiratete im November 1944 Jürgen Hedemann. Er war ein Kriegsversehrter und hatte seinen rechten Arm verloren. 1955 übernahm Frieda Hedemann den Betrieb. Ihr Mann packte trotz der Einschränkungen in der Wirtschaft mit an. Christa Hedemann erinnert sich noch gut an ihren Schwiegervater. „Wenn es im Saal laut wurde und ein Streit zu kippen drohte, reichte oft ein Blick von ihm – dann war wieder Ruhe“, sagt sie und fügt hinzu: „Er hatte eine unglaubliche Kraft in seinem linken Arm.“
Die Gaststätte kannte Christa Hedemann schon lange, bevor sie schließlich dazugehörte. Als Kind holte sie an Heiligabend mit einer kleinen Milchkanne dort Malzbier – das gab es dann zu Hause zu Kartoffelsalat und Bockwurst, erzählt sie. Wie oft, wenn sie eine Geschichte erzählt, fügt sie den Satz hinzu: „Das war eine schöne Zeit.“
1965 beim Tanz kennengelernt – ab 1971 in der Gaststätte Fiedler
1965 kam sie mit 18 Jahren zum ersten Mal zum Tanz in den Gasthof. Der junge Mann an der Kasse blieb ihr im Kopf – Wilhelm Hedemann. Sie lernten sich besser kennen, sahen sich wieder. Als es ernster wurde, merkte Christa, die damals noch Döhring hieß, schnell: Hier muss sie sich ihren Platz erst erarbeiten. „Eine Lehrerstochter passt nicht in dieses Haus“, hätten die Eltern ihres späteren Mannes gesagt.
„Das habe ich noch im Kopf – das hinterlässt Spuren“, sagt Christa Hedemann noch heute. Doch es war auch eine Herausforderung: „Ich habe gedacht: Das zeige ich euch“, sagt sie und lacht. Sie verlobte sich mit 22, heiratete 1970 mit 23 – und stand ab 1971 mit in der Gaststätte. „Ich habe geputzt und geputzt und geputzt“, erklärt sie – und bedient, organisiert, im Saal geholfen. Bis aus dem „Passt nicht“ irgendwann ein „Gut, dass sie da ist“ wurde.
Putztag, Stahlwolle und „Knochenwichse“ – Sauberkeit war Pflicht
Von der Schwiegermutter lernte Christa Hedemann, was Sauberkeit wirklich heißt. Sie war keine Kür, sondern Pflicht. „Nach Feiern wurde sogar der Holzfußboden im Saal mit feiner Stahlwolle geschrubbt – mit den Füßen“, erinnert sie sich. Sogar die Hochzeitsleute kamen nach der Feier oft wieder und halfen mit. Und wenn jemand meinte, eine Maschine könnte das doch schneller erledigen, galt für die Schwiegermutter lange nur ein Satz: Knochenwichse – also Muskelkraft – sei am besten.
Christa Hedemann erzählt davon mit Respekt. Trotzdem kann sie sich nicht verkneifen, die Geschichte vom Putzmittel-Vertreter zu erzählen. Bei einem Besuch in der Gaststätte erschütterte er die Überzeugung der Schwiegermutter bis ins Mark. Frieda Hedemann habe erst abgewinkt, als er seine Produkte präsentieren wollte. „Doch dann sprühte der Mann eine der sorgsam geputzten Glaslampen in der Gaststube ein – und plötzlich lief dort eine braune Soße herunter“, sagt Christa Hedemann und lacht. Dem Nikotin war mit Muskelkraft allein eben nicht beizukommen. Am Ende war eine Lampe hell, die anderen nicht – und das Mittel wurde gekauft.
Gaststätte Fiedler in Voßbarg: Alltag zwischen Tresen, Kegelbahn und Saal
Wenn Christa Hedemann von ihrer aktiven Zeit in der Gaststätte erzählt, gibt es viel zu lachen. Doch zwischen den Anekdoten wird klar, wie hart der Alltag gewesen sein muss. „Der Kunde ist für uns immer König“, sagt sie. Vormittags kamen die ersten Gäste, abends lief zusätzlich der Tresenbetrieb. Dazwischen Vorbereitung, Einkauf, Küche – und oft noch Kegelgruppen, die den Betrieb bis in die Woche hinein füllten.
Am Wochenende kam wie auch noch heute der Saal dazu: Hochzeiten, Jubiläen, Vereinsfeste. Wenn andere schlafen gingen, wurde bei Hedemanns oft noch gespült, aufgeräumt, vorbereitet. „Ich stand ständig unter Strom“, erzählt Christa Hedemann. Sie kümmerte sich um die Kinder, pflegte nebenbei ihre eigene Mutter, die über ein Babyfon den Kontakt in die Gaststätte hielt. Manchmal habe sie ganze Nächte nicht geschlafen, gesteht sie. Montags sei zwar „Ruhetag“ gewesen – aber eben auch Putztag. Eine Pause gab es nicht.
Boßler, Bulli und Apfelkorn in Voßbarg: Die Geschichten vom Tresen
Als dann auch noch der Boßelverein Zwischenbergen den Gasthof sonntags zu seinem Vereinslokal machen wollte, wollte Christa Hedemann erst abwinken. „Das mache ich nicht mit“, habe sie gedacht – zu viel Betrieb am Wochenende, zu wenig Luft zum Durchatmen. Dann kamen die Boßler doch. Und plötzlich war sie mittendrin. „Erst war ich knatschig“, erzählt sie, grinst dann und fügt hinzu: „Aber wir hatten immer so einen Spaß!“ Klönen am Tresen, ein Schnäpschen hier, eins da – und Geschichten, über die man heute noch gemeinsam lacht.
Wie über die Geschichte von dem Treffen, als die Zwischenberger Boßler noch weit in den Nachmittag hinein in der Gaststube saßen. „Wir konnten sie nicht mehr allein nach Hause fahren lassen“, sagt sie. Sie waren zu wackelig auf den Beinen. Ans Fahrradfahren war erst recht nicht mehr zu denken. „Also schoben wir sie kurzerhand alle in den Bulli ohne Sitzbänke“, sagt Christa Hedemann. Dann wurden sie einer nach dem anderen nach Hause gebracht: „Schiebetür auf, einer raus. Nächste Station, wieder auf, wieder einer raus. Da reden die Alten heute noch von“, sagt Hedemann – und lacht.
Apfelkorn am Tresen und Blütenfest im Boot: Die schönsten Tage
Christa Hedemann erzählt auch von den Abenden, an denen sie zwar mittendrin war – aber nicht alles mitmachen wollte. Als die Runde an der Theke die neuen Stühle „einweihen“ wollte und die Gläser immer wieder hochgingen, sollte sie mittrinken. Also füllte sie eine leere Apfelkornflasche mit Wasser und Apfelsaft – gerade so viel, dass es farblich passte – und stieß tapfer mit an. Bis sich jemand wunderte, wie viel sie abkonnte, ohne betrunken zu werden. „Als er probieren wollte, hatte ich mir – als hätte ich es geahnt – gerade einen echten eingeschenkt“, sagt Hedemann. Sie lacht heute noch darüber.
Und dann gab es diese wenigen Tage, die nur der Familie gehörten. 1986 machten Christa und Wilhelm Hedemann zum ersten Mal Urlaub – Berchtesgaden. Später wurde das Boot ihr Ausgleich: Von 1987 bis 2020 lagen sie zum Blütenfest in Wiesmoor am Wasser. „Das waren unsere schönsten Tage“, hat Christa Hedemann notiert. Heute hilft sie längst nicht mehr so viel wie früher – aber ganz weg bleibt sie nicht. Wenn in der Küche Kartoffeln zu pellen sind oder Platten gemacht werden müssen, geht sie noch immer rüber.
Mit sich trägt sie die Momente, die zwischen Putztag und Saalbetrieb ein Haus wie die Gaststätte Fiedler zu einem Ort machen, an dem Geschichte geschrieben wird und Geschichten erzählt werden. Viele davon hat Christa Hedemann so parat, als lägen sie – wie ihre Fotoalben – sortiert im Regal.