Hilfe für Höfe  Gruß aus der Küche von den Engeln in Grün

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 27.02.2026 18:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Maike Frerichs (von links), Ann-Katrin Meinen und Rebecca Weber vom Maschinenring Nordwest in Wiesmoor haben „Kochlöffel & Kuhstall“ entwickelt und redaktionell bearbeitet. Foto: Nicole Böning
Maike Frerichs (von links), Ann-Katrin Meinen und Rebecca Weber vom Maschinenring Nordwest in Wiesmoor haben „Kochlöffel & Kuhstall“ entwickelt und redaktionell bearbeitet. Foto: Nicole Böning
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Kuhstall, Kinderbetreuung und Küche: Wenn auf einem Hof eine Hand fehlt, ist die Not oft groß. Betriebshelferinnen des Maschinenrings in Wiesmoor fangen das auf – und lassen ihre Rezepte zurück.

Wiesmoor/Dornum - Morgens, halb zehn auf dem Hof von Gesa Schröder in Schwittersum (Gemeinde Dornum). In der großen, hellen Küche ist der Tisch gedeckt. Der Tee zieht auf dem Messingstövchen und Schröder schneidet den Mandarinen-Streusel-Kuchen an. „Das Rezept ist auch in unserem Kochbuch“, sagt sie und nickt in Richtung des handlichen Ringbuchs auf dem Tisch.

Ann-Katrin Meinen (von links) mit den hauswirtschaftlichen Betriebshelferinnen Gesa Schröder, Rebecca Weber und Maike Frerichs sowie Maschinenring-Disponentin Frauke Coordes nach dem Gespräch. Foto: Nicole Böning
Ann-Katrin Meinen (von links) mit den hauswirtschaftlichen Betriebshelferinnen Gesa Schröder, Rebecca Weber und Maike Frerichs sowie Maschinenring-Disponentin Frauke Coordes nach dem Gespräch. Foto: Nicole Böning

„Kochlöffel & Kuhstall“ heißt es. Darin stehen die Lieblingsrezepte der Betriebshelferinnen vom Maschinenring Nordwest in Wiesmoor. Doch es ist weit mehr als nur ein weiteres Kochbuch. Das wird klar, als die Frauen am Tisch erzählen, wie die Rezeptsammlung entstanden ist. Und was passiert, wenn die „Engel in Grün“ auf einen Hof gerufen werden – so werden sie oft genannt.

Maschinenring Nordwest: Wenn die „Engel in Grün“ gerufen werden

Gesa Schröder selbst ist eine von mehr als 100 Betriebs- und Haushaltshilfen beim Maschinenring Nordwest. Wenn auf einem Hof jemand ausfällt, springen sie ein: im Haushalt, bei den Kindern, oft auch im Stall. „Frauen haben in den landwirtschaftlichen Betrieben viele Aufgaben. Sie machen die Melkarbeit, füttern Kälber, versorgen die Familie, betreuen die Kinder und übernehmen den Haushalt“, zählt Frauke Coordes Beispiele auf.

Gesa Schröder ist hauswirtschaftliche Betriebshelferin – aber für Sohn Siebe gerade in Elternzeit. Auch sie hat Rezepte zu „Kochlöffel & Kuhstall“ beigesteuert und war beim Gespräch mit der Redaktion die Gastgeberin. Foto: Nicole Böning
Gesa Schröder ist hauswirtschaftliche Betriebshelferin – aber für Sohn Siebe gerade in Elternzeit. Auch sie hat Rezepte zu „Kochlöffel & Kuhstall“ beigesteuert und war beim Gespräch mit der Redaktion die Gastgeberin. Foto: Nicole Böning

Coordes ist Disponentin beim Maschinenring Nordwest: Wenn ein Betrieb anruft, weil jemand krank geworden ist, eine Operation ansteht oder kurzfristig Hilfe gebraucht wird, läuft bei ihr alles zusammen. Oft muss es schnell gehen. Ausfälle sind nicht planbar – und auf einem Hof lässt sich vieles nicht einfach auf „morgen“ verschieben. Denn die Tiere und die Ernte können nicht warten, weil sich die Frau des Hauses ein Bein gebrochen hat oder im Krankenhaus ein Kind zur Welt bringt.

Betriebs- und Haushaltshilfe: Auf dem Hof kann nichts warten

Diese Lücke müssen die Betriebshelferinnen schließen. Organisiert wird die Hilfe von Wiesmoor aus. Die kleine Blumenstadt liegt mitten im Zentrum des Einsatzgebiets: Der Maschinenring Nordwest ist zuständig für die Landkreise Ammerland, Friesland, Leer und Wittmund sowie den Altkreis Norden bis in die Städte Emden und Wilhelmshaven. Dazwischen liegt das Gebiet des Maschinenrings Aurich wie eine Insel.

Wiesmoor liegt mitten im Zentrum des Einsatzgebiets: Der Maschinenring Nordwest ist zuständig für die Landkreise Ammerland, Friesland, Leer und Wittmund sowie den Altkreis Norden bis in die Städte Emden und Wilhelmshaven. Grafik: Maschinenring Nordwest
Wiesmoor liegt mitten im Zentrum des Einsatzgebiets: Der Maschinenring Nordwest ist zuständig für die Landkreise Ammerland, Friesland, Leer und Wittmund sowie den Altkreis Norden bis in die Städte Emden und Wilhelmshaven. Grafik: Maschinenring Nordwest

In der Praxis arbeiten die Ringe trotzdem zusammen, wenn es eng wird, sagt Coordes – etwa dann, wenn auf einer Seite gerade keine Kraft mehr frei ist. Es ist schließlich egal, wo Hilfe gebraucht wird, ohne Unterstützung bleibt die Arbeit liegen. Die Folgen wären hart – nicht nur für die Tiere. Oft bricht auch die Einkommensgrundlage weg, wenn eine Person plötzlich ausfällt – doch dafür gibt es die Betriebs- und Haushaltshilfen.

Tabus, Ablauf, Tempo: Betriebshelferinnen in der Landwirtschaft

Sie übernehmen Aufgaben, die sich über Jahre eingespielt haben. „Die Betriebshelfer arbeiten sich vom ersten Tag richtig ein“, sagt Disponentin Frauke Coordes. Die drei hauswirtschaftlichen Betriebshelferinnen am Tisch nicken. In manchen Familien sei es am Anfang ein vorsichtiges Andocken: Wer macht was? Was ist tabu? Wie ticken die Menschen?

Ann-Katrin Meinen (zuständig für soziale Medien beim Maschinenring Nordwest in Wiesmoor, von links) mit den hauswirtschaftlichen Betriebshelferinnen Gesa Schröder, Maike Frerichs und Rebecca Weber sowie Maschinenring-Disponentin Frauke Coordes. Foto: Nicole Böning
Ann-Katrin Meinen (zuständig für soziale Medien beim Maschinenring Nordwest in Wiesmoor, von links) mit den hauswirtschaftlichen Betriebshelferinnen Gesa Schröder, Maike Frerichs und Rebecca Weber sowie Maschinenring-Disponentin Frauke Coordes. Foto: Nicole Böning

„Wir müssen erst einmal herausfinden, was von uns erwartet wird und wie viel die Familien von sich preisgeben wollen. Ist es zum Beispiel in Ordnung, wenn ich die Betten mache – oder ist das Schlafzimmer tabu?“, beschreibt Rebecca Weber diese ersten Absprachen. Wenn das steht, geht vieles erstaunlich schnell: Dann kocht, organisiert und räumt eine Fremde, als wäre sie schon lange Teil des Betriebs.

Silozeit und Maisernte: Wenn plötzlich zwölf Leute mitessen

Und genau dabei landen die Betriebshelferinnen schnell beim Essen. Wenn draußen die Arbeitsspitzen drücken – in der Silozeit oder später bei der Maisernte –, sitzen plötzlich zusätzliche Esser mit am Tisch und haben Hunger von der schweren Arbeit: Lohnunternehmer, Fahrer, Helfer. „Da muss alles schnell gehen, gut vorzubereiten sein“, sagt Rebecca Weber – vor allem, wenn die Zeit wegen des Wetters drückt.

Kochbuch „Kochlöffel & Kuhstall“

Die Rezepte der Betriebs- und Haushaltshilfen des Maschinenrings Nordwest in Wiesmoor gibt es als Kochbuch zum Nachkochen.

Preis: 17,50 Euro inklusive Versand

Bestellung: per Telefon oder WhatsApp unter 04944/9472-0 sowie per E-Mail an info@mr-nordwest.de

„Wenn man weiß: Morgen habe ich zwölf Mann am Tisch, dann muss das Essen stehen, auch wenn man nebenbei noch melken muss“, ergänzt sie. Aus solchen Situationen heraus ist bei Maike Frerichs die Idee gereift, Rezepte nicht nur zu kochen, sondern aufzuschreiben: erst als kleines Heft für eine Familie, die immer wieder nach den Basics fragte. Daraus entstand schließlich die Idee mit dem gemeinsamen Kochbuch der Betriebshelferinnen.

Maschinenring Nordwest: Von der Hauswirtschaft in den Stall

Maike Frerichs ist wie die anderen ausgebildete Hauswirtschafterin, springt aber bei Bedarf auch im Betrieb ein. Zwar kommen ihre Eltern vom Bauernhof und sie hat inzwischen selbst in die Landwirtschaft eingeheiratet, „aber ich konnte mir in der Ausbildung nicht vorstellen, in der Landwirtschaft zu arbeiten“, sagt sie. Den Weg zu den „Engeln in Grün“ und in den Stall fand sie durch Gesa Schröder.

„Als Maike überlegt hat, ob der Maschinenring etwas für sie sein könnte, habe ich in einer sieben Minuten langen Sprachnachricht von unserer Arbeit geschwärmt und gesagt, wie cool das alles ist“, sagt Gesa Schröder und grinst. Das hat gewirkt. Heute springt Maike Frerichs je nach Bedarf nicht nur im Haushalt ein, sondern auch dort, wo es auf dem Hof brennt.

Arbeiten mitten im Leben: Warum die „Engel in Grün“ weitermachen

Warum die Frauen so gerne die Aufgaben in fremden Küchen und Ställen übernehmen, beantworten sie ohne lange zu überlegen: wegen der Wirkung. Die Helferinnen kommen in Familien, in denen plötzlich etwas fehlt – Zeit, Kraft, manchmal auch einfach ein Plan für den nächsten Tag. „Dadurch, dass die Not in dem Moment sehr groß ist, ist auch die Dankbarkeit am Ende groß“, sagt Frauke Coordes. Am deutlichsten zeigen sie oft die Kinder, erzählt Gesa Schröder.

Vor dem Haus von Gesa Schröder in Schwittersum ist deutlich zu erkennen, woran es liegt, wenn einmal niemand auf das Klingeln reagiert. Foto: Nicole Böning
Vor dem Haus von Gesa Schröder in Schwittersum ist deutlich zu erkennen, woran es liegt, wenn einmal niemand auf das Klingeln reagiert. Foto: Nicole Böning

Manchmal hören die Helferinnen: „Ich möchte eigentlich gar nicht mehr, dass du gehst.“ Es sind Sätze wie dieser, die hängen bleiben, weil sie alles zusammenfassen. Es ist das, was den Frauen den Rücken stärkt, wenn bei ihnen jeder Handgriff sitzen muss. Nach Feierabend gehen sie mit dem Gefühl nach Hause, geholfen zu haben.

Kochlöffel & Kuhstall: Das Kochbuch als Arbeitsgerät

Vor allem für die stressigen Tage sind viele Rezepte in „Kochlöffel & Kuhstall“ gedacht: praktisch, ohne viel Klimbim, damit auf dem Hof weiterläuft, was nicht warten kann. Es ist so pragmatisch, wie die Frauen, die oft binnen Minuten wissen müssen, was als Nächstes zu tun ist. Die Rezepte sind übersichtlich in Tabellenform gegliedert. Es gibt eine Einkaufsliste. Die Ringbuchform verhindert, dass sich Seiten von allein umschlagen.

„Und das Buch ist abwischbar“, sagt Ann‑Katrin Meinen, die beim Maschinenring für die Kommunikation zuständig ist. Alle am Tisch wissen, warum. Das Buch ist keine Deko für die Küchenablage, sondern ein Arbeitsgerät – gemacht für Tage, an denen zwischen Stall und Herd niemand Zeit hat, die Seiten zu schonen. Ein Kochbuch, das beim Umblättern Mehl, Fett oder Kaffeeflecken abbekommt, muss das aushalten.

71 Rezepte in neun Kategorien: So viel Arbeit steckt drin

Meinen hat das Kochbuch mit den Betriebshelferinnen erstellt. Sie hat die Aufgabe von ihrer Vorgängerin Franziska Witte übernommen, die jetzt in Elternzeit ist. Die Idee, erzählen die Frauen, habe von Anfang an gezündet: „Die Idee ist direkt eingeschlagen wie eine Bombe“, sagt Meinen. Seit das Ringbuch da ist, wird es nicht nur auf den Höfen genutzt, sondern auch im eigenen Umfeld. „Bei uns im Büro wird das Buch von vorne bis hinten durchgekocht“, sagt Coordes. Ein Rezept nach dem anderen besteht den Praxistest.

Dass „Kochlöffel & Kuhstall“ so leicht und überschaubar daherkommt, liegt nicht daran, dass es wenig Arbeit war. Im Gegenteil: Die Frauen haben gesammelt, gestrichen, neu sortiert – bis aus vielen kleinen Zetteln und Ideen ein Buch wurde, das im Alltag funktioniert. Am Ende stehen 71 Rezepte in neun Kategorien. Dazwischen liegen, wie Rebecca Weber sagt, „Stunden über Stunden“ Arbeit – und die Erfahrung, dass man irgendwann betriebsblind wird. „Am Ende fehlt doch beim Buttermilchkuchen die Buttermilch“, sagt Ann‑Katrin Meinen und lacht. Der Fehler soll bei einer neuen Ausgabe korrigiert werden.

Nach dem Einsatz auf dem Bauernhof bleiben die Rezepte

Dass es die organisierte Hilfe für landwirtschaftliche Betriebe gibt, liegt an den Veränderungen in der Arbeitswelt. Lange wurden landwirtschaftliche Betriebe vor allem von der Familie getragen. Doch mit der Entwicklung zu größeren Betrieben und weniger Arbeitskräften ist der Druck für die Landwirte gestiegen. Deshalb haben sie sich in den 50er und 60er Jahren zusammengeschlossen: zu Betriebshelfergemeinschaften und Maschinenringen.

Viele Einsätze beginnen, weil auf einem Hof plötzlich etwas wegfällt. Sie enden erst, wenn der Alltag wieder trägt. Was dann bleibt, wenn die Betriebshelferinnen den Hof wieder verlassen, ist nicht nur die Erinnerung an eine Zeit, in der jemand eingesprungen ist. Manchmal bleibt auch etwas ganz Praktisches zurück: ein Rezept, das weitergekocht wird – aus „Kochlöffel & Kuhstall“, dem Ringbuch der „Engel in Grün“.

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