Berlin  Vicky Krieps: Lachanfall und Depression nach Kuchen-Überdosis

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 27.02.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Vicky Krieps hatte bei Dreh von Jim Jarmuschs „Father Mother Sister Brother‘‘ zu viel Kuchen. Foto: IMAGO/ZUMA Press / Alberto Terenghi/ Independent Photo Agency Int. /
Vicky Krieps hatte bei Dreh von Jim Jarmuschs „Father Mother Sister Brother‘‘ zu viel Kuchen. Foto: IMAGO/ZUMA Press / Alberto Terenghi/ Independent Photo Agency Int. /
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Vicky Krieps musste in Jim Jarmuschs neuem Film tagelang Kuchen essen. Im noz-Interview spricht sie über die verheerenden Folgen von viel zu viel Zucker.

Die Deutsch-Luxemburgerin Vicky Krieps gehört zu den erfolgreichsten Hollywood-Exporten des Landes. In Jim Jarmuschs neuem Film „Father Mother Sister Brother“ (Filmstart 26. Februar) spielt sie eine fatale Teeszene, bei der sie zum ersten Mal verstanden hat, warum ihre Kinder nicht so viel naschen sollen. Ein Gespräch über die Mode, gute Laune und die besten Schauspielerinnen der Welt.

Frage: Frau Krieps, in Ihrem neuen Film sitzen Sie mit Charlotte Rampling und Cate Blanchett vor lauter edlen Törtchen und Sandwiches. Durften Sie die nach Drehschluss alle aufessen?

Antwort: Dürfen? Ich musste. In jeder Szene. Charlotte Rampling hat sofort gesagt, dass sie vor der Kamera gar nichts isst. Was soll man machen? Sie war die Älteste, das geht vor. Cate Blanchett hat auch verweigert. Ich war dann diejenige, die abbeißen musste. Einer musste essen und ich habe gegessen. Immer wieder. Man wiederholt ja jede einzelne Szene wer weiß wie oft, und das über viele Tage. Einmal habe ich dann – ich weiß nicht, nach wie viel Kuchen – einen schrecklichen Lachanfall gekriegt. Es war unglaublich und auch überhaupt nicht mehr lustig. Ich war hysterisch. Und dann, eine Stunde später, tief depressiv.

Frage: Von einer Überdosis Kuchen?

Antwort: Erst habe ich das selbst nicht verstanden. Aber dann wurde mir klar: O Gott, das war mein erster Zucker-Flash. Das kannte ich vorher nur von meinen Kindern. Erst war ich völlig neben mir und dann depressiv.

Frage: Dass am Ende Sie essen mussten, klingt fast nach einer Hierarchie. Charlotte Rampling und Cate Blanchett sind ja auch wirklich jeweils die Besten ihrer Generation. Ist man über so umwerfende Kolleginnen nur glücklich oder auch ein bisschen ängstlich?

Antwort: Beides. Ich habe diese Hierarchie angenommen und den beiden sehr gern meinen Respekt gegeben. Anfangs hatte ich Angst, ob ich ihnen gerecht werde. Aber natürlich ist es ein ganz großes Glück. Ich finde diese Frauen toll, und ihnen beim Spielen zuzugucken, war ein Geschenk. Das Set habe ich nur im Notfall verlassen. Ich saß immer da und habe alles beobachtet. Wie ein Zuschauer im eigenen Film.

Frage: Wie haben Sie sich miteinander verstanden?

Antwort: Cate und ich haben einmal beim Inder gegessen, und dann sagt sie: „Weißt du was, Vicky, Jim ist der Erste, der uns als das besetzt, was wir wirklich sind.“ Ich werde ja oft für Frauenrollen genommen, die was aushalten müssen und ganz brav sind. Sie wird als Freigeist besetzt und spielt starke Frauen, die fast männliche Eigenschaften haben: Durchsetzungskraft, Kontrolle und so weiter. Am Set haben wir dann festgestellt: Cate Blanchett ist in Wahrheit ein Streber – genau wie ihre Figur. Sie ist vollkommen ernst und lernt immerzu ihren Text. Alles an ihr muss passen und wird wieder und wieder geprüft. Ich dagegen sitze irgendwo hinten am Set, mache Späße mit dem Tonmann und habe die Schuhe auf dem Tisch. So bin ich als Mensch und so ist auch meine Figur.

Frage: In der Pandemie, als selbst Talkshows ihre Gäste nur per Zoom einladen konnten, hat Cate Blanchett mal ein Interview vom Bett aus gegeben – im Schlafanzug.

Antwort: Sie hat vorher auf jeden Fall sehr, sehr oft in den Spiegel geguckt.

Frage: Ihr Regisseur Jim Jarmusch ist auch eine Legende. Was kann man von dem lernen?

Antwort: Jim hat eine sehr besondere Haltung dem Leben gegenüber. Er würde es schaffen, auf Ihre Frage jetzt mit dem Angeln zu antworten. Aber er würde auf eine Weise vom Angeln reden, die dann wirklich total sinnvoll wäre. Er ist immer in seinem eigenen inneren Raum. Er ist ehrlich, er hört dir zu, aber er bleibt bei sich. Jim ist völlig unabhängig von allem um ihn herum. Er ist nicht nur ein Independent-Regisseur, er ist wirklich unabhängig – auch im Denken. Das habe ich von ihm gelernt, diese künstlerische, poetische Unabhängigkeit.

Hier sehen Sie den Trailer zu Vicky Krieps’ neuem Film „Father Mother Sister Brother“:

Frage: „Father Mother Sister Brother“ ist ein Episodenfilm und Sie spielen im Mutter-Kapitel. Hätten Sie sich das auch selbst ausgesucht? Oder beschäftigen die Vaterbeziehung oder die Geschwister Sie mehr?

Antwort: Ich hätte auch den letzten Teil spielen können, der von zwei sehr engen Geschwistern und ihren abwesenden Eltern erzählt. Da musste ich an meinen Bruder denken. Mit der Geschichte, die ich jetzt spiele, habe ich mich aber auch direkt identifiziert, hier wegen meiner Schwester. Cate Blanchett spielt allerdings meine ältere Schwester. Im wirklichen Leben bin ich die Ältere. Und anders als Cate machen bei uns beide sehr viel Quatsch.

Frage: Sie sind die Älteste von drei Geschwistern. Prägt Sie das auch im erwachsenen Leben?

Antwort: Ja – ich muss mich immer kümmern, um andere Leute, um die Kinder. Ich bin immer der, der sich kümmert. Auch wenn ich rumkaspere, bin ich innerhalb von einer Sekunde wieder hellwach, sobald was passiert. Wenn in der Küche was runterfällt oder sich einer wehtut, bin ich augenblicklich nur noch für dieses Problem da.

Frage: Taylor Swift hat einen Song über älteste Töchter geschrieben. „Every eldest daughter was the first lamb to the slaughter“, singt sie. Als Älteste wird man zuerst geschlachtet. War es bei Ihnen auch so schlimm?

Antwort: Ich habe jedenfalls oft das Gefühl gehabt, dass ich meine Schwester vor Sachen bewahrt habe. Das Undankbare daran ist, dass sie selbst das natürlich nicht mitbekommen hat. Wenn unsere Eltern sich gestritten haben, habe ich mich darum gekümmert, dass der Streit aufhört. Und wenn der Streit so schlimm war, dass unsere Mutter wütend im Schlafzimmer verschwunden ist, habe ich für Ablenkung gesorgt und schnell den Tisch aufgeräumt oder die Spülmaschine. Oder ich habe meine Geschwister einfach ins Kinderzimmer geschafft, damit sie nichts mitbekommen.

Frage: Ihre Mutter hat Kunst studiert und Ihr Vater war Präsident des Luxemburger Filmfonds. Im künstlerischen Beruf folgen Sie jetzt der Mutter. Und ihm folgen Sie als Präsidentin der Deutschen Filmakademie. Helfen oder hemmen Sie die Fußstapfen der Eltern?

Antwort: Das klingt alles größer, als es ist. Wir reden von Luxemburg. Ich komme aus einem ganz kleinen Land. Und alles, was in Luxemburg passiert, ist auch klein. Meine Mutter, leider, hat nach der Kunstakademie nie mehr gemalt. Sie hat Ausstellungen organisiert, aber nie für wirklich berühmte Künstler. Es war alles ganz klein und süß und provinziell. Sie hatte aber viele Kunstbücher und mir eine Idee von Kunst mitgegeben. Insofern war sie schon ein großer Einfluss. Meine Mutter hat sich auch schon immer anders angezogen. Für ihre Hochwasserhosen wurde sie ausgelacht. Heute sind die modern. Eine Zeit lang hatte sie Rastazöpfe. Anders denken, einen eigenen Stil entwickeln, dein eigener Mensch sein, dazu stehen und nicht nur gefallen wollen: Das hab ich von ihr.

Frage: Und der Vater?

Antwort: Als ich klein war, habe ich gar nicht mitbekommen, was der macht. Der Filmfonds war eher ein Ehrenamt. Hauptberuflich hat er für einen Verleih gearbeitet. Die haben alte Filme gekauft, restauriert und ans Fernsehen verkauft. Er hat uns zu Hause Klassiker gezeigt, Visconti oder „La Belle et la Bête“ von Jean Cocteau. Nach diesem Märchenfilm habe ich zum ersten Mal über Schauspielerei nachgedacht.

Frage: Was hat Sie da so berührt?

Antwort: Das Fantastische und Fantasievolle. Das hat mich mit acht Jahren interessiert. Da habe ich begriffen, dass das ein Beruf ist, dass es Menschen gibt, die sich ihre eigenen Welten machen. Da wollte ich mitmachen, wenn auch nicht als Schauspielerin. Schauspielerinnen waren für mich Frauen, die lange Kleider anhaben und immerzu ohnmächtig auf eine Bank sinken. Heute finde ich das ganz toll. Als Kind dachte ich nur: Hä? Was ist mit der los?

Frage: Frau Krieps, was haben Sie da eigentlich am Handgelenk? Haben Sie sich verletzt oder ist das der Einlassstempel von einem Club?

Antwort: Ich komme vom Drehen in L. A. und da haben sie mir das Handgelenk abgeschminkt. Wenn man es abwischt, ist darunter ein Tattoo.

Frage: Lustig, dass Sie Make-up erwähnen. Eine Kollegin hatte mich gebeten, auch Ihre Hautpflegeroutine abzufragen. Mein Tipp war: Sie haben gar keine, sondern sehen wirklich so aus.

Antwort: Durch den Beruf bin ich natürlich mit tollen Cremes und solchen Sachen konfrontiert. Ich versuche immer, dass es so wenig und so natürlich wie möglich ist. Ein paar Dinge würde ich eigentlich gern übernehmen. Aber ich kann mir das alles nicht merken und habe es sowieso nicht so mit Routinen. Am Ende bleibt nur: Gesicht waschen und Feuchtigkeitscreme. Das ziehe ich durch.

Frage: Am Ku’damm hängt vor dem Designerladen Bottega Veneta ein riesiges Foto von Ihnen. Wie fühlt man sich, wenn man plötzlich als Model angefragt wird? Angemessen gewürdigt oder als Hochstaplerin?

Antwort: Vor Bottega hatte ich auch schon mal was mit Chanel zu tun. Aber die fragen mich ja nicht als Model an. Das sind Kampagnen, in denen auch Musiker und Künstler mitmachen. Die wollen dich mit deiner Identität in ihrem Katalog haben. Darum geht es heute ja immer: Man muss in diese leere Welt Inhalte reinbringen. Ich soll da kein Model sein, sondern ein Mensch. So habe ich das immer verstanden.

Frage: Ich glaube, Sie sind trotzdem eine Fashion-Ikone. Als solche würde ich Sie gerne fragen: Was ist ein guter Look für Männer über 50?

Antwort: Also – Männer über 50 sollten Dinge tragen, die bequem sind. Die sollten nicht versuchen, sich in irgendwas reinzumanövrieren, was dann peinlich ist. Eine tolle Grundlage wäre vielleicht so eine Anzughose aus den 40er-Jahren. Kennen Sie die? So eine weite und lockere, die hoch über der Hüfte sitzt. Das findet man sicher auch in Vintage-Läden.

Frage: Frau Krieps, auf allen Fotos, die ich von Ihnen kenne, leuchten Sie. Sie sehen glücklich aus – so als würden Sie jeden Menschen lieben und alle Menschen Sie. Ist das so?

Antwort: Ich weiß nicht, wo ich das herhabe. So war ich schon als Kind. Da bin ich in den Wald gegangen, habe mit den Bäumen geredet und gedacht: Ach, ich liebe die Welt und die Welt liebt mich. Ich bin auch durchaus mal depressiv, schlecht gelaunt und nicht gut drauf. Trotzdem – eigentlich haben Sie recht. Ich liebe jeden Menschen und gehe davon aus, dass jeder mich liebt. Aber ich weiß natürlich auch, dass das nicht stimmt.

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