Osnabrück Berlinale-Eklat um Gaza: Nehmt den Film gegen diese Filmemacher in Schutz
Die neue Publikumsbeschimpfung auf der Berlinale sorgt für einen Eklat. Unabhängig von politischer Meinung zu bestimmten Fragen – wer Menschen bedroht, geht einfach zu weit.
Kunst soll provozieren. Welche Banalität. Auch eine Publikumsbeschimpfung steckt man schon einmal weg. Aber muss sich das Publikum von der Bühne herab bedrohen lassen? „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war“: Dieser Satz hallt nach. Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib hat ihn bei der Preisverleihung der letzten Berlinale gesagt, als er gerade für das beste Spielfilmdebüt ausgezeichnet worden war.
Worum ging es? Um den besten Film oder die richtige Weltanschauung? Um Kunst oder um Parteinahme, in diesem Fall für Palästina und gegen Israel? Kunst und Kultur sind immer auch politisch, weil sie nun einmal in gesellschaftlichen Kontexten stattfinden. Wieder eine Banalität. Wer Kunst und Kultur allerdings mit weltanschaulichen Manifesten flutet, löst ihren Bereich restlos in Politik auf. Künstler unter ständigem Bekenntniszwang hören irgendwann auf, Künstler zu sein.
Ich finde den Satz von Abdallah Alkhatib unerträglich. Nicht, weil ich ihn persönlich nehmen würde. Ich könnte ein solches Maulheldentum auch einfach an mir abprallen lassen. Ich finde diesen Satz unerträglich, weil er jene Friedenspflicht verletzt, die für die Sphäre der Kultur, für den Bereich der Künste gelten muss. Ich finde diesen Satz bodenlos, weil hier jemand genau jene Welt attackiert, die ihm Aufmerksamkeit und eine Bühne bietet – die Welt der Kultur.
Dabei spitzt der Spruch des Regisseurs nur jenen Streit zu, der schon die ganze Berlinale geprägt hat. 80 Filmemacher hatten in einem Offenen Brief das Schweigen der Berlinale zum Krieg in Gaza kritisiert. Stars wie Javier Bardem und Tilda Swinton gehörten zu den Unterzeichnern. Viele Beobachter werteten die Reaktion des Jurypräsidenten Wim Wenders als schwächlich, weil er verlangt hatte, dass sich die Filmbranche aus der Politik heraushalten sollte.
Aber war das wirklich eine schwache Reaktion? Ich finde, dass der Satz von Wenders anders zu sehen ist, nämlich als Versuch, den Raum des Films und damit der Künste überhaupt zu schützen. Filme sollten keine Leitartikel sein, Romane keine Posts, Bilder keine Statements. Sie sollten Kunstwerke sein. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete Filme zur Eröffnung der Berlinale noch als „Waffen im Kampf um Freiheit und Menschenwürde“. Was für eine zweischneidige Aussage.
Sicher, auch Filme, Romane, Bilder stehen für Freiheit und Menschenwürde, aber sie sind keine bloßen Instrumente in einem politischen Engagement und mag es noch so ehrenwert sein. Filme, Romane, Bilder, Kunstwerke überhaupt sind zunächst einmal frei – auch von politischen Positionierungen. Das ist womöglich ihre wichtigste Funktion in der Gesellschaft und für ein schönes, weil erfülltes Leben. Sie bieten Freiräume für eine Wahrnehmung und Diskussion, die nicht unter dem Primat der politischen Parteinahme steht. Ich halte gerade diese Freiheit der Kunst für eminent politisch und deshalb für überaus schützenswert.
Die Berlinale hat wieder einmal gezeigt, wie Kulturakteure die Freiräume der Kultur verengen, ja, beseitigen, wenn sie Kunst und Kultur unter das Diktat weltanschaulicher Bekenntnisse stellen. „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war“. Dieser Satz eines Preisträgers der Berlinale ist eine rüde Drohung. Sie gilt einer Freiheit, an der alle teilhaben, die in einer demokratischen Gesellschaft leben.
Für diesen Satz von Abdallah Alkhatib kann es keine Akzeptanz geben, so wenig wie für die Forderung der AfD in Sachsen-Anhalt, Kultur habe deutsch zu sein – was immer das heißen mag. Kein Wunder, dass der frisch gewählte neue Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, Markus Hilgert, gerade die Losung ausgibt, Kultur müsse Resilienz, also Widerstandsfähigkeit entwickeln, auch gegen „anti-demokratische Einflüsse“. So weit sind wir schon.