Berlin  Berlinale-Chefin wegen Gaza feuern? Das erst wäre ein Skandal

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 26.02.2026 14:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Muss man die Berlinale-Chefin feuern, weil sie sich mit Palästinensern fotografieren lässt? Über die Auswüchse der aktuellen Festivaldebatte.

Die Berlinale gilt als das politischste der großen Filmfestivals. Und das seit ihrer Gründung. Gefüllt wurde dieser Begriff in 76 Ausgaben aber ganz unterschiedlich. Im Kalten Krieg startete die Berlinale zum Beispiel als „Schaufenster der freien Welt“. Mit der Entspannungspolitik wandelte sie sich zum Ort des Austauschs, an dem auch ostdeutsche Filme liefen. Politisch war die Berlinale damals in der Frage, was gezeigt wird. Und weniger in der, was gesagt wird.

Das gilt dann auch für die Entdeckung von Asiens Filmwelt, für Irans verfolgtes Kino oder für die schwul-lesbischen Produktionen, die in Berlin zum ersten Mal einen eigenen Preis bekamen. Auch die Berlinale-Skandale entzündeten sich über Jahrzehnte an den Filmen selbst – an der Kunst. Jurys traten zurück, Delegationen reisten ab, weil Werke wie „o. k.“, „The Deer Hunter“ und „Stammheim“ mit Vietnam und der RAF provokativ sensible Debatten aufgriffen.

Seit einigen Jahren sorgen kaum noch die Filme für Aufsehen, sondern die Statements der Filmemacher. Und die Positionierung des Festivals dazu. Erst ging es um Ein- und Ausladungen von AfD-Politikern. Und dann – noch unversöhnlicher – um Israel und Gaza. In diesem Jahr hat der syrisch-palästinensische Preisträger Abdallah Alkhatib in seiner „Dankesrede“ Israel Völkermord vorgeworfen und Deutschland Komplizenschaft. Der Umweltminister verließ den Saal.

Die Rede hat es geschafft, den knapp 280 Filmen des Festivals die Aufmerksamkeit zu rauben. Und das, obwohl die genau das hinkriegen, woran Statements regelmäßig scheitern: das Gespräch eröffnen, Ambivalenzen und Zwischentöne herausarbeiten, Verständnis für den anderen herstellen. Womöglich war es das, was der Jury-Präsident Wim Wenders mit seinem – ebenfalls aufgeregt diskutierten – Wunsch meinte: Man solle die Filmkunst aus der Politik raushalten.

Man kann beklagenswert finden, dass so viele Künstler es anders sehen. Verbieten kann man es nicht. Zurzeit steht ein von der „Bild“ gestreutes Gerücht im Raum, wonach der Kulturstaatsminister die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle abberufen könnte. Wegen der Rede Abdallah Alkhatibs. Und wegen eines Fotos, auf dem Tuttle, Alkhatib und dessen Crew zu sehen sind, die Filmleute mit Palästinensertüchern und -flaggen.

Man muss Alkhatibs Haltung nicht teilen. Man kann seinen drohenden Tonfall empörend finden und mit der Tür knallen. Wenn man es mit der Meinungsfreiheit ernst meint, dann muss die aber auch für Provokationen gelten. Die Intendantin auszutauschen, wäre genau die Zensur, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer selbst für die Berlinale ausgeschlossen hat. In die Welt würde das ein fatales Signal zur Redefreiheit in Deutschland senden. Nach innen macht es denen Mut, die dem liberalen Kulturbetrieb auch sonst gern den Mund verbieten würden.

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