Oslo Norwegens Sportwunder: Warum die Skandinavier den Wintersport dominieren
Norwegen bleibt die dominierende Kraft im Wintersport – auch bei den Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo rangiert Norwegen ganz oben im Medaillenspiegel. Das Land mit nur rund 5,5 Millionen Einwohnern lässt erneut deutlich größere Sportnationen hinter sich. Wie machen die das?
Norwegen setzt seinen Siegeszug im Wintersport auch bei den Olympischen Spielen 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo ungebremst fort. Mit nur rund 5,5 Millionen Einwohnern gelingt es dem skandinavischen Land erneut, deutlich größere Sportnationen hinter sich zu lassen. Norwegen steht im Medaillenspiegel wieder mal an der Spitze und hat im ewigen Ranking der Winterspiele Deutschland inzwischen den Rang abgelaufen. Seit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi stehen die Skandinavier in diesem Ranking ganz vorne. Dieser Erfolg ist jedoch kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer tief verwurzelten Kultur und eines speziellen Fördersystems.
Die Grundlage für die norwegische Dominanz bildet das sogenannte „Friluftsliv“, die Begeisterung für das Leben im Freien. Wie die Biathlon-Ikone Ole Einar Björndalen gegenüber „t-online“ erklärte, spiele der Sport in der norwegischen Kultur eine weitaus größere Rolle als in anderen Ländern. Man genieße es einfach, draußen zu sein; Bewegung gehöre zum Alltag dazu. Der Präsident des norwegischen Skiverbandes, Erik Röste, untermauert dies laut „Deutschlandfunk“ mit der Redewendung, dass Norweger bereits mit Skiern an den Füßen geboren würden. Skifahren sei Teil des kulturellen Erbes und kein bloßer Zweck zur Leistungssteigerung.
Ein entscheidender Faktor ist dabei die schiere Masse an Aktiven. Mit etwa 1150 Skiklubs im ganzen Land verfügt Norwegen über einen riesigen Talentpool. Laut Medienberichten nehmen rund 80 Prozent aller Kinder in den jeweiligen Regionen an Vereinsaktivitäten teil. Dabei steht zunächst nicht der Erfolg im Vordergrund, sondern die „Idrettsglede“ – die Freude am Sport.
Im Gegensatz zu vielen anderen Sportsystemen verzichtet Norwegen im Kindesalter bewusst auf harten Wettbewerb. Bis zum Alter von 13 Jahren stehen die Entwicklung und Spaß im Fokus – offizielle Ranglisten oder Tabellen gibt es kaum. Kinder werden ermutigt, verschiedene Sportarten auszuprobieren, was eine breite motorische Basis schafft. Eine Spezialisierung erfolgt meist erst im späten Teenageralter. Dieser Ansatz fördert laut Experten die intrinsische Motivation und verhindert, dass vermeintliche Talente früh schon entnervt die Segel streichen.
Wenn die Athleten schließlich den Weg in den Spitzensport einschlagen, profitieren sie von einer engen Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen. Erfolge werden als Mannschaftsleistung verstanden. Zudem konzentriert sich Norwegen strategisch auf medaillenreiche Disziplinen wie Skilanglauf oder Biathlon, während kostenintensive Sportarten wie Bob oder Rodeln eine untergeordnete Rolle spielen.
Zudem bilden Sportvereine das Fundament des norwegischen Sports. Landesweit existieren über 12.000 Klubs, die größtenteils ehrenamtlich organisiert und geführt werden. Umfragen zufolge waren 80 Prozent der Norweger in ihrer Kindheit Mitglied in einem Verein, und etwa die Hälfte aller Jugendlichen ist heute aktiv dabei. Der „Norwegische Sportbund“ vereint 55 Fachverbände sowie das Norwegische Olympische Komitee unter seinem Dach. Finanziert wird das System vor allem durch die nationale Lotterie „Norsk Tipping“, die rund 64 Prozent ihrer Einnahmen – etwa 400 Millionen US-Dollar pro Jahr – an den Sport weitergibt. Zudem können Lotterieteilnehmer sieben Prozent ihres Einsatzes einem Verein ihrer Wahl zukommen lassen.
Trotz der sportlichen Erfolge ist das norwegische System nicht frei von Kritik und internen Spannungen. Ein langjähriger Streitpunkt ist der Umgang mit medizinischen Hilfsmitteln. Wie der „Deutschlandfunk“ bereits im Rahmen früherer Spiele berichtete, sorgte die Mitnahme von Tausenden Dosen Asthmamitteln für Diskussionen. Während der Verband betont, dass diese nur zur Behandlung erkrankter Sportler unter kalten Bedingungen dienten, betrachten Kritiker die schiere Menge mit Argwohn.
Auch der „Anzug-Skandal“ bei den norwegischen Skispringern sorgte für Spannungen zwischen den Athleten verschiedener Nationen. Der gute Ruf der Winternation Norwegen wurde angekratzt.