Zukunft der Fischerei Das Wattenmeer für die Fischkutter sperren?
Die Naturschutzorganisation WWF fordert vor Niedersachsens Küste ausgedehnte fischereifreie Flächen. Für die Küstenfischerei wäre das das Aus, sagt Vertreter Gerold Conradi.
Ostfriesland - „Das käme einem Fischereiverbot auf ganzer Linie gleich!“ Gerold Conradi aus Greetsiel hat sie alle gesehen: Die Vorschläge von Naturschutzverbänden wie dem WWF für fischereifreie Zonen vor der Küste Niedersachsens sehen vor, mehr als die Hälfte der Wasserflächen im Gebiet des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer für die Fischerei zu sperren.
„Wenn das so käme, dann könnten wir die Fischerei hier bei uns gleich ganz einstellen“, sagt der 2. Vorsitzende des Verbands der Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei im Landesfischereiverband Weser-Ems.
WWF-Plan: Mehr als die Hälfte des Wattenmeers soll fischereifrei werden
Der WWF-Vorschlag sieht vor, wertvolle Tidebecken zwischen Inseln und Festland, die Offshore-Gebiete vor Borkum und Juist sowie vor Wangerooge und Spiekeroog, das Wattgebiet zwischen Jade und Weser sowie Teile des Wattgebiets zwischen Weser und Elbe als fischereifreie Gebiete auszuweisen. Das entspricht gut 50 Prozent der Flächen im stets wasserbedeckten Teil des Wattenmeeres. Für den bei Ebbe trockenfallenden Teil des Wattenmeeres sieht der WWF eine fischereifreie Fläche von rund 60 Prozent vor. Zusammengenommen wären damit mehr als die Hälfte des Nationalparks in Zukunft für die Fischerei gesperrt.
Begründet wird die Stilllegung dieser Flächen von der Natur- und Umweltschutzorganisation damit, dass die Krabbenfischer ihre Flotte in den kommenden Jahren um 30 Prozent verkleinern müssen - also können sie künftig auch weniger fischen, so denkt der WWF. Man trage mit dem Vorschlag zudem der hohen Bedeutung der Osterems und des Ems-Dollart-Gebietes für die Krabbenfischerei Rechnung und spare diese genau wie wichtige Kulturflächen der Miesmuschelfischerei von der Stilllegung aus, so der WWF.
Fischereidialog in Niedersachsen: Gespräche über Nullnutzungsgebiete
Im April 2025 hatten Land und Fischereiverbände sowie die Küsten-Kommunen und Naturschutzverbände den Fischereidialog in Niedersachsen gestartet. Ziel ist, die niedersächsische Küstenfischerei für die Zukunft wirtschaftlich und ökologisch tragfähig auszurichten. Zudem sollen rechtliche Vorgaben für Umwelt- und Naturschutz umgesetzt werden - dazu gehört die Ausweisung fischereifreier Flächen. Gerold Conradi ist für die Fischerei an den Gesprächen zum „Fachkonzept Küstenfischerei und Naturschutz für das niedersächsische Küstenmeer“ beteiligt.
Hintergrund ist, dass die auf europäischer Ebene vereinbarte Biodiversitätsstrategie umzusetzen ist. Nach der sollen 30 Prozent aller Land- und Meeresflächen geschützt und jeweils 10 Prozent als Nullnutzungsgebiete ausgewiesen werden. „Diese 10 Prozent sind Grundlage unserer Verhandlungen, nicht die 50 Prozent des WWF - und daran halten wir Fischer fest“, betont Gerold Conradi. Denn: „Wir müssen unsere Flotte ja reduzieren, weil die Nordsee zum riesigen Industriepark geworden ist und unsere Fanggründe immer kleiner werden“, sagt der Fischer in 6. Generation, der selbst mehr als 40 Jahre mit dem Kutter gefischt hat. Dass Maximalforderungen wie die des WWF zum Tragen kommen, ist eher unwahrscheinlich.
Krabbenkutter, Häfen, Jobs: Fischer fürchten Folgen
Durch die Verkleinerung der Kutterflotte wird Druck von den Fanggebieten genommen - für die verbleibenden Fischer bleibt mehr übrig. An Niedersachsens Küste sind aktuell 114 Fischereifahrzeuge mit rund 317 Beschäftigten in insgesamt 17 Fischereihäfen registriert. 88 Schiffe der Flotte sind Krabbenkutter, fünf sind Muschelfischer. „Wenn knapp jeder dritte Kutter wegfällt, fallen auch Arbeitsplätze an Land weg“, sagt Conradi: In Greetsiel etwa seien rund 200 Beschäftigte in Voll- und Teilzeit allein mit der direkten Fischerei beschäftigt. Hinzu kommen Werften, Schiffsausrüster, Schlossereien und zahlreiche weitere Betriebe, die die Verkleinerung der Flotte alle spüren dürften. „Und für die gibt es keine Stilllegungsprämien wie für die Kutter.“
Und so gilt: „Schon der Wegfall von 10 Prozent Fischereifläche tut uns weh, weil das Auswirkungen auf die Existent vieler Betriebe hat“, sagt Gerold Conradi. Das sieht auch die fischereipolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Landtag, Landtagsabgeordnete Katharina Jensen (Friesland) so. „Naturschutz im Wattenmeer ist wichtig und richtig“, betont sie.
Fischereibetriebe stellen sich längst die Existenzfrage
Doch da die Flächenkonkurrenz bereits heute sehr groß ist, sei die Größe der Fanggebiete inzwischen eine Existenzfrage: In den vergangenen Jahren wurde die Fischerei bereits durch den Ausbau der Offshore-Windkraft, durch Infrastrukturmaßnahmen sowie durch die Kabeltrassen und Schutzkorridore massiv eingeschränkt, erklärt Katharina Jensen.
„Viele Betriebe stehen vor strukturellen Entscheidungen. Gleichzeitig müssen Bewirtschaftungspläne, etwa in der Muschelfischerei, fortgeschrieben werden. Vor diesem Hintergrund müssen wirtschaftliche Auswirkungen vollständig und realistisch bewertet werden“, fordert sie im laufenden Prozess. Katharina Jensen kritisiert, dass Schiffe unter zwölf Metern Länge in die zugrundeliegende Analyse nicht einbezogen wurden. „Gerade diese kleineren Schiffe sind jedoch ein relevanter Bestandteil der niedersächsischen Küstenfischerei“, so Jensen. Ihre Nichtberücksichtigung könne daher die tatsächliche regionale Betroffenheit nur eingeschränkt abbilden.
Derzeit läuft die Verbandsbeteiligung, das Stilllegungskonzept soll schon im März vorgelegt werden. Insgesamt sollen rund 54.710 Hektar des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer als vollständig fischereifrei ausgewiesen werden.
Die Krabbenfischerei und die Umwelt
Der Naturschutzverband WWF sieht in der Krabbenfischerei eine Gefährdung der Meeresumwelt: Die Fischerei könne die Natur erheblich schädigen, etwa durch hohe Beifangraten, so die WWF-Fischereiexpertin Catherine Zucco: „In den bodenberührenden Schleppnetzen der Kutter landen neben den Garnelen viele junge Plattfische und andere Meeresbewohner, die dann dem Ökosystem fehlen. Bei einigen Arten, etwa bei jungen Miesmuscheln oder Seegras, kann schon ein einmaliger Schleppvorgang die Wiederansiedlung zunichtemachen“, sagt sie. Die einst weit verbreiteten Sandkorallenriffe seien bereits zerstört worden. Die Forderung des WWF: „Die geplante Flottenreduzierung muss sich angemessen in der Fläche widerspiegeln. Weniger Kutter brauchen weniger Platz, für die Natur können störungsfreie Refugien im Schutzgebiet entstehen. So lässt sich der Fischereidruck auf ein weitgehend nationalparkverträgliches Maß verringern und mehr Rechtssicherheit für die Fischerei schaffen“, erläutert WWF-Expertin Zucco. Auf der anderen Seite, so entgegnen Fischereiverbände, habe sämtliche Forschung zu den Auswirkungen der Krabbenfischerei auf die typischen Sandlebensräume im Wattenmeer lediglich kurzfristige und damit reversible Störungen ergeben. Das liegt daran, dass die natürlichen Störungen - Strömung, Wellen, Stürme - sehr groß sind und die fischereiliche Störung somit lediglich Hintergrundrauschen ist. Das bedeutet: ein Fischereiverbot führt vor dem Hintergrund der anderen Eingriffe kaum zu einer spürbaren Verbesserung des Umweltzustandes. Die Fischerei hängt von einer gesunden Natur ab, weswegen sie kein Interesse an einer nachhaltigen Schädigung des Küstenmeeres hat.