Zürich Epstein ist ein Mossad-Agent und sein Netzwerk verübt Ritualmorde: Verschwörungstheoretiker sehen Überzeugungen bestätigt
Die Epstein-Akten scheinen Verschwörungstheorien über geheime Eliten zu bestätigen. Eine genauere Analyse der Dokumente zeigt jedoch ein anderes Bild und entlarvt dabei alte antisemitische Muster.
Infolge der neuesten Welle der Veröffentlichung von Epstein-Dokumenten dürfte vielen Beobachtern – gleich welchen politischen Lagers – ein Stein vom Herzen gefallen sein. Man habe es schließlich schon immer gewusst: Die reichen Eliten sind nicht nur korrupt, sondern auch pervers. Wer so weit oben steht, muss Dreck am Stecken haben.
Der Sänger Xavier Naidoo, der seit Jahren mit Verschwörungstheorien auffällt, sprach an einer Demonstration in Berlin von „Kinderfressern“ und „Dämonen“, die er gern ihrer gerechten Strafe zuführen würde.
Dass es eine abartige Elite gibt, die systematisch Kinder missbraucht, ist auch für Joe Rogan vorstellbar, einen der weltweit bekanntesten Podcaster. Rogan fabulierte kürzlich über die Möglichkeit organisierter satanistischer Menschenopferungen in höchsten, seit Jahrhunderten operierenden Geheimbünden. Mit den Epstein-Files liegen für solche Verschwörungsgläubigen nun die endgültigen Beweise für ein globales Netzwerk mörderischer Pädokrimineller vor.
Auf den ersten Blick tun sich, wie es jetzt oft heißt, Abgründe auf. Die Indizien dafür, dass Jeffrey Epstein – seit 2008 ein verurteilter Sexualstraftäter – entgegen seiner Selbstdarstellung als philanthropischer Mäzen Zwangsprostitution und Menschenhandel, teilweise mit Minderjährigen, betrieb, scheinen sich für viele zu erhärten, auch wenn die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.
Auf den zweiten Blick sind die Epstein-Files aber auch weniger ungeheuerlich als angenommen: Die angeblich dunklen Machenschaften sind offen dokumentiert, viele der Epstein-Mails sind banal, die Bezichtigungen der Kontaktschuld sind vor dem Hintergrund von Epsteins weitläufiger Vernetzung überzogen.
Auch der Pädophilie-Vorwurf ist bis auf Weiteres eine Fantasterei, wenn man bedenkt, dass sich eine pädophile Neigung auf vorpubertäre Kinder als Sexualobjekt richtet. Derartige Sexualverbrechen konnten Epstein bislang nicht nachgewiesen werden.
Doch große Teile der Öffentlichkeit gieren nach Schauergeschichten, die bestätigen, was sie schon immer erfühlt haben. Deswegen stürzten sich viele Nutzer in den sozialen Netzwerken auf diejenigen veröffentlichten Ermittlungsunterlagen, die Zeugenaussagen mit zum Teil abstrusen Schilderungen von Ritualmorden und Menschenopfern enthalten.
Dabei handelt es sich um Aussagen von teilweise anonymen Hinweisgebern, die von den Ermittlern als nicht glaubwürdig eingestuft wurden – was in den öffentlich einsehbaren Dokumenten auch entsprechend vermerkt ist. Die öffentlich auftretenden Opfer haben nie Ähnliches geschildert.
Die Aussagen weisen mitunter starke Ähnlichkeiten mit den Horrorlegenden auf, die im Zuge der „Satanic Panic“ in den 1980er-Jahren aufkamen und im Diskurs um rituellen Kindesmissbrauch teilweise bis heute existieren. Die Erinnerungen der vermeintlich massenhaften Opfer drehen sich dabei um organisierten, okkult beeinflussten Missbrauch und gemahnen inhaltlich an die „120 Tage von Sodom“ des Marquis de Sade: Konsum von Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen, sadistische Sexualpraktiken, Inzest, Kannibalismus, Kindsmord.
Als Gründe für die oft verspätet wieder aufgetauchten Erinnerungsfetzen geben die Opfer Verdrängung oder aufgezwungene Gedankenkontrolle an. Der Unterschied zu den heutigen Gerüchten über die diabolische Elite: Bei den der rituellen Gewalt Beschuldigten handelte es sich um Personen, die den Opfern nahestanden – Nachbarn, lokale Sekten oder gar die eigene Familie.
Kulturwissenschaftliche Betrachtungen interpretieren die „Satanic Panic“ aus heutiger Sicht als Hysterie-Phänomen. Dieses dient einerseits dazu, reale gesellschaftliche und kulturelle Verschiebungen und Unsicherheiten zu verarbeiten. Andererseits entfaltete es ab seiner Entstehungszeit einen ungeheuren popkulturellen Reiz in Form von Metal-Musik oder Horrorfilmen, die mit dem Okkulten kokettieren.
Was insbesondere in den USA Aufregungsmaterial für radikal-evangelikale Kreise und die Boulevardpresse war, ist inzwischen kulturelles Sediment: Geschichten über Verschwörungen, Bestialität im Verborgenen und die privilegierte Sphäre der Prominenz bleiben beliebt.
Für besonderen Nervenkitzel sorgt es, wenn kollektive Albtraumvisionen plötzlich in den allzu geheimnislosen Alltag einbrechen. Die Publizistin Katharina Rutschky sprach im Zusammenhang mit dramatisierenden Kindesmissbrauchssorgen in den 1990er-Jahren von einem „empathischen Voyeurismus“: Sie kritisierte die Debatten dafür, mit Angstlust besetzte Fantasien auszupinseln. Man verlagere die kulturelle Unlust am ambivalenten Charakter des Sexuellen nach außen und personifiziere sie in Gestalt des lüsternen Sittenstrolchs.
Denn was abstößt, das fasziniert auch. Das konnte man vor zehn Jahren beobachten, als die „Pizzagate“-Verschwörungstheorie populär wurde. Auf der Online-Plattform 4chan behaupteten einige Nutzer, dass sich in den geleakten E-Mails des Politikberaters John Podesta Code-Sprache finde, um im Geheimen über Kindesmissbrauch kommunizieren zu können. Der Begriff „Pizza“ stehe für Mädchen, und eine Pizzeria in Washington (DC) sei die Zentrale zur Organisation des Missbrauchs. Das den Teufel anbetende Netzwerk sadistischer Pädophiler reiche bis in höchste Politikerkreise und die Welt der Hollywoodstars, hieß es.
Akribisch wurde aus verstreuten E-Mails ein globales Komplott ersonnen, als wollte man sich selbst beweisen, dass man im Gegensatz zu denen da oben noch nicht korrumpiert ist: Immerhin das hat man den Schönen, Reichen und Mächtigen voraus, so die tröstende Vorstellung, die das Erschauern erst richtig wohlig macht. Die „Pizzagate“-Anhänger hofften vor den amerikanischen Wahlen 2016 auch darauf, dass Donald Trump nach dem Wahlsieg endlich aufräumen würde mit dem dekadent-perversen Establishment-Sumpf.
Zur ungehemmten Lust an solchen Strafphantasien notierte der Philosoph Max Horkheimer: „Welch ungeheure Masse verdrängter Wünsche nach anderer als regulär genitaler Triebbefriedigung muss in den Menschen wohnen, da sie immer zur Wut bereit sind, wenn das Wort Perversion ertönt.“ Es sei „keine Marter zu furchtbar, keine den Massen genug – denn keine ist stark genug, dass sie den Brand in sich löschen können“.
2026 ist die Heilsbringer-Fiktion zwar mehr als enttäuscht, „Pizzagate“ jedoch nicht verschwunden: Weil auch in den Epstein-Mails Begriffe und Formulierungen vorkommen, deren Kontext und deren Bedeutung sich nicht sofort erschließen, sieht man sich erneut bestätigt, dass hier mit einer Geheimsprache über dämonisches Treiben kommuniziert wird.
So versucht der frühere Nachrichtenmoderator Tucker Carlson, „Pizzagate“ mit den Epstein-Files zusammenzubringen – vor einem Millionenpublikum, das an allem zweifelt, außer am eigenen Zweifel aus Prinzip. Die Klicks sind sicher, weil sich jeder an der Spurensuche beteiligen will. Apophänie – von altgriechisch „apophaínein“, zeigen oder erscheinen – nennt man dieses pathologische Wahrnehmen vorgeblicher Muster, Zusammenhänge und verborgener Botschaften.
Der Epstein-Skandal, so ungeheuerlich die kriminelle Energie dahinter ist, offenbart, wie das Abartig-Unmenschliche im Tun der Mächtigen ersehnt wird. Es ist die Logik: Wer unbegrenzte Möglichkeiten hat, wird sich nicht an zivilisatorische Schranken halten. Erst recht gibt es keinen Halt vor dem Tabu, auf das sich alle einigen können: den Zugriff auf die körperliche Unversehrtheit von Kindern. Einige Online-Reaktionen lesen sich wie Elegien auf die eigene Unschuld angesichts einer monströsen Umwelt. Wer den eigenen Schockzustand nicht bekenntnishaft offenlegt, macht sich verdächtig.
Es überrascht nicht, dass all das an alte antisemitische Wahnphantasien anknüpft. Juden standen schon im Mittelpunkt mittelalterlicher Ritualmordlegenden. Vorgeworfen wurde ihnen nicht nur systematischer Mord an christlichen Kindern, sondern auch das Trinken von Blut oder dessen Verwendung zum Brotbacken. Eine Abwandlung dieser Schreckensgeschichten fand sich vor einigen Jahren in der QAnon-Verschwörungstheorie, die der High Society vorwarf, Kinderblut zum Zweck der Verjüngung zu trinken.
Teilweise werden diese okkulten Rituale nun direkt dem rabbinischen Judentum beziehungsweise der Kabbala, also der Tradition jüdischer Mystik, zugeschrieben. Parallel dazu verbreiten sich in den sozialen Netzwerken mit KI erstellte Bilder von Epstein, die ihn in Israel lebend zeigen. Es wird behauptet, Epstein sei ein Agent des israelischen Geheimdiensts Mossad gewesen.
Die Eliten sind in der Vorstellungswelt der Epstein-Besessenen verdorben-übermenschliche Feinde der Menschheit, die sich für auserwählt halten. Für den russisch-nationalistischen Ideologen Alexander Dugin ist Epstein gar der Inbegriff des Liberalismus, „die Essenz der modernen Welt“.
Der Antisemitismus, der sich in dieser Verlebendigung unbewusster Ängste und Pathologien ausdrückt, ist kein Nebenprodukt berechtigten Zweifels, sondern die Judenfeindlichkeit ist das erwartbare Resultat einer Sensationslüsternheit, für die die Epstein-Dokumente nur Mittel dafür sind, sich in seiner Fantasie von den abnormen Eliten bestätigt zu sehen.
Dieser Text erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.