Medizinische Versorgung Gibt es in Emden zu viele Teilzeit-Ärzte?
Eine Emderin hat den Eindruck, dass viele Ärzte in Emden in einer „Lifestyle-Teilzeit“ sind und es kaum noch offene Sprechstunden gibt. Ganz unrecht hat sie nicht.
Emden - Früher war alles besser – zumindest in Bezug auf die Ärzteversorgung in Emden, sagt eine Leserin. Zum Hausarzt und sogar Facharzt konnte man fast jeden Tag ohne Termin, nur mittwochs nachmittags war zu. Heute, so findet die Emderin und übernimmt dabei den Begriff, den auch die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (CDU, Hesel) verwendet hat, hätten zu viele Ärzte eine „Lifestyle-Teilzeit“. Für den Begriff und den Vorschlag, die „Lifestyle-Teilzeit“ abzuschaffen, wurde Connemann scharf kritisiert, auch aus ihren eigenen Reihen.
Bei jedem Beruf und damit auch im Kontext mit der Ärzte-Arbeitszeit ist es sicher ohnehin schwierig zu beurteilen, wo „Lifestyle“, also Teilzeit „aus Spaß“, anfängt und wo eine Teilzeit aus triftigen Gründen aufhört. Unter anderem eigene Kinder, pflegebedürftige Angehörige, persönliche, psychische sowie gesundheitliche und auch wirtschaftliche Gründe können eine Teilzeit nötig machen. Von außen ist das nicht einfach zu beurteilen und zu verurteilen. Fakt ist aber: Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) kennt die allgemeinen Zahlen zur Teilzeit bei Ärztinnen und Ärzten sowie zur medizinischen Versorgung in Emden. Wir haben bei Detlef Haffke, Sprecher bei der KVN, nachgefragt.
Wie viele Haus- und Fachärzte in Emden sind tatsächlich in Teilzeit?
Nur für Emden kann Detlef Haffke nicht schauen, da bei der Hausarzt-Versorgung zum sogenannten Mittelbereich Emden auch die Gemeinden Hinte und Krummhörn gehören. „Hier sind insgesamt 47 Hausärztinnen und Hausärzte tätig, davon acht in Teilzeit, sodass rechnerisch 39,5 Vollzeitstellen zur Verfügung stehen“, schreibt er.
Bei den Fachärzten ist der Betrachtungsraum größer und der Landkreis Aurich wird zu Emden dazugerechnet. „Hier sind insgesamt 144 Fachärztinnen und Fachärzte tätig, davon 35 in Teilzeit, sodass rechnerisch 108,4 Vollzeitstellen zur Verfügung stehen“, erklärt Haffke.
Gibt es heute mehr „Teilzeit-Ärzte“ als früher?
Ja. Für die Beantwortung zieht Haffke die Zahlen für Niedersachsen heran, die so in etwa sicher auch in Emden anwendbar sind. Zwei Beispiele: Von 2013 bis 2025 ist die Anzahl der Kassenärzte um 14,7 Prozent angestiegen, deren Tätigkeitsumfang in Vollzeitäquivalenten insgesamt aber nur um sechs Prozent. „Wurden im Jahr 2014 in Niedersachsen noch 111 Ärztinnen und Ärzte benötigt, um 100 Vollzeitstellen zu besetzen, waren es 2024 bereits 120“, schreibt der Sprecher. Inzwischen praktizieren 30,2 Prozent der Kassenärztinnen und Kassenärzte in Niedersachsen in Teilzeit mit unterschiedlichen Modellen. Von den insgesamt 4661 angestellten Ärztinnen und Ärzten sind nur noch 46,6 Prozent in Vollzeit aktiv.
Was sind Gründe für die Teilzeit bei Ärzten?
„Immer mehr Ärzte, insbesondere Frauen, arbeiten in Teilzeit, um eine Überlastung durch die hohe Arbeitsbelastung in den Praxen zu reduzieren“, erklärt Detlef Haffke. Die durchschnittliche Arbeitszeit in Arztpraxen liege – je nach Fachrichtung – zwischen 50 und 55 Wochenstunden. „Der Trend zur Teilzeit bietet eine bessere Work-Life-Balance, finanzielle Sicherheit durch Anstellungen statt Selbstständigkeit und verringert das Burnout-Risiko“, erklärt er.
Gibt es weniger offene Sprechstunden?
Das beantwortet der Sprecher nicht direkt. Er schreibt, dass die meisten Fachrichtungen nur Terminsprechstunden anbieten. „Allerdings: Die meisten niedergelassenen Fachärzte in der kassenärztlichen Versorgung sind in Deutschland seit September 2019 gesetzlich verpflichtet, eine offene Sprechstunde anzubieten“, erklärt er. Laut Gesetz sind mindestens fünf Stunden pro Woche offene Sprechstunde verpflichtend, damit Patienten ohne Termin kurzfristig einen Facharzt aufsuchen können. In der Praxis sieht es in Emden aber öfter so aus, dass die Sprechstunden nicht ausreichen, um alle wartenden „Spontan-Patienten“ abzuarbeiten, und man an einem anderen Tag wiederkommen muss – vielleicht mit mehr Glück.
Diese Regelung mit mindestens fünf Stunden offener Sprechstunde gilt dabei für Augenärzte, Chirurgen, Gynäkologen, HNO-Ärzte, Hautärzte, Nervenärzte/Neurologen, Orthopäden, Urologen sowie Kinder- und Jugendpsychiater. Interessant: „Für Hausärzte gelten andere Regelungen, sie sind nicht in demselben Maße zur offenen Sprechstunde verpflichtet wie Fachärzte“, schreibt Detlef Haffke. In Emden gibt es bei den Hausärzten unterschiedliche Regelungen, wie wir beobachtet haben: Einige Hausärzte bieten gar keine Termine an außer für Selbstzahler. Bei anderen braucht es immer einen Termin, der sogar online gebucht werden kann, und wiederum andere haben eine Mischung. Bei allen haben es Neupatienten sehr schwer, noch aufgenommen zu werden.
Wie sieht aktuell die Haus- und Facharztversorgung in Emden aus?
„Noch gut“, so Haffke. Aber: „Die Zukunft vieler Arztpraxen in Niedersachsen ist ungewiss.“ Das liege in erster Linie an den Altersstrukturen der Ärzte und Psychotherapeuten. Das Durchschnittsalter der 16.885 KVN-Mitglieder liege bei 54,5 Jahren. „Viele Ärztinnen und Ärzte gehen in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig kommen nicht genügend nach“, erklärt er. Aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge und der starren Zugangsregelungen zum Medizinstudium mangele es an jungen Ärztinnen und Ärzten, aber auch an medizinischen Fachangestellten.
„Aktuell können sich in Niedersachsen ad hoc 466 Hausärztinnen oder Hausärzte niederlassen“, schreibt er. Die große Herausforderung bestehe darin, die freien Sitze auch tatsächlich zu besetzen. Das aber erweist sich – insbesondere in ländlichen Regionen wie Ostfriesland – als schwierig. „Die Sicherstellung der ambulanten Versorgung in Niedersachsen wird in Zukunft anders werden – mehr Telemedizin, mehr medizinische Versorgungszentren, mehr medizinisches Assistenzpersonal in den Praxen, die die Ärztinnen und Ärzte unterstützen“, erklärt Detlef Haffke.
„Das Land muss zügig für mehr Studienplätze im Fach Humanmedizin sorgen“, betont er. Es würden in Niedersachsen eigentlich jedes Jahr 470 Medizinstudienplätze zusätzlich gebraucht, doch davon sei man weit entfernt. Die Bürokratie, die stark in den Praxen zugenommen habe, fresse außerdem wichtige Patientenzeit. „Inzwischen wendet jeder niedergelassene Arzt durchschnittlich 61 Arbeitstage pro Jahr für Verwaltungstätigkeiten auf“, erklärt er.