Bunte Besen Für den „Konfettifeger“ aus Aurich werden Lieder geschrieben
Ein kleiner Betrieb aus Aurich zeigt, wie Zusammenhalt im Netz und Mut zur Farbe die digitale Welt erobern können – mit Offenheit und ein paar ausgefallenen Besen.
Aurich - Michael Andreas und Jürgen Jester sind im angeregten Austausch, der eine ist Profi im Bürsten-Business, der andere Marketingexperte. Der Grund: Die Auricher Besen und Bürsten von Andreas Bürsten gehen im Internet viral. Minütlich trudeln neue Benachrichtigungen ein. Der Trend, der vor ein paar Wochen Fahrt aufgenommen hat, geht weiter: Andreas‑Bürsten GmbH erlebt ein kleines Winterwunder im sogenannten „Fediverse“, einem Netzwerk aus Alternativplattformen zu Facebook, TikTok und Co. Die traditionsreiche Auricher Bürsten- und Besenmanufaktur hat mit ihrem „Konfettifeger“ und einem „Hilferuf“ offenbar einen Nerv im Netz getroffen: zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer feiern vor allem die bunten Besen, die bislang ein Nischendasein fristeten.
Was ist das Fediverse?
Das Fediverse ist ein Netzwerk aus vielen unabhängigen sozialen Plattformen. Dazu gehören zum Beispiel Mastodon (ähnlich wie Twitter/X) oder Pixelfed (eine Instagram‑Alternative). Weil die Dienste technisch miteinander verbunden sind, kann man serverübergreifend folgen, schreiben und reagieren.
Statt einer zentralen Konzern‑Plattform gibt es viele unabhängige Server mit eigenen Regeln und Moderation. Trotzdem können Nutzerinnen und Nutzer untereinander kommunizieren. Und: Es gibt keinen Empfehlungsalgorithmus, man sieht Beiträge von Accounts, denen man folgt (und was diese teilen oder kommentieren).
Grundsätzlich alle: Plattform auswählen, Konto anlegen, loslegen. Auch Organisationen können mitmachen.Was ist anders als bei Facebook, X und Co.?
Wer kann mitmachen?
Produktideen und Marketingherausforderungen
Im Geschäftskundenbereich ist die Andreas-Bürsten GmbH bereits etabliert. Doch der ganz große Sprung auf private Höfe und in Haushalte ist noch nicht gelungen. Dabei orientieren sich die neuen Besen- und Bürstenentwicklungen in Sachen Material und Farben am Kundenfeedback, das unter anderem auf Messen eingeholt wird. Dennoch wissen zu wenig Privatkunden von den in Aurich produzierten Bürsten in verschiedensten Formen und Farben, so die Vermutung von Michael Andreas und Jürgen Jester. Dabei müssen sich die Preise der Auricher Produkte nicht hinter denen der Konkurrenz aus Fernost verstecken.
So stellten sich die Geschäftsführung und Marketingabteilung die Frage, wie man das ändern kann. Der Versuch, auf Instagram die Vorteile der Bürsten und Besen bekannt zu machen? Verzeichnete laut Jester keinen nennenswerten Erfolg. Geld in Google-Werbung investieren, um die Sichtbarkeit zu erhöhen, indem man bei Suchen als einer der ersten Treffer angezeigt wird? Keine optimale Lösung, findet Andreas. Ein anderer Plan musste her.
Von Null auf Tausend mit einem Beitrag
Jester nahm sich den Konfettifeger vor, bis dahin ein Ladenhüter. Dabei war der Besen mit den gemischt bunten Borsten auf Kundenwunsch entwickelt worden. „Mal was anderes“ sollte es sein. Doch als der reißende Absatz auf sich warten ließ, versuchte der 55‑Jährige auch mal was anderes. Mit folgendem Post wandte er sich an die Plattform Mastodon, der Alternative zu Twitter/X im Fediverse: „Frustpost: Alle mit einem Onlineshop tröten ja immer davon, was deren #Bestseller sind. Ich glaube, ich muss heute mal vom Gegenteil erzählen, dass unsere beiden BUNTEN Modelle noch nie bestellt wurden.“ Die Reaktionen ließen nicht lang auf sich warten.
Um es mit Jesters Worten zu beschreiben: „Ja und dann... explodierte das Netz“. Die Anzahl der Follower des Accounts schnellte nach oben, mittlerweile sind es über Tausend. Es wurden zig Besen verkauft. „Uns haben so viele tolle Nachrichten erreicht“, sagt der Marketingbeauftragte. Von Begeisterung über die nachhaltige Herstellungsweise, bis zu Fotos von skurrilen Verwendungszwecken war alles dabei. So zeigten einige Kunden, wie man die Besen als Haustierbürste oder Handyhalter zweckentfremden kann, andere freuten sich, dass die Arbeit mit so einem hübschen Besen leichter von der Hand geht. Geschäftsführer Andreas erinnert sich an eine Nutzerin, die den bunten Fegern sogar „Das Bürstenlied“ widmete - eigens komponiert, vorgetragen und hochgeladen.
Wie die Kundschaft die Zukunft mitgestaltet
Die Unterstützung und rege Anteilnahme zeichnet ein lebhaftes Bild der Kundschaft. Und das Unternehmen ist bemüht, sich bei den Kunden für die „virtuellen Blumensträuße“, wie sie es nennen, zu bedanken. Die Menschen im Internet schätzten „die Möglichkeit, sich einbringen und spontan dabei sein zu können“, sagt Jester. Er reagiert auf alle Beiträge und diese gegenseitige Wertschätzung zahlt sich aus: Auch neue Posts stoßen auf positive Resonanz und erreichen viele Nutzerinnen und Nutzer, die fleißig interagieren.
Und es kommen immer neue Vorschläge. So soll als Nächstes ein Fahrradbürsten-Set entwickelt werden. Über die Zukunft macht sich Geschäftsführer Andreas keine großen Sorgen. „Die Kundinnen und Kunden werden uns helfen“, sagt er.