Cloppenburg/Löningen Ukrainerin lernt täglich Deutsch – und dann kürzt die Regierung bei Integrationskursen
Die Ukrainerin Valentina Tsehelnikova lernt derzeit Deutsch in einem Integrationskurs. Noch hat sie die Chance, doch das Bamf hat den Zugang zu freiwilligen Sprachkursen eingeschränkt. Das hat Auswirkungen für ihre Familie.
Das Schwierigste am Deutschlernen sei nicht das Sprechen, sagt Valentina Tsehelnikova. „Es ist das Verstehen.“ Ihre eigenen Fähigkeiten spielt die Ukrainerin bescheiden herunter. Wer weiß, welchen Weg die zweifache Mutter hinter sich hat, wundert sich aber, dass die Verständigung überhaupt so gut klappt.
Tsehelnikova sitzt in einem Kursraum der Volkshochschule (VHS) Cloppenburg. Gemeinsam mit ihr lernen gut ein Dutzend Menschen Deutsch. Viele stammen aus Osteuropa, einige aus dem Nahen Osten. Auch ein Somalier müht sich mit den Tücken des deutschen Satzbaus ab. Im Sommer werden alle ihre B2-Prüfung ablegen.
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Sie bescheinigt ihnen fortschrittliche Deutschkenntnisse, eine wichtige Vorbedingung, um sich auf dem Arbeitsmarkt zu bewerben. In einem mehr als zweistündigen schriftlichen Teil müssen die zumeist jungen Erwachsenen ihr Lese- und Hörverstehen unter Beweis stellen und einen Brief schreiben. Anschließend bereiten sie eine 15-minütige Präsentation mit anschließender Diskussion vor. Ein Spaziergang wird es also nicht.
Valentina Tsehelnikova ist froh, dass sie einen Platz in dem Kurs ergattert hat. Möglicherweise ist es eine der letzten Gelegenheiten, an der VHS Deutsch zu lernen. Anfang Februar war bekannt geworden, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) seit Ende November keine Berechtigungsscheine für eine freiwillige Teilnahme an Integrationskursen mehr ausstellt.
Das Bundesinnenministerium will laut eigenen Angaben Flüchtlinge mit dauerhafter Bleibeperspektive bei der Teilnahme bevorzugen. Ukrainer fallen nicht darunter.
Fragt man Valentina Tsehelnikova, wo sie ihre Zukunft sieht, muss sie nicht lange nachdenken. „Ich möchte in Deutschland bleiben. Das Land war gut zu uns. Außerdem haben wir kein Zuhause mehr.“ Ihre Wohnung in Mariupol sei gleich zu Beginn des Krieges zerstört worden. Vor dem russischen Angriff arbeitete sie als Laborantin im berühmten Asow-Stahlwerk. Es steht heute sinnbildlich für den Verteidigungswillen der Ukrainer.
„Viele meiner Freunde sind gestorben“, berichtet sie mit leiser Stimme. Sie selbst, ihr Mann und ihre beiden Söhne hätten es mit knapper Not aus der Stadt geschafft. Im Juli 2022 floh die Familie nach Deutschland, durchlief mehrere Flüchtlingslager und kam schließlich in Löningen unter. „Die Verwaltung hat uns bei der Wohnungssuche geholfen. Dafür und für alles andere sind wir den Deutschen sehr dankbar“, betont Valentina.
„Sprache ist der Schlüssel zur Integration“: So heißt es auf der Webseite des Bamf. Den Ukrainern, die ab 2022 in großer Zahl ins Land kamen, wollte der Bund möglichst schnell den Arbeitsmarkt öffnen. Weil sie wie die meisten ihrer Landsleute keine Deutschvorkenntnisse hat, aber gern wieder in ihrem alten Beruf arbeiten will, büffelt Valentina täglich bis zu zehn Stunden.
In Löningen im Landkreis Cloppenburg ergatterte sie ein dreiwöchiges Praktikum beim Farben- und Lackhersteller Remmers. Die Arbeit im Labor machte ihr Spaß und auch ihre Vorgesetzten waren mit ihr zufrieden. Das Team habe ihr aber klargemacht, dass sie noch nicht genug verstehe. „Daher werde ich mich erst bewerben, nachdem ich den Kurs erfolgreich abgeschlossen habe.“ Im Sommer soll es so weit sein.
Die Integration der Familie ist bislang nur teilweise gelungen. Während Valentinas jüngerer Sohn in der Schule gut zurechtkommt, sucht der Ältere derzeit eine Arbeit. Er hat Elektrotechnik studiert, spricht aber ebenso wie sein Vater, ein Schlosser, kaum Deutsch.
Eigentlich bräuchten beide jetzt dringend weitere Sprachkurse, findet Valentina. Sie hofft, dass wenigstens sie bald einen festen Job haben wird und die Familie finanziell unabhängiger von staatlichen Leistungen wird.
Niedersachsens Landesregierung dringt inzwischen bei Bundesinnenminister Alexander Dobrindt auf eine Abkehr von den geplanten Kürzungen. „Dieser überraschende Schritt macht uns sprachlos“, schreiben Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und seine Stellvertreterin Julia Willie Hamburg (Grüne) an den CSU-Politiker. „Die ausgesendeten Signale sind aus unserer Sicht integrationspolitisch katastrophal.“
Das Bamf nehme Einschränkungen vor, obwohl Kursplätze angeboten werden könnten und manche Einwanderer Sprachkurse dringend benötigten, heißt es weiter. Für die Kursträger seien die Folgen gravierend, wenn nicht existenziell. Zudem verlören viele zugewanderte Menschen, die schnell Deutsch lernen wollen, wertvolle Zeit.