London  Andrew festgenommen: Könnte der Ex-Prinz tatsächlich ins Gefängnis kommen?

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 19.02.2026 17:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Andrew wird vorgeworfen während seiner Zeit als britischer Handelsgesandter vertrauliche Regierungs- und Handelsdokumente weitergegeben zu haben. Foto: picture alliance/dpa/Pool PA
Andrew wird vorgeworfen während seiner Zeit als britischer Handelsgesandter vertrauliche Regierungs- und Handelsdokumente weitergegeben zu haben. Foto: picture alliance/dpa/Pool PA
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Ex-Prinz Andrew steht unter Verdacht vertrauliche Dokumente an Sexualstraftäter Jeffrey Eppstein weitergegeben zu haben. Die Ermittlungen bringen das Königshaus noch mehr in Bedrängnis.

Schon am frühen Morgen versammelten sich etliche Fotografen und Kamerateams vor dem Tor des royalen Anwesens in Sandringham. Dort, im Osten Englands, lebt Andrew Mountbatten-Windsor seit Kurzem. Und weil der ehemalige Prinz am Donnerstag 66 Jahre alt wurde, hoffte die Presse auf Bilder zum Ehrentag des in Ungnade gefallenen Königsbruders. Sie sollten jedoch Zeugen eines historischen Tags werden.

Denn kurz nach acht Uhr fuhren sechs graue Landrover auf das Gelände des königlichen Landsitzes in Norfolk. Etwa eine halbe Stunde später verließen drei der Wagen das Areal wieder, in einem vierten Fahrzeug soll sich Andrew befunden haben. Er wurde festgenommen – und befindet sich seitdem in Polizeigewahrsam. Der Ex-Prinz steht unter dem Verdacht des möglichen Missbrauchs eines öffentlichen Amtes.

Die britischen Nachrichtensender schalteten umgehend in den Dauerbetrieb. Stundenlang berichteten sie live, Royal-Korrespondenten ordneten die Ereignisse ein und sprachen übereinstimmend von einem „außergewöhnlichen Moment“ für die Monarchie. Auch die Vanity-Fair-Korrespondentin Katie Nicholl wertete den Fall als historisch beispiellos.

Dass sich nun ein in der Thronfolge geführtes Mitglied der Königsfamilie in Polizeigewahrsam befindet, markiere einen neuen Höhepunkt in einem seit Jahren schwelenden Skandal. Es sei „eine absolut außergewöhnliche Wendung“, man bewege sich „in völlig unbekanntem Terrain“.

Nach Angaben der Ermittler soll Andrew während seiner Zeit als britischer Handelsgesandter vertrauliche Regierungs- und Handelsdokumente an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben haben, darunter unter anderem Berichte über Auslandsreisen sowie Informationen zu potenziellen Investitionsvorhaben. Auf die fraglichen Unterlagen stießen die Ermittler im Zuge der vom US-Kongress in den vergangenen Wochen veröffentlichten Epstein-Akten.

Parallel zur Festnahme wurde auch Andrews ehemaliger Wohnsitz, die Royal Lodge in Windsor, durchsucht, wo der Ex-Prinz bis zuletzt wohnte. Polizeibeamte waren an den Toren des Anwesens zu sehen, während Medienvertreter an einem äußeren Zugang auf Abstand gehalten wurden. Ein Sprecher der Polizei bestätigte vor Ort, dass die Maßnahmen auf dem Gelände weiterhin liefen. Unweit davon spazierten Familien und Ausflügler wie gewohnt durch den angrenzenden Windsor Great Park.

Nach Einschätzung von Rechtsexperten dürfte Andrew nun zunächst vernommen und anschließend unter Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Die Ermittlungen könnten sich über Monate hinziehen, bevor die Staatsanwaltschaft entscheidet, ob Anklage erhoben wird. Auf das Delikt steht theoretisch lebenslange Haft. In der Praxis wird dieses Höchstmaß jedoch nur in extremen Ausnahmefällen verhängt.

Die Festnahme des Ex-Prinzen ist nach Einschätzung des Royal-Experten Alastair Bruce das „denkbar Schlimmste“ für die Krone. Schließlich sei nun ausgerechnet sein eigener Bruder in Polizeigewahrsam.

Am Nachmittag meldete sich Charles III. selbst zu Wort. Mit „tiefster Besorgnis“ habe er die Nachricht über Andrew Mountbatten-Windsor und den Verdacht auf Fehlverhalten im öffentlichen Amt zur Kenntnis genommen, erklärte er.

Nun müsse ein „vollständiges, faires und ordnungsgemäßes Verfahren“ stattfinden, geführt von den zuständigen Behörden, denen die „volle und uneingeschränkte Unterstützung und Zusammenarbeit“ zugesichert werde. Die Krise könnte größer kaum sein. Könnte der Skandal um Andrew gar die britische Monarchie zum Wackeln bringen?

Katie Nicholl zufolge sieht sich König Charles durch die jüngsten Entwicklungen vermutlich in seiner harten Linie gegenüber seinem Bruder bestätigt. Bereits im Herbst war der Titel „Herzog von York“ aus dem offiziellen Sprachgebrauch verschwunden; statt als „Prinz Andrew“ wird er seither nur noch als Andrew Mountbatten-Windsor geführt. Anfang Februar folgte ein weiterer Schritt: Er musste die Royal Lodge in Windsor verlassen und auf das abgelegenere Anwesen in Sandringham ziehen.

Nach der Festnahme sei im königlichen Umfeld durchaus „eine gewisse Erleichterung“ spürbar gewesen, berichtete Nicholl unter Berufung auf Palastkreise. Die laufenden Ermittlungen nähmen dem König nun die Möglichkeit, sich weiter öffentlich zu äußern – und verschafften dem Palast damit zumindest kommunikativ eine klare Linie.

Dass es überhaupt zu der Festnahme kam, ist Nicholls zufolge vor allem dem jahrelangen Engagement von Überlebenden der Verbrechen Epsteins zu verdanken. Virginia Giuffre hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige dreimal sexuell missbraucht zu haben – in London, New York und auf einer Privatinsel des US-Finanziers. Zwar stehe die jetzige Festnahme im Zusammenhang mit einem anderen Vorwurf, doch ohne diese Vorarbeit wäre es kaum so weit gekommen.

Die Familie von Virginia Giuffre, die sich im vergangenen Jahr das Leben genommen hatte, meldete sich am Donnerstagmittag mit einer Stellungnahme zu Wort. Darin dankte sie der britischen Thames Valley Police ausdrücklich für die Ermittlungen und die Festnahme Andrews. „Heute sind unsere gebrochenen Herzen durch die Nachricht erleichtert worden, dass niemand über dem Gesetz steht – nicht einmal das Königshaus“, heißt es in der Erklärung. Andrew sei „nie ein Prinz“ gewesen, schreiben die Angehörigen weiter und fügen hinzu: „Für Überlebende überall: Virginia hat das für euch getan.“

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