Riad  Öl verkaufen + Menschheit retten: Die spinnen, die Saudis, oder?

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 07.03.2026 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Kanzler Friedrich Merz macht Mitte Februar dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman den Hof. Aber war da nicht was? Foto: IMAGO/APAimages
Kanzler Friedrich Merz macht Mitte Februar dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman den Hof. Aber war da nicht was? Foto: IMAGO/APAimages
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Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman ließ laut CIA einen Journalisten zerstückeln. Trotzdem ist er einer der umworbensten Herrscher der Gegenwart. In seinem Land wird bald die größte Wasserstofftankstelle der Welt fertig. Überholt uns der Petro-Staat beim Klimaschutz? Überraschende Eindrücke vom Golf.

Ein Montag im Februar, noch vor den US-israelischen Angriffen auf den Iran. Beim Start in Berlin hat es Eis geregnet. Am Nachmittag in Riad wiegen sich Dattelpalmen im lauen Wind. Der Sonnenuntergang taucht den Himmel über der Hauptstadt in lachsfarbenes Rosa. Der Duft von Cheeseburgern und gegrilltem Hähnchen strömt über den Platz vor dem Messegelände. Bezahlen kann man mit Smartphone.

Als wir in die Halle schlendern, drängt sich die Frage auf: Wie spannend kann eigentlich eine Messe für Kreislaufwirtschaft und Abwasserreinigung sein? Für die Saudis offenkundig sehr. Vor den Ständen mit neuesten Pumpen, Rohren, Filtern und Kompressoren tummeln sich neugierige, gut gelaunte, verschleierte, unverschleierte, aber überwiegend traditionell-elegant gekleidete Einheimische.

Die meisten von ihnen sind ziemlich jung und interessieren sich nicht für die Eröffnungsrede, die Deutschlands Umwelt- und Klimaschutzminister Carsten Schneider, mit dem wir hergeflogen sind, gerade hält. Zwar sieht es so aus, als knieten ein paar Messebesucher vor dem SPD-Politiker nieder. Aber das liegt daran, dass das Rednerpult in Richtung Mekka steht: Sie beten zu Allah.

Es ist das erste Mal, dass die in München beheimatete Recycling-Messe IFAT im arabischen Raum Station macht. Der Standort Riad kommt nicht von ungefähr. Saudi-Arabien liefert sich mit den USA ein ständiges Kopf-an-Kopf-Rennen um den ersten Platz unter den Ölförderländern. Gleichzeitig wird das Wahhabitenreich am Persischen Golf von Kronprinz Mohammed Bin Salman – dem MBS genannten faktischen Alleinherrscher – seit neun Jahren in die Moderne katapultiert. Dazu gehört, dass das Land den Umwelt- und Klimaschutz entdeckt hat.

Ja, die Saudis blockieren ein globales Abkommen zur Reduzierung von Plastikmüll, weil Plastik aus Öl gemacht wird. Das wollen sie weiter verkaufen. Gleichzeitig verfolgen sie das Ziel, bis Ende des Jahrzehnts alles zu recyceln, was zu recyceln ist, und bis 2060 auch eine Kreislaufwirtschaft für Treibhausgas zu vollenden. Deswegen die Neugierde und der Andrang auf der ersten Riad-IFAT: Hier bieten sich große Zukunftsgeschäfte, auch für die zahlreich vertretenen deutschen Mittelständler.

Abends beim Empfang in der Deutschen Botschaft, zu frisch gezapftem Bier hinter hohen Mauern, stellt sich ein Topmanager von Siemens Energy an den Tisch und gibt Einblick in seine Geschäftslage: Weil Kronprinz MBS in Sachen Wind- und Sonnenkraft noch schneller sein will als einst Robert Habeck, sind inzwischen Unmengen an Grünstrom verfügbar. Was fehlt, sind die Abnehmer und die Netzstabilität. Jetzt muss beziehungsweise darf Siemens Energy auf Teufel komm raus Puffer einbauen, damit den Saudis die erneuerbaren Energien nicht um die Ohren fliegen.

Die Energiewende am Golf läuft auf vollen Touren – und genau so holprig wie bei uns.

Carsten Schneider ist übrigens nicht der einzige Regierungsvertreter, der in die Wüste flog. Nachdem sich der Umweltminister schon vor Monaten für den Messebesuch angekündigt hatte, meldeten sich später auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Bundeskanzler Friedrich Merz an. Sie alle waren binnen zwei Wochen vor Ort.

Merz traf sich zu einem längeren Gespräch mit Mohammed Bin Salman. Beide vereinbarten den Beginn einer „strategischen Partnerschaft“.

Was man zu MBS, dem erst 40 Jahre alten Herrscher, wissen sollte: Der Kronprinz hat nach Informationen der US-Geheimdienste die Ermordung und Zerstückelung seines wegen Regierungskritik exilierten Landsmannes Jamal Khashoggi am 2. Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul genehmigt.

Trotz der offiziellen Berichte sprach Donald Trump MBS bei dessen Besuch im Weißen Haus am 19. November vergangenen Jahres vor laufenden Kameras von jedem Vorwurf frei. Der Kronprinz hatte Trump Minuten zuvor die Erhöhung der saudischen Investitionen in den USA von 600 Milliarden auf eine Billion Dollar zugesagt.

Die Pressekonferenz mit Trump war übrigens die einzige, der sich MBS in den zurückliegenden Jahren gestellt hat. Was davon auch hängen geblieben ist: Der Mann bedauerte vor der Weltpresse, was Khashoggi angetan wurde, und sagte, so etwas dürfe sich nicht wiederholen. Das war kein direktes Schuldeingeständnis. Im Kreis westlicher Diplomaten erkennt man darin aber echte Einsicht und Fortschritt.

In Zeiten, in denen die Weltordnung zerbröselt, jedes Land neue Partner sucht und Deutschland billige Energie braucht, spielten Menschenrechtsfragen bei den Gesprächen von Schneider, Reiche und Merz mit den Scheichs ohnehin keine große Rolle. Das wichtigste konkrete Ergebnis der Reiseaktivitäten: Deutsche Unternehmen unterzeichneten mit saudischen Firmen Absichtserklärungen über die Lieferung von Wasserstoff und den Aufbau der notwendigen Infrastruktur. Denn Saudi-Arabien will zur ersten globalen Tankstelle für grünen Wasserstoff aus der Wüste werden. Dazu später mehr.

Der Stadtrand von Riad ist eine Mülldeponie. Aber wenn man eine Stunde rausfährt, landet man in einem atemraubenden Paradies aus Sanddünen. So, wie man in Berlin oder München am Wochenende gern aufs Land oder in die Berge fährt, so steigen die Saudis samstags in ihre Autos mit Allradantrieb und fahren mit Kind und Grill zum Campen in die Wüste.

Dabei gelten ein paar überlebenswichtige Regeln. Sobald man den Asphalt verlässt, muss Luft aus den Reifen abgelassen werden, damit die Viermalviers nicht im Sand stecken bleiben. Nach der Rückkehr auf die Straße pumpt man die Reifen mit einem Kompressor, den es dort in jedem Campingladen gibt, wieder auf.

Für die Ausflüge gilt zudem: Niemals allein! Und nicht von Mai bis Oktober, wenn es in Riad 47 Grad heiß wird und auch nachts nicht spürbar abkühlt. Im Winter sind die Temperaturen aber richtig angenehm. In den Nächten im Sand reicht ein guter Schlafsack.

Statt der Wüste besuchte Carsten Schneider eine Fabrik von KSB Pumpen, einem Weltmarktführer aus Frankenthal. Pumpen sind in Saudi-Arabien schwer angesagt. Ohne sie wäre das Land längst vertrocknet, Süßwasser gibt es nur noch als entsalztes Meerwasser. Für die Entsalzung braucht es riesige Industrieanlagen mit ruinösen Auswirkungen auf die Natur.

Beim Rundgang durch die Pumpenfabrik spricht mich ein freundlicher Einheimischer an. Sein Sohn sei Fan von BVB Dortmund. Er selbst heißt Rakan Abunayyan. Seine Familie ist nicht nur Teilhaber des saudischen KSB-Ablegers. Rakans Bruder Mohammad ist auch einer der reichsten und visionärsten Männer am Golf und Gründer von ACWA Power.

Das ist die Firma, die Saudi-Arabien zur Tankstelle der Welt für treibhausgasfreien Wasserstoff machen will.

Man kann die saudische Abunayyan-Familie und ACWA Power mit Fug und Recht zu Vorreitern im Kampf gegen die Erderwärmung zählen.

Zugleich muss man sagen: Die Abunayyans sind nicht wirklich gut auf den vermeintlichen Klimaschutz-Vorreiter Deutschland zu sprechen. Denn nicht zuletzt wegen der oft vollmundig vorgetragenen deutschen Ambitionen, klimaschädliches Gas durch grünen Wasserstoff zu ersetzen, wurden schon etliche Milliarden am Golf investiert.

In der Modellregion NEOM lässt ein Konsortium um ACWA Power von Thyssenkrupp den größten Elektrolyseur der Erde zur Wasserstoffproduktion bauen, umringt von endlosen Solarfeldern und Windkraftparks. Und die Anlage ist fast fertig und kann noch in diesem Jahr bis zu 600 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren.

Was jetzt fehlt, das sind die Verträge aus Deutschland. Aus den hohen Ambitionen ist nicht viel Konkretes gefolgt. Damit der Wasserstoffhochlauf bei uns in absehbarer Zeit richtig Tempo aufnimmt, bräuchte es entschlossenes politisches und unternehmerisches Handeln. Zum Glück für die saudischen Investoren sind die Japaner verlässlichere Abnehmer.

Am Mittagstisch erzählt Rakan, dass er sich in Riad im Fußballstadion mal den aus Europa importierten Superstar Ronaldo angeschaut habe. „Der ist ganz schön alt geworden.“

Mit am Tisch sitzen zwei junge Frauen, so Ende 20, die bei KSB Pumpen arbeiten und von denen eine zur Schulung schon mal eine Woche in der Zentrale in der Pfalz war. Beide tragen ein schickes Kopftuch, arbeiten in der Buchhaltung, haben noch nie von Homeoffice gehört und müssen eine Stunde weniger arbeiten als ihre männlichen Kollegen.

Noch vor zehn Jahren fand in Saudi-Arabien quasi kein öffentliches Leben statt. Vor sieben Jahren machten die ersten Kinos auf. Inzwischen gibt es Bars, in denen alkoholfreie Cocktails serviert werden, und Musikfestivals, auf denen gefeiert wird, bis die Sonne längst wieder aufgegangen ist. „Wir sind hier zufrieden. Aber ich würde auch gerne mal Deutschland kennenlernen“, sagt die jüngere der beiden.

Sicher ist nur eines: Ohne Saudi-Arabien gelingt es nicht, die Erderwärmung zu begrenzen. Denn auch für den Fall, dass in Europa eines Tages alle mit E-Autos rumkurven und Gas durch Wasserstoff ersetzt worden ist, wäre der Klimaeffekt nahe null – wenn das ganze von uns nicht mehr genutzte Öl vom Golf nämlich nach Asien und Afrika verkauft und dort verbrannt werden würde.

Oder ist es vorstellbar, dass die Scheichs sich eines Tages entscheiden, ihren kostbaren Rohstoff wirklich im Boden zu lassen und auf die fantastischen Einnahmen einfach zu verzichten, um die Menschheit vor dem immer heißeren Klima zu schützen?

„Vergessen Sie’s“, sagt der Topmanager eines deutschen Unternehmens, der seit vielen Jahren in der Region lebt. „Wer darauf setzt, macht sich was vor.“ Von „Humbug“ spricht auch eine Diplomatin. Zwar geht Saudi-Arabien selbst bei den erneuerbaren Energien „all in“ und investiert in Kernenergie. Aber nicht, um Öl und Gas zu ersetzen, sondern um den explodierenden eigenen Strombedarf zu decken und grünen Wasserstoff für den Export zu erzeugen.

Allerdings leidet Saudi-Arabien schon stark unter den Folgen des Klimawandels: Die Temperaturen klettern immer öfter über 50 Grad. Sandstürme häufen sich, Wüsten breiten sich aus. Das Grundwasser ist weg.

Daher geht der saudische Kronprinz einen anderen Weg als der US-Präsident. Während Trump wissenschaftliche Fakten für Quatsch erklärt, sammelt MBS die hellsten Köpfe um sich. Das königliche Forschungszentrum KAPSARC arbeitet mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zusammen, das immer wieder beunruhigende Szenarien erstellt.

Um zu verstehen, wie das Festhalten am Ölverkauf mit Klimaschutz zusammenpasst, landen wir wieder am Anfang der Geschichte, bei der Recyclingmesse mit den ganzen Pumpen und Kompressoren. Die Saudis haben die Vision einer Kreislaufwirtschaft für CO2 entwickelt. Und sie haben begonnen, die Vision in die Tat umzusetzen.

In Al-Dschubail soll Ende kommenden Jahres eine Anlage in Betrieb gehen, die jährlich neun Millionen Tonnen CO2 von Gaskraftwerken einfängt und in porösen Gesteinsschichten einlagert. Zwei CO2-Staubsauger, die das Gas aus der Atmosphäre ziehen, sind seit Kurzem im Testbetrieb.

Binnen zehn Jahren will das Land bis zu 44 Millionen Tonnen Treibhausgas absaugen und einlagern oder für E-Fuels und andere Produkte recyceln. „Hinterher saubermachen statt vermeiden.“ So beschreibt eine Wirtschaftsexpertin den saudischen Ansatz. „Und ja, sie glauben hier, dass das funktioniert.“

Die globalen Emissionen liegen allerdings fast hundertmal höher als die Menge, die die Saudis neutralisieren wollen. Anders formuliert: Eine perfekte CO2-Kreislaufwirtschaft am Golf allein bringt dem Klima genauso wenig wie eine E-Auto-Quote von 100 Prozent in Europa. Das ist die Welt, in der wir leben.

Und doch sollte man sich davor hüten, die Ernsthaftigkeit Bin Salmans zu unterschätzen, den Kampf gegen die Erderwärmung anzugehen. Mit dem Eindruck, alles besser zu machen, sind hoffentlich weder Carsten Schneider, noch Katherina Reiche und auch nicht Bundeskanzler Friedrich Merz vom Golf zurückgekehrt.

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