Osnabrück „Die Branche ist kaputt“: Howard Carpendale bricht mit dem modernen Musikmarkt
Howard Carpendale rechnet im Clasen Talk mit dem Zustand der heutigen Musikbranche ab. Was Streaming mit der Branche macht, warum er sie für kaputt hält und jungen Künstlern rät: „Lernt Basketball.“
Eigentlich ist es für ihn eine Zeit des Feierns: Howard Carpendale bereitet sich mit 80 Jahren auf seine große Tournee vor und bringt am 20. Februar mit „Zeitlos“ seine größten Hits neu heraus. So groß die Vorfreude auf das Jubiläum auch ist – die Ernüchterung über die Realität des Musikgeschäfts wiegt schwer. Im Clasen Talk fand der Entertainer nun deutliche Worte: „Die Musikbranche steckt im Moment in einer schrecklichen Situation und das wird wahrscheinlich nicht besser. Die Branche ist kaputt.“
„Streaming ist ein Problem für sich“, betont Carpendale. Dabei ist dieses aus der Musikbranche heute nicht mehr wegzudenken, wie Studien belegen. Der Global Music Report 2025 besagt beispielsweise, dass in der Branche mittlerweile 69 Prozent der Einnahmen durch Streamingdienste erzielt werden.
Diese Marktmacht hat laut Carpendale nicht nur drastische Auswirkungen auf die finanzielle Lage von Künstlern, sondern auch auf den kreativen Prozess dahinter: „Die Dienste können sich erlauben, zu sagen: ‚Bitte komponiere Lieder, die höchstens zwei Minuten lang sind, ohne lange Instrumentalstellen. Die Leute wollen dich singen hören‘“, berichtet der Sänger.
Die Logik dahinter ist so simpel wie brutal: Kürzere Lieder bedeuten mehr abgespielte Lieder pro Stunde – also mehr Klicks. „Das spricht gegen mein Verständnis davon, was Kreativität und Musik ausmachen“, sagt der 80-Jährige: „Das mache ich nicht mit. Ich will gute Musik machen und mich nicht andauernd fragen, ob diese streamingaffin ist.“
Hinzu kommt, dass sich Erfolg kaum noch lohne. Selbst von erfolgreichen Liedern könne man nicht leben. Die Zahlen, die Carpendale nennt, sind ernüchternd: Eine Million Streams bringen der gesamten Crew – vom Sänger über den Texter bis zum Komponisten – gerade einmal rund 4000 Euro ein. „Ich meckere nicht darüber, weil ich meine Karriere zu der bestmöglichen Zeit hatte. Man hatte eine Chance, gut zu verdienen.“ Das sei heute anders.
Angesichts dieser ökonomischen Entwicklung zeigt sich Carpendale über die neue Künstlergeneration besorgt. Eine Karriere zu starten gleiche dem Versuch, im Lotto zu gewinnen.
Sein Tipp an junge Künstler: „Lernt Basketball. Da hat man bessere Chancen, sein Leben zu finanzieren, als mit Musik. Ich weiß, das klingt sehr zynisch.“ Wer es dennoch versuchen möchte, dem rät er: „Schreibe deine eigenen Lieder, lade sie hoch und bete. Anders geht es nicht.“
Zudem sieht Carpendale auch eine Gefahr für die Branche in Künstlicher Intelligenz. „Wenn KI Erfolg hat, sehe ich überhaupt keine Möglichkeit mehr, dass junge Menschen eine Karriere starten.“ Schon jetzt sind Streamingdienste überflutet mit Veröffentlichungen. „Es kommen täglich weltweit 80.000 neue Titel pro Tag auf den Markt. Ich hörte, es wird irgendwann zwischen einer halben Million und einer Million Titel“, sagt Carpendale.
Ein flächendeckender Hit, den eine ganze Nation mitsingt, scheint ihm daher in dieser digitalen Schwemme auch mittlerweile fast unmöglich: „Ich rechne nicht damit, dass ich jemals wieder einen großen Hit haben würde. Die meisten von uns können nicht damit rechnen.“
Sein neues Album „Zeitlos“ besteht statt neuer Kompositionen aus seinen alten Klassikern, die er neu aufnimmt. Er möchte seine Klassiker ins Heute bringen – mit mehr Selbstbewusstsein und einer gereiften Stimme.
„Manche meiner Lieder waren ihrer Zeit voraus“, ist sich Carpendale sicher. Ziel war es, die Titel dezent zu modernisieren, damit sie „etwas mehr klingen wie heute“, ohne ihren Kern zu verlieren. „Deswegen habe ich mit meinem Musical Director gesprochen und gesagt, ich möchte alle diese Titel noch einmal aufnehmen“, sagt er.