Osnabrück  Moralisierend und dogmatisch – Was ist nur aus Grönemeyer geworden?

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 20.02.2026 15:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Herbert Grönemeyer redet seinen Fans bei seiner Live-Tour ins Gewissen. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Herbert Grönemeyer redet seinen Fans bei seiner Live-Tour ins Gewissen. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
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Herbert Grönemeyer ist derzeit auf Tour – doch gefühlt mehr als Ankläger denn Sänger. Immer im Einsatz für „die gute Sache“. Chefredakteur Burkhard Ewert erklärt, warum ihm der alte Grönemeyer besser gefiel, so wie er früher einmal war.

Früher hat mir Herbert Grönemeyer Gänsehaut beschert. Zu Beginn seiner Karriere – und noch lange danach – war er ein Dichter, der sich in Herz und Kopf sang. Der vom Menschen sprach, nicht von Haltungen. Von Verletzlichkeit, nicht von Überlegenheit. „Der Mensch heißt Mensch“ – das war kein Befehl, sondern ein Angebot.

Gerade ist Grönemeyer wieder auf Tour, unplugged. Wieder erhebt er seine Stimme, aber er singt nicht nur, er redet auch, und zwar ins Gewissen und mit verändertem Tonfall. Seine Einlassungen zur Migration, zum Kampf gegen rechts, zu Klima und Sozialstaat sind ebenso eindeutig wie dozierend. Weniger lädt er ein, als dass er anweist. Weniger erklärt er, als dass er kommandiert.

Auch in Wahlkämpfen und Talkshows tritt er inzwischen auf und liest Sätze vor, die so gestanzt wie gefühllos daherkommen, so dogmatisch wie bemüht.

Natürlich dürfen Künstler politisch sein. Sicherlich freuen sich auch viele Fans über seine Klarheit, ich weiß. Aber Phrasen sind keine Argumente. Und Haltung ersetzt keine Menschlichkeit, für die ich Grönemeyer so mochte.

Was irritiert, ist nicht die Position, sondern der Unterton. Der Eindruck, hier werde nicht mehr gesprochen mit den Menschen, sondern über sie. In einer Sprache, die wenig Zweifel zulässt, wer auf der richtigen Seite steht.

Der frühe Grönemeyer war ein Humanist. Der heutige wirkt wie ein Misanthrop: enttäuscht von den Deutschen, genervt von den Zweiflern und ungnädig mit jenen, die ihm nicht sofort folgen. Doch der Mensch heißt Mensch, auch wenn er widerspricht. Wer ihn erreichen will, sollte ihn nicht beleidigen. Wer ihn überzeugen will, sollte nicht moralisieren.

Es ist ein Muster unserer Zeit: Prominente, Intellektuelle, Künstler sprechen im Imperativ. Sie verwechseln Applaus mit Autorität und Reichweite mit Relevanz. Dass sie selbst in privilegierten Verhältnissen leben und sich erhaben geben, untergräbt die Wirkung zusätzlich, die sie erreichen wollen.

Die „Currywurst“ ist jedenfalls lange her. Die „Flugzeuge im Bauch“ sind dem Eifer gewichen. Heute schwingt überall die Anklage mit: Warum seid ihr nicht so, wie ihr sein solltet, wie ihr sein müsstet, so wie ich, der große Sänger, es will?

Schade ist das. Grönemeyer hat den Ruhrpott verraten. Vermutlich kennt er ihn gar nicht mehr, zumindest nicht so, wie er heute ist.

Ich wünsche mir einen Sänger zurück, der fragt statt fordert. Der den Menschen wieder zutraut, Mensch zu sein – mit ihren Zweifeln, mit ihren Schwächen, mit ihrer Widerspenstigkeit. Den Grönemeyer, wie er einmal war, und der den Rest der Republik schätzte, aus dem er selbst stammte. Er hat mir viel bedeutet.

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