Karnevalsflüchtlinge In Ditzum gesucht – Ruhe statt Rosenmontag
Regen, Nebel, fünf Camper: Im Rheiderland erzählen Gäste aus Solingen und Bocholt, warum sie dem Karnevalstrubel entkommen – und was sie am Deich finden.
Ditzum - Während am Rhein Hunderttausende Jecken wie Konfetti durch die Straßen wirbeln, während in Köln und Düsseldorf die Innenstädte zur Dauer-Partyzone werden und jede zweite Nase aus Pappe zu bestehen scheint, gibt es sie auch: Menschen, die beim bunten Ausnahmezustand nicht mitfeiern, sondern vor ihm fliehen. Karnevalsflüchtlinge – ein Wort wie ein Fluchtticket. Und ein Ziel, das in diesen Tagen immer wieder auftaucht: Ostfriesland. Buchungszahlen auf Inseln und Festland erzählen davon wie Pegelstände vom Hochwasser. Also los: Wenn sich irgendwo welche verstecken, dann vielleicht in Ditzum, diesem kleinen Küstenort, der wirkt, als sei er grundsätzlich immun gegen Alarmstimmung.
Es ist kalt an diesem Morgen, als ich mich aufmache. Hinter Critzum zieht sich die Straße auf meinem Weg nach Ditzum fast schnurgerade durch Felder und Wiesen, ein graues Lineal in einer Landschaft, die heute nicht mal versucht, sich hübsch zu machen. Regen fällt, monoton ziehen die Scheibenwischer ihre Halbkreise. Von der Weite des Rheiderlands ist nicht viel zu sehen, selbst der nahe Emsdeich verschwindet im diesigen Morgenlicht. Kein Horizont, kein Postkartenmoment, nur Nässe, Dunst, Stille. Es ist kein guter Tag für das, was ich vorhabe, schießt es mir durch den Kopf, als ich den Parkplatz am Ortseingang von Ditzum ansteuere.
Nur wenige Camper im Regen: Auf der Suche nach Karnevalsflüchtlingen
Es nieselt, als ich aussteige. Kragen hoch, Mütze tief, Schultern nach vorn – der Körper macht automatisch auf „Wetter überleben“. Ich stapfe Richtung Wohnmobilstellplatz. Und da, wo ich mir eine kleine Wagenburg der rheinischen Exilanten ausgemalt habe, stehen: fünf Camper. Fünf. Als hätte das angekündigte Winterwetter hier persönlich die Schranke runtergelassen. Der Platz liegt ruhig, fast leblos, als hätte jemand den Ton abgedreht. Ich gehe zum ersten Wohnmobil, klopfe, warte. Nichts. Zweiter Versuch, gleicher Sound: Stille. Das war wohl nichts.
Beim nächsten Camper kommt der Optimismus zurück, irgendwo müssen sie ja sein, die Menschen, die lieber Möwen als Musikboxen hören. Hinter der Frontscheibe tut sich was. Ich klopfe an die Seitentür. Ulrich S. öffnet. 71 Jahre, wacher Blick, der mich neugierig abtastet, als müsse er erst entscheiden, ob ich hierhergehöre. Wir wechseln ein paar Worte, dann bittet er mich hinein. Frühstückszeit. Der Rentner und seine Frau kommen aus Solingen; ich platze mitten in die Morgenroutine, in dieses kleine mobile Zuhause, in dem es nach Kaffee, Wärme und „wir lassen uns nicht hetzen“ riecht.
Gäste aus Solingen: Warum sie dem Straßenkarneval ausweichen
„So richtige Karnevalsflüchtlinge sind wir ja nicht“, sagt er. Seine Frau, die ihren eher seltenen Namen nicht in der Zeitung lesen will, nickt. Sie würden ganz gerne mal Karneval feiern, auf eine Sitzung gehen. Aber mit dem Straßenkarneval ab Weiberfastnacht, dem großen Drängeln, Grölen, Gedröhne, hat das Ehepaar so gar nichts am Hut. Solingen sei überschaubar, nicht zu vergleichen mit Köln oder Düsseldorf, erzählen sie. „Aber ab Weiberfastnacht ist auch in Solingen in der Innenstadt und in den Kneipen viel los. Und einen Rosenmontagszug haben wir natürlich auch“, berichtet Ulrich S. Da könne man mitmachen, müsse es aber nicht. Und genau dieses „muss man aber nicht“ hat die beiden schließlich hierher getragen, an eine Küste, die gerade eher nach Regenjacke als nach Rausch aussieht.
„Wir sind gerne hier, die Gegend gefällt uns“, sagt die Dame des Campers. Spazieren gehen, Fahrrad fahren, die Umgebung erkunden, das schlechte Wetter stört sie nicht. „Wir hatten früher Hunde, da muss man eh bei jedem Wetter raus.“ Eine knappe Woche verbringen sie an der Küste, an Aschermittwoch wollen sie wieder zu Hause sein. Ein paar Tage Ditzum standen auf dem Plan, danach Greetsiel und eventuell noch Norddeich.
Nächste Tür, nächster Versuch: Zwischen Abwinken und Zufallstreffer
Nach einer guten halben Stunde stehe ich wieder im Regen. Die Tür fällt hinter mir zu, die Wärme bleibt drinnen, der Niesel draußen. Ein Wohnmobil verlässt gerade den Platz, rollt langsam davon, als würde es sich entschuldigen. Die Chancen schwinden. Ich wende mich eilig dem nächsten Camper zu. Ein Mann, Mitte 40 vielleicht, öffnet. Er will nicht reden, will nicht in die Zeitung, weil er eigentlich krankgeschrieben ist. Bloß keine Aufmerksamkeit. Ich stehe bedröppelt da – als wäre ich selbst der, vor dem man flieht. Doch eine Chance bleibt.
Und sie öffnet sich mit der Wucht einer rheinischen Frohnatur: Matthias Brinkman, 63, seit wenigen Wochen Rentner – und trotz des bescheidenen Wetters so gut gelaunt, als trüge er Sonne in der Jackentasche. „Auf rein mit Dir“, schallt es mir entgegen. Kaum bin ich im Camper, werde ich von einem Hund freudig begrüßt, echte Begeisterung, kein höfliches Nicken. Ehefrau Iris strahlt mich an, als wäre ich ein Nachbar, der nur kurz rüberkommt. „Tee oder Kaffee?“ Ich entscheide mich für Tee. Das Paar kommt aus Bocholt, nahe der holländischen Grenze, ähnlich wie das Rheiderland, nur mit mehr Karneval im Blut. Wir plaudern kurz über niederländische Nachbarn und ihre Vorliebe für deutsches Feuerwerk und deutsche Supermärkte. Dann landet das Gespräch da, wo es in diesen Tagen fast immer landet: bei Weiberfastnacht, bei Rosenmontag, bei diesem kollektiven Ausnahmezustand.
Ruhe im Rheiderland: Weite statt Gedränge, Wind statt Wumms
„An Weiberfastnacht arbeitet ab 11.11 Uhr in Bocholt keine Frau mehr“, berichtet Iris Brinkman. Der Straßenkarneval werde in Bocholt gelebt. Die Kneipen in der Stadt seien voll, das Prinzenpaar ziehe um die Häuser, und keine Krawatte sei sicher, sagt die 60-Jährige und lacht. Am Rosenmontag ziehe der Zug mit 40 Wagen und 35 Fußgruppen 80.000 bis 90.000 Menschen in die Stadt. Zahlen, die sich anfühlen wie ein Stadion. „Man könnte fast sagen, da ist ganz Bocholt dabei. Dem ist aber nicht so“, betont Matthias Brinkman. „Uns ist der ganze Trubel dann zu viel.“
Und so hat es die Brinkmans nach Ditzum verschlagen, raus aus dem Lauten, rein ins Leise. „Wir wollen hier einfach die Gegend kennenlernen“, berichtet der Rentner. Am Mittwochmorgen ging es los, nach einer kurzen Station in Papenburg war Ditzum das nächste Ziel. „Hier wollen wir bis Montag bleiben, dann eventuell nach Leer oder Emden, bevor es am Aschermittwoch wieder in die Heimat geht.“ Iris Brinkman schaut, als würde sie die Landschaft auch dann sehen, wenn der Nebel sie schluckt. „Die Gegend ist schön. Hier kann man auch einfach nur die gute Luft genießen“, schwärmt sie. Und mit dem Hund über den Deich laufen.
Draußen hängt der Himmel weiterhin tief, das Rheiderland bleibt an diesem Tag ein Versprechen hinter grauen Schleiern. Aber drinnen, zwischen Teetasse, Hundepfoten und Reiseplänen, wird klar, warum Menschen hierherkommen, wenn anderswo die Städte beben: Nicht, weil Ostfriesland spektakulär wäre. Sondern weil es das Gegenteil anbietet. Weite statt Gedränge. Wind statt Wumms. Und diese seltene, fast altmodische Freiheit, einfach nichts zu müssen.