Osnabrück Howard Carpendale über seine Ängste: „Wir waren dem Dritten Weltkrieg noch nie so nah“
Howard Carpendale ist mit 80 Jahren nachdenklich geworden. Besonders die weltpolitische Lage beschäftigt den Musiker. Im Clasen Talk spricht er über Geld, Donald Trump und Friedrich Merz.
Jenseits des Rampenlichts zeigt sich Sänger Howard Carpendale von den aktuellen globalen politischen Entwicklungen bewegt. Zu Gast im Clasen Talk sprach er mit Michael Clasen über Deutschland, die USA und die ungleiche Vermögensverteilung. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Frage: Michael Clasen: In Ihrer Autobiografie merkt man, dass Sie sehr nachdenklich geworden sind. Warum machen Sie sich Sorgen um den Zustand dieses Planeten und auch den der Politik?
Antwort: Howard Carpendale: Ich bin 1946 geboren. Das war verdammt gutes Timing. Der Krieg war zu Ende. Jetzt ist es 80 Jahre später und wir stehen möglicherweise vor einem Dritten Weltkrieg. In Talkshows schafft es die Politik immer noch, darüber zu lachen – ich kann das nicht. Wir wissen, dass es einen Krieg in der Ukraine gibt. Wir wissen aber nicht, wie es den Menschen dort geht, die 24 Stunden lang keine Sekunde Ruhe haben oder einfach durchatmen können.
Antwort: Wollen wir so eine Situation bei uns haben? Wir waren dem Dritten Weltkrieg noch nie so nah. Plötzlich bauen alle Waffen. Was wollen Amerika und Russland mit jeweils 4000 Atombomben? Drei Stück würden doch reichen. Ich hoffe sehr, dass ich an dem Tag, an dem ich mich von dieser Welt verabschieden kann oder muss, sagen kann: Es ist jetzt besser als damals, als ich auf diese Welt kam.
Frage: Sie pendeln zwischen den USA und Deutschland und hatten bereits eine kurze Begegnung mit Donald Trump. Macht Ihnen dieser Mann Angst?
Antwort: Es ist seine Unberechenbarkeit, die mir Angst macht. Er hat offensichtlich Spaß daran, seine Meinung zweimal am Tag zu ändern. Er baut einen Ballsaal, obwohl Amerika große finanzielle Schwierigkeiten hat. Jetzt will er einen Triumphbogen bauen, der viel größer sein muss als der in Paris. Ich kann niemanden verstehen, der so denkt. Das ist die eine Seite.
Antwort: Außerdem vertraue ich der Art nicht, wie er mit anderen Ländern, Präsidenten und Autokraten spricht. Natürlich macht mir das Angst. Einerseits bewegen wir uns in die Richtung einer supermodernen Welt. Andererseits bewegen wir uns zurück in die Vergangenheit, mit den Kriegen, den Waffen und wie wir mit LGBTQ-Menschen umgehen. Die Welt um uns herum ist autokratischer geworden.
Frage: Sie haben Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, aber auch Willy Brandt kennengelernt. Haben wir heutzutage noch Führungspersönlichkeiten wie diese oder fehlen sie uns?
Antwort: Ich könnte weltweit keine einzige Person nennen, in die ich wirklich dieses Vertrauen habe. Das ist eigenartig, weil früher war immer irgendwo so jemand da. Allein wenn wir für Amerika ein wenig in die Zukunft blicken: Wenn Trump zurücktritt, ist Vance besser? Ich weiß es nicht.
Antwort: Die US-Demokraten waren in den letzten Jahren eine absolute Katastrophe. Keiner ist bereit, nach vorne zu gehen und Verantwortung zu übernehmen. Auf der ganzen Welt gibt es Diktaturen. Ich weiß nicht, wie die Leute dort leben, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schön ist. Im Moment haben wir gerade in der hiesigen Politik eine Mischung. Merz hat noch nicht die Zeit gehabt, sich zu beweisen, aber er hat einen sehr, sehr schweren Weg vor sich.
Frage: Was muss Merz Ihrer Ansicht nach tun, damit er die Gesellschaft wieder zusammenführt?
Antwort: Mein Eindruck ist, dass die Gesellschaft sehr stark polarisiert und die Probleme wachsen. Das ist eine wirklich ungünstige Konstellation. Ich halte nicht viel von Hoffnung, denn Hoffnung führt oft zu Naivität. Das Einzige, was wir tun können, ist, einen anderen Umgangston zu finden – nicht nur unsere Politiker, sondern alle Menschen.
Antwort: Wenn ich mit guten Freunden rede, merke ich, dass Zuhören nicht mehr „in“ ist. Man hört nicht zu, um zu verstehen, sondern um zu überlegen, was man als Nächstes sagt. Man muss von den Menschen lernen und nicht immer alle Ideen ablehnen. Das gilt auch für die Politik. Ich träume von dem Tag, an dem ein Politiker zu einem anderen sagt: „Mensch, du hast recht.“ Das sind vier Worte, die ich so gerne hören möchte.
Frage: Sie sind jetzt 80 Jahre alt. Gibt es Dinge, die sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zum Positiven entwickelt haben?
Antwort: Als ich Willy Brandt und Helmut Schmidt damals reden hörte, hatte ich immer ein gewisses gutes Gefühl. Es kam mir vor, als seien das Menschen, die sich wirklich die Zeit nehmen und versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Das sieht heutzutage in der Politik anders aus. Es geht nur um Streit, wir kommen nicht weiter. Ich glaube, jeder Mensch muss bei sich selbst anfangen. Wenn ich durch die Straße gehe und jemanden sehe, der mich anschaut, dann lächle ich diesen Menschen an. Das bedeutet ihm etwas. Das ist die kleinste Kleinigkeit, die man von jemandem verlangen kann.
Frage: Oligarchen und Tech-Milliardäre verfügen heute über Vermögen, die zur Zeit von Brandt und Schmidt unvorstellbar waren. Wollten Sie auch so reich sein?
Antwort: Wenn Politiker über Geld sprechen, beginnen die Zahlen erst bei einer Milliarde. Wenn ich Ihnen jede Sekunde einen Euro gebe, haben Sie nach zehn Tagen fast eine Million. Wenn ich Ihnen jede Sekunde einen Euro gebe, dauert es – ich hoffe, Sie fallen nicht vom Stuhl – fast 32.000 Jahre, bis Sie ein Billionär sind. Keiner hat mehr ein Gefühl für die Summen, von denen Trump und Oligarchen reden.
Antwort: Warum Elon Musk, der 350 Milliarden hat, unbedingt eine Billion haben will, ist mir ein absolutes Rätsel. Unsere Politik muss einen Weg finden, diese Situation zu ändern. Die Schere zwischen Arm und Reich ist fürchterlich und wird immer größer und größer.
Frage: Welchen Antrieb sehen Sie darin? Ist das einfach die Gier des Menschen?
Antwort: Ich habe keine Ahnung. Wenn man mir 50 Millionen Euro anbieten würde, würde ich dankend ablehnen, weil es mein Leben nicht ändern würde. Ich bin nicht superreich, habe aber über die Jahre gutes Geld verdient. Ich kann Golf spielen und in den Urlaub fahren, aber ich träume nicht von einem Privatjet. Wenn ich schon eine Milliarde hätte, wäre die letzte Frage, die mir in den Sinn kommt: Wie mache ich zwei Milliarden daraus?