Berlin  Sehr geehrter Herr Hillebrand, Ihr Rücktritt ist ein Skandal

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 14.02.2026 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
War bis zum 2. Februar Verkehrspräsident des ADAC: Gerhard Hillebrand. Foto: Thomas Frey
War bis zum 2. Februar Verkehrspräsident des ADAC: Gerhard Hillebrand. Foto: Thomas Frey
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Nach unserem Interview mit Gerhard Hillebrand über Autos und Klimaschutz sind 60.000 Menschen aus dem ADAC ausgetreten. Unterm Strich wuchs die Mitgliederzahl im Januar wie in normalen Zeiten um 40.000. Unser Autor hat dem Mann, der wegen eines Pseudoskandals seinen Hut nehmen musste, einen Brief geschrieben.

Sehr geehrter Herr Hillebrand,

dass Sie als Folge unseres Interviews als ADAC-Verkehrspräsident zurückgetreten sind beziehungsweise zurücktreten mussten, hat mich irritiert. Der Vorgang macht nicht nur deutlich, dass sich die Stimmung in Sachen Klimaschutz komplett gedreht hat, von Hysterie zu Verdrängung. Er zeigt auch, wie sich einzelne erboste Reaktionen durch mediale Verstärkung zu einer Wutwelle auftürmen können, die sich durch Argumente nicht brechen lässt.

Im Resultat wurden wissenschaftlich fundierte und verantwortungsbewusste Aussagen als Provokation, ja sogar als Verrat am Autofahrer verurteilt.

Was die Welle bei mir zurücklässt, ist der bittere Eindruck, man müsse in Deutschland inzwischen wirklich sehr genau darauf achten, was man sagt, um nicht von einfältigen Stimmungsmachern an den Pranger gestellt und dort auch noch stehengelassen zu werden. Dass sich keiner Ihrer Kollegen an der ADAC-Spitze (Kolleginnen gibt es da nicht) hinter Sie gestellt hat, ist ganz schön schwach. Bei der Suche nach einem neuen Leiter für die Kommunikation kann man da nur viel Erfolg wünschen.

Aber noch mal von vorn: Wir haben uns Mitte Dezember – die EU hatte das Verkaufsverbot neuer Diesel und Benziner ab 2035 gerade gekippt – sehr ernsthaft darüber unterhalten, wie das Autofahren bezahlbar bleiben und gleichzeitig der Treibhausgasausstoß gesenkt werden kann. Sie haben die Aufweichung des Verbrennerverbotes begrüßt, für Technologieoffenheit geworben, aber zugleich davor gewarnt, wie Donald Trump so zu tun, als gäbe es die durch die Verbrennung von Öl und Gas beschleunigte Erderwärmung nicht.

Zum Verhängnis wurden Ihnen zwei Sätze im unteren Drittel des Interviews: „Der ADAC hält die CO2-Bepreisung für ein richtiges Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.“

Sie sagten korrekterweise: „Der ADAC hält“ und nicht „Ich halte“, weil das offizielle ADAC-Linie ist. Für den folgenden Satz reichte die Aufmerksamkeitsspanne der Empörten nicht: „Aber dass sich die EU dabei etwas mehr Zeit lässt und Preisspitzen verhindert, um die Belastungen nicht zu stark werden zu lassen, das ist absolut in Ordnung, zumal eine Preiserhöhung nur dann positiv wirkt, wenn auch ausreichend Möglichkeiten bestehen, diese mit alternativen Angeboten zu vermeiden.“

Das war aber Ihre eigentliche Botschaft: der Aufruf an Friedrich Merz und seine Regierung, das E-Auto-Fahren angenehmer und bezahlbarer zu machen als Diesel und Benziner, statt immer neue Ziele und Verbote zu beschließen und wieder zu kassieren, wenn es anstrengend wird.

Genau das aber macht Friedrich Merz gerade wieder. In seiner ersten Rede als Kanzler nannte er die CO2-Bepreisung den „zentralen Baustein“ seiner Klimapolitik, denn der Markt soll es richten. Am Mittwoch sagte er in Brüssel: „Sollte es sich aber nicht um das richtige Instrument handeln, sollten wir sehr offen für eine Überarbeitung oder zumindest für eine Verschiebung ⁠sein.“

Dabei könnte inzwischen allgemein bekannt sein, dass der Umbau der europäischen Wirtschaft nur gelingt, wenn man alle verfügbaren Instrumente entschlossen einsetzt und intelligent aufeinander abstimmt, anstatt immer aufs Neue herumzueiern und Industrie und Verbraucher irre zu machen.

Lieber Herr Hillebrand, lassen Sie mich zum Abschluss Danke sagen für unsere Gespräche der Vergangenheit, sei es auf dem Podium oder beim Interview, und für Ihre klaren Worte. Hoffentlich bewahren Sie trotz allem Zuversicht.

Mit herzlichem Gruß, Tobias Schmidt

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