Osnabrück Ob Karneval oder Fasching: Das Indianer-Kostüm ist kein Tabu!
Wer sich im Karneval als Indianer verkleiden will, braucht heutzutage Mut. Eltern sollten ihren Kindern dabei den Rücken stärken. Von der Lust, in eine fremde Haut zu schlüpfen – und warum das nicht anrüchig sein sollte.
Ein Kollege untersagt seinen Kindern an Karneval, sich als Indianer zu verkleiden. Aus Respekt. Das ist sein gutes Recht als Vater. Und mein Recht ist es, mich darüber aufzuregen. Denn die gut gemeinte Empfindlichkeit wird dem moralischen Anspruch nur auf den ersten Blick gerecht.
Alle Jahre wieder stellen sich an Karneval die gleichen Fragen: Wann ist ein Kostüm ein Ausdruck von Respekt – und wann eine Grenzüberschreitung? Wo verläuft die Linie zwischen kultureller Wertschätzung und kultureller Aneignung? Sobald Fotos von Kindern mit Kriegsbemalung, Gummibeil und buntem Federschmuck auf dem Kopf kursieren, folgt die Empörung prompt: Das sei überholt, verletzend, ein Relikt kolonialer Stereotype. Doch ist es wirklich so einfach?
Ich bin in den 1970er-Jahren aufgewachsen. Kaum ein Tag verging, an dem wir nicht „Cowboy und Indianer“ gespielt haben. Ein Klassiker jeder Boomer-Kindheit. Im Fernsehen liefen Karl-May-Verfilmungen. Winnetou als Idol. Ich wollte sein wie der edle Apachen-Häuptling: stark und tapfer, eine durch und durch ehrliche Haut. Als was ich mich an Karneval verkleiden wollte, lag also nahe.
Leider war meinen Eltern das Winnetou-Kostüm zu teuer. Deshalb haben sie nein gesagt – und ich reichlich Wut entwickelt. Gut, dass es Oma Maria gab. Sie nähte mir aus einem samtbraunen Vorhang aus der Mottenkiste einen Old-Shatterhand-Anzug. Mit Fransen und allem Pipapo. Trotzdem war ich nur halb glücklich. Old Shatterhand war zwar auch edel und gut. Aber eben kein Indianer!
Natürlich hatte ich – wie viele andere – damals noch keinen blassen Schimmer davon, wie schmerzlich die Geschichte der indigenen Völker Nordamerikas ist. Heute sind wir schlauer. Und Wissen verpflichtet. Doch müssen Sensibilität und Empathie automatisch dazu führen, alles zu verbieten, was mit kulturellen Symbolen zu tun hat?
Müssen wir das Fremde meiden, um es zu achten, oder sollten wir uns ihm nähern, um es besser zu verstehen? Betreiben Kinder kulturelle Aneignung oder ist es nicht vielmehr kindliche Bewunderung, gespeist aus Fantasie und Romantik? Mir und meinen Kumpels wäre es niemals in den Sinn gekommen, uns mit der Verkleidung über Winnetou lustig zu machen.
„Kulturelle Aneignung ist nicht per se falsch“, sagt der kanadische Kulturwissenschaftler Jesse Wente, der mütterlicherseits von Indigenen abstammt. „Falsch wird sie, wenn sie ohne Respekt und ohne Wissen geschieht. Aber Austausch, geteilt und bewusst, kann auch Heilung sein.“ Dieser Satz trifft den Kern, finde ich. Verkleidung an sich ist kein Problem. Das Problem liegt in der Haltung, mit der man sie trägt.
Überdies: Der Mensch wäre nie so weit gekommen, hätte er sich nicht stets beim Nachdenken, Singen oder Handwerkern von anderen etwas abgeschaut. Das ist so, seit Homo sapiens den Faustkeil eines anderen Stammes in die Hand nahm.
„Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte kultureller Aneignungen, ohne die es keine Entwicklung gegeben hätte“, sagt etwa die Ethnologin und vergleichende Kulturanthropologin Susanne Schröter. Und weil kulturelle Aneignung immer auch eine gewisse Wertschätzung beinhalte, sei sie in einer infolge der Globalisierung immer vielfältigeren Welt wohl die wichtigste Kulturtechnik, die ein friedliches Zusammenwachsen möglich mache.
Ganze Epochen gründen auf der Fähigkeit, fremde Elemente aufzunehmen und Neues daraus zu schaffen. Geschichte ist nichts anderes als ein Prozess ständiger Aneignung des Fremden und Weiterentwicklung. Warum also soll ausgerechnet das Teilen kultureller Faszinosa zum Karneval ein Tabu sein?
Vielleicht liegt die Antwort in der Unterscheidung zwischen dem oberflächlichen Kopieren und dem ehrlichen Interesse. Aus indigenen Kreisen ist der Satz überliefert: „Was uns verletzt, ist nicht, dass Menschen unsere Kleidung schön finden. Es ist, wenn sie nicht wissen, was sie anziehen.“
Das ist entscheidend: Es geht nicht darum, das Tragen eines Kopfschmucks aus Federn zu verbieten, sondern darum, den symbolischen Wert dieses Schmucks zu verstehen. Und das kann ein jeder Vater, eine jede Mutter mit dem Nachwuchs zu Karneval besprechen – auch schon mit den Kleinsten, mit einfachen Worten. In Kanada und den USA fördern indigene Künstler heute bewusst Workshops, in denen Nicht-Indigene mehr über deren Kunst, Sprache und Tradition erfahren können.
Natürlich ist die Geschichte indigener Völker in Nordamerika auch eine Geschichte von Vertreibung und Vernichtung durch den „Weißen Mann“. Aber darf man deshalb jede Form der Bezugnahme auf indigene Kultur tabuisieren?
Ist ein Kostüm, das in Respekt getragen wird, tatsächlich ein Akt der Verächtlichmachung – oder vielleicht eher eine unbeschwerte Erinnerung daran, dass diese Kulturen existieren, dass ihre Kunst, ihre Riten und Symbole, ja, ihr ganzes Lebensgefühl uns bis heute faszinieren? Und sollten wir in indigenen Völkern nicht mehr sehen als nur Opfer? Nämlich Vorbilder!
Wäre es nicht ein Fortschritt, wenn wir uns trauten, kulturelle Elemente zu teilen, ohne sie gleich zu vereinnahmen? Wenn Kinder mit einem Kostüm nicht Spott ausdrückten, sondern Staunen?
Klar, Klischees sind gefährlich. Der wilde Krieger, Trommelrhythmen, der Marterpfahl – all das verengt eine reiche, vielfältige Kultur auf Hollywood-Niveau. Aber wäre es nicht gut, dieses Bild aufzufächern? Wenn Kinder sich für Winnetou begeistern – warum nicht die Gelegenheit nutzen, um von echten Apachen, Lakota oder Navajo zu erzählen? Das Kostüm als Anregung, Neugier zu wecken.
Verkleidung ist Spiel. Spiel ist Annäherung. Und Annäherung – ist das nicht der Beginn von Verständnis? Wenn Karneval je eine Bedeutung gehabt hat, dann die, für einen Moment in andere Rollen zu schlüpfen, Grenzen zu verwischen, das Fremde auszuprobieren. Wie schade wäre es, wenn die Kinder unserer Kinder aus Angst vor moralischer Kritik solche Möglichkeiten verlören.