Berlin  Berlinale-Chefin VOR dem Festival: „Kein einziger Politiker will uns zensieren“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 10.02.2026 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Berlinale 2026: Tricia Tuttle leitet zum zweiten Mal das Festival. Foto: IMAGO/Future Image
Berlinale 2026: Tricia Tuttle leitet zum zweiten Mal das Festival. Foto: IMAGO/Future Image
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Wird die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle abgesetz? Nach der pro-palästinensischen Preisrede des Regisseurs Abdallah Alkhatib verbreitet die „Bild“ dieses Gerücht. Wir wiederholen aus diesem Anlass noch einmal unser Interview, in dem Tuttle vor dem Festival jeden Zensurversuch seitens der Politik ausgeschlossen hatte.

Wer sind die größten Stars der Berlinale 2026? Wie steht es um die Meinungsfreiheit auf dem Festival? Und wie groß ist der Einfluss der Politik? Vor dem Festival haben mit der Chefin Tricia Tuttle darüber gesprochen.

Frage: Tricia Tuttle, auf welche Berlinale-Stars freuen Sie sich am meisten? Und wer ist der größte Coup für das Marketing-Team?

Antwort: Wir haben ganz unterschiedliche Zuschauer, die jeweils ganz unterschiedliche Stars lieben. Die Musikerin Charli XCX spricht eine Publikumsgruppe an, die wir verstärkt erreichen wollen: Jeder 18- bis 30-Jährige, mit dem ich spreche, will ihren Film „The Moment“ sehen. Ich freue mich auch sehr auf Pamela Anderson, die gerade ein spätes Revival erlebt und grandiose Rollen spielt. Persönlich begeistert mich auch die Rückkehr des äthiopischen Regisseurs Haile Gerima, der seinen 10-Stunden-Dokumentarfilm „Black Lions“ präsentiert.

Frage: Werden Filme gerade wieder viel länger?

Antwort: Zehn Stunden ist lang – und eine Ausnahme, aber an diesem dokumentarischen Projekt über das Kolonialerbe Italiens in Äthiopien hat Gerima auch ein ganzes Leben lang gearbeitet.

Frage: Was wir heute unter Stars verstehen, wurde in Hollywood erfunden. Inzwischen kommen Stars auch aus sozialen Medien wie Tiktok und aus dem Reality-TV. Kylie Jenner zum Beispiel, die auch zur Berlinale erwartet wird.

Antwort: Und viel vom Starruhm haben sogar Deutsche erfunden – angefangen bei Marlene Dietrich. Nicht jeder Film ist Starkino, aber Stars helfen jedem Festival, Aufmerksamkeit für das Kino zu wecken. Crossover-Stars wie Kylie Jenner, die aus der Popkultur kommen, gab es schon vor Social Media. Denken Sie an Madonna. Mal sehen, ob Kylie Jenner eine Schauspielerin sein wird, die wir ab jetzt in immer neuen Filmen sehen.

Frage: Tiktok ist Berlinale-Partner. Schadet das Netzwerk, wie viele befürchten, dem Kino, weil es die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt? Oder hilft es sogar, weil es Nutzer zu Experten für Montage und Filmsprache macht?

Antwort: Bücher und Filme trainieren spezielle Muskeln im Gehirn. Man muss sich Zeit dafür nehmen. Trotzdem habe ich keine Angst vor Tiktok. Wir können das sowieso nicht stoppen und statt zu jammern, kann man jungen Leuten einfach da begegnen, wo sie sind. Heutige Teenager entdecken alte Filme viel intensiver als meine Generation. Damals musste man schon ein Filmliebhaber sein, um Filmmagazine zu lesen oder Regisseure zu entdecken. Jetzt entdeckst du auf Tiktok Filme, die dein Lieblingsstar empfiehlt. Und mit Letterboxd, unserem weiteren Partner, gibt es sogar ganz ein eigenes Netzwerk für die besten Filmempfehlungen.

Frage: Als Ihr Jury-Präsident Wim Wenders in den 1970ern Filmemacher wurde, war das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein Innovationstreiber des Kinos. Wird es zu dieser Rolle je zurückfinden?

Antwort: Ich bin auf dem Gebiet nicht Expertin genug. Aber ich weiß, dass ein wichtiger Teil der Filmfinanzierung auch heute noch von den Sendern kommt. Besonders, wo es um die Entdeckung und Unterstützung neuer Talente geht. Auf dem Markt haben junge Filmemacher es vergleichsweise schwer. Wir brauchen die öffentliche Investition.

Frage: Schauen Sie selbst noch Fernsehen?

Antwort: Ja, tue ich. Ich habe nicht viel Zeit dafür, aber ich neige dazu, direkt nach dem Festival online alles zu bingen, was ich das Jahr über verpasst habe. Letztes Jahr war meine Lieblingsserie „The Studio“; da taucht der Komiker Seth Rogen in die Filmwelt ein und das war wirklich, wirklich fantastisch. Die ersten Staffeln der Agentenserie „Slow Horses“ waren auch großartig. „Adolescence“ hat mich auch umgehauen und das ist auch für die Berlinale relevant: Der Autor Jack Thorne stellt bei uns seine neue Serie „Herr der Fliegen“ vor.

Frage: In Ihrem zweiten Berlinale-Jahr lernen Sie schon den zweiten Staatsminister für Kultur kennen. Was unterscheidet Wolfram Weimer von Claudia Roth, wenn es um Impulse für die Berlinale und das Kino geht?

Antwort: Ich habe beide als sehr unterstützend erlebt. Er überrascht mich vielleicht noch ein bisschen mehr als sie – weil er bislang wenig Bezug zur Kultur und zum Film hatte. Aber er scheint wahrzunehmen, wie wir versuchen, das Festival aufzufrischen, es weiterzuentwickeln und für die Zukunft aufzustellen.

Frage: Ein Dauerthema zwischen Ihnen und den Staatsministern sind als antisemitisch kritisierte Wortmeldungen, die wiederholt von Berlinale-Künstlern kamen. Haben Sie sich auf eine bestimmte Diskussionskultur verständigt?

Antwort: Wir alle schätzen die freie Meinungsäußerung. In der deutschen Gesetzgebung ist sie garantiert und am Ende liegt es an uns selbst, also an der Berlinale, welche Gesprächskultur wir etablieren, damit es respektvoll zugeht. Ich habe viele Politiker kennengelernt. Alle haben ihre eigenen Ansichten, aber kein Einziger will die Grenze überschreiten, uns zu zensieren.

Frage: International tobt ein Meinungskampf darüber, wo die Meinungsfreiheit mehr bedroht ist. Die US-Administration, speziell JD Vance, sagt: in Europa. Hier wiederum zeigt man auf die USA. Sie arbeiten als Amerikanerin in Deutschland. Wer hat recht?

Antwort: Ich sage, dass der freie Austausch essenziell ist und wir die Meinungsfreiheit verteidigen müssen. Eine Grenze ist nur da erreicht, wo es hasserfüllt wird und Menschen diskriminiert werden. Auch wenn da nicht jeder einverstanden ist. JD Vance oder Elon Musk sehen diese Grenzen offensichtlich nicht.

Frage: Kulturstaatsminister Weimer findet das deutsche Kino im Arthouse stark, meint aber, beim Mainstream-Kino müssen wir aufholen. Was sagen Sie?

Antwort: Deutschland ist eines der großen filmproduzierenden Länder und viele deutsche Künstler funktionieren auch international sehr gut. Sandra Hüller ist in jedem Land der Welt ein großer Star. Wim Wenders’ Filme reisen um die ganze Welt. Und was er dreht, ist nicht nur Arthouse. Es läuft auch kommerziell gut. Wenn wir über kommerzielles Kino reden, bringen wir zwei Dinge oft durcheinander: Filme, die für ein breites Publikum gemacht sind, und Filme, die auch deshalb kommerziell erfolgreich sind, weil sie für den richtigen Preis entstehen. Wenders’ Film „Perfect Days“ war in diesem Sinne ein klug produzierter Film. Ed Berger (der Regissseur von „Konklave“ und dem vierfachen Oscar-Sieger „Im Westen nichts Neues“, Anm. d. Red.) macht große kommerzielle Filme, die sehr gut reisen. Es ist manchmal schwer, aus dem Nationalen auszubrechen, besonders bei Komödien übrigens, aber ich denke, dass Deutschland es besser macht als viele andere Länder. Und die Schauspielkunst hier ist grandios.

Frage: Nach Ticketverkauf und Budget ist die Berlinale Deutschlands größtes Kulturereignis. Was genau kostet sie eigentlich? Und welcher Posten ist der teuerste?

Antwort: Unser Budget liegt bei 34 Millionen Euro, gute 60 Prozent davon erwirtschaften wir selbst, durch Sponsoring, Einnahmen im Filmmarkt und Ticketverkäufe. Mit 340.000 Zuschauern hatten wir im letzten Jahr einen neuen Rekord. Auf Personalkosten entfällt über ein Drittel des Etats, danach kommen Mieten. Wir buchen Kinos für fast 280 Filme. Unsere staatliche Förderung beträgt zwölf Millionen Euro, das Land Berlin gibt noch mal eine Million jährlich dazu. Ohne die lässt sich die Berlinale nicht finanzieren. Und diese Förderung muss man als Investition betrachten. Sie können das als Wirtschaftsförderung auch schlicht am Ertrag messen. Wir haben 20.000 Fachbesucher aus aller Welt. Das Festival spült mehr als 100 Millionen Euro in die Stadt. Die Berlinale ist kulturell wichtig, aber sie ist auch eine gute Investition. Und wir müssen sicherstellen, dass das so bleibt.

Frage: Frau Tuttle, beim letzten Gespräch haben Sie verraten, dass Sie keinen Film öfter gesehen haben als „Ein Offizier und Gentleman“ – und zwar, weil Sie als Teenager für Debra Winger geschwärmt haben. Warum ist Wim Wenders Jury-Präsident und nicht Ihr Jugendschwarm?

Antwort: Ich liebe Debra Winger. Ich liebe ihre Filme. Und Sie haben recht: Ich habe für sie geschwärmt. Für Richard Gere natürlich auch. Den Vorsitz der Jury sollte jemand übernehmen, der aktuell tief im kreativen Prozess steckt. Letztes Jahr war es der Regisseur Todd Haynes, jetzt ist es Wim Wenders. Auch die beiden hatten einen enormen Einfluss auf mein Leben.

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