Osnabrück  So will Shabnam Parvaresh jüngere Leute zum Morgenland Festival Osnabrück locken

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 10.02.2026 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ihr erstes Morgenland Festival eröffnet die neue Leiterin Shabnam Parvaresh 2026 wie gewohnt in der Marienkirche. Foto: Ralf Doering
Ihr erstes Morgenland Festival eröffnet die neue Leiterin Shabnam Parvaresh 2026 wie gewohnt in der Marienkirche. Foto: Ralf Doering
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Das Morgenland Festival war zwei Jahrzehnte lang mit dem Namen seines Gründers und Leiters Michael Dreyer verbunden. Er selbst hat die Leitung ab diesem Jahr Shabnam Parvaresh übertragen. Jetzt stellt sie erstmals ihre Pläne vor.

Es bleibt vieles, wie es war beim Morgenland Festival Osnabrück. Die Finanzierung zum Beispiel: Der Mix aus städtischen Zuschüssen und Drittmitteln von öffentlichen und privaten Stiftungen bewegt sich mit einem Gesamtvolumen von einer knappen halben Million Euro auf dem Niveau der Vorjahre – was angesichts schrumpfender Kulturetats keine Selbstverständlichkeit ist.

Das Eröffnungskonzert findet am Freitag, 29. Mai, um 19 Uhr in St. Marien statt – auch das gehört zu den Traditionen, die das Festival in über zwanzig Jahren geschaffen hat, und daran rüttelt die neue Leiterin Shabnam Parvaresh nicht. Aber generell sieht die neue Leiterin Reformbedarf. Den leitet sie aus eigenen Erfahrungen ab: „Wenn ich die Menschen in Osnabrück anspreche, stelle ich fest: Ganz viele kennen das Morgenland Festival nicht.“ Gerade jüngere Leute erreicht das Festival kaum.

Aber wie spricht man dieses Publikum an? Parvaresh antwortet auf diese Frage mit zwei neuen Konzertorten: Kleine Freiheit und Botschaft.

Die beiden Clubs an der Frankenstraße stehen für Konzert- und Feierkultur gleichermaßen. Genau das spricht junge Menschen an, und so hofft Parvaresh, über die Konzertorte neues Publikum fürs Morgenland Festival zu gewinnen. Am Mittwoch, 3. Juni, spielt daher das Trio Avalanche Kaito um den in Burkina Faso geborenen Sänger Kaito Winse in der Kleinen Freiheit. Das Besondere dabei: Die Formation verbindet traditionelle Musik des westafrikanischen Landes mit Postpunk und experimenteller Elektronik. „Eine Musik, die perfekt in die Kleine Freiheit passt“, sagt Parvaresh.

Den Abschluss ihres ersten Festivals am Samstag, 6. Juni, verlegt sie in die Botschaft. Gleich drei Bands kann das Publikum dort erleben: Sanam, ein Musik-Kollektiv aus Beirut, das Freejazz und Rock mit traditionellen arabischen Klängen und arabischer Poesie kombiniert. Darauf folgt der afghanischstämmige Hip-Hop-Produzent Farhot, der sich in seiner Musik mit Fragen der Herkunft, Migration und dem Alltag in der Großstadt befasst – und daraus eine sehr eigene, rohe, gleichzeitig poetische Musik formt. Fürs Finale hat Parvaresh schließlich den tunesischen Produzenten Sofyann Ben Youssef engagiert, der in dem Projekt Ammar 808 nordafrikanische Rhythmen und Elektronik-Klänge zusammenbringt. Aber keine Sorge: Die meisten Konzerte finden, wie gewohnt, in der Lagerhalle statt – das soziokulturelle Zentrum bleibt die Heimstatt des Festivals.

Nun hatte Parvareshs Vorgänger, der Gründer und langjährige Leiter des Morgenland Festivals, Michael Dreyer, Musiker aus Indien eingeladen, den Ethnomusik-Star Toumani Diabaté aus Mali, den uigurischen Musiker Perhat Khaliq und Wu Wei aus China – meist verbunden mit Länderschwerpunkten.

Parvareshs geografischer Zirkel reicht hingegen von der Ukraine bis Burkina Faso, von Indien bis Tunesien – im Rahmen eines einzigen Festivals. Außerdem versteht sie den Begriff Morgenland nicht ausschließlich geografisch und gesellschaftlich: „Morgenland“ übersetzt sie mit „Land von Morgen“. Bei ihr wird der Raum zur Zeit.

Was sie damit meint, sind Musiker, die sich zu ihren jeweiligen Traditionen bekennen, aber davon ausgehend in die Zukunft denken. Ein Beispiel dafür liefert das Eröffnungskonzert: Der ägyptische Künstler, Komponist und Sänger Abdullah Miniawy geht vom Maqam-Gesang aus, also von der traditionellen Musik des Mittleren Ostens. Aber er kombiniert das mit zwei Posaunen und schlägt die Brücke zur zeitgenössischen elektronischen Musikszene.

Überhaupt Elektronik: Der Begriff taucht häufig auf in der Künstlerliste des diesjährigen Morgenland Festivals. Kit Downes und Shiva Feshareki etwa kombinieren Klavier und elektroakustische Klangräume. Die „Rituals of the Last Dawn“ sind ein Projekt des iranischen Kamanche-Spielers Saba Alizadeh und Pietro Caramelli an der Gitarre und verschiedenen Elektrogeräten.

Aus Parvareshs Verständnis heraus hängen mit Elektronik zwei weitere Begriffe eng zusammen: Experiment und Improvisation. Die Sängerin und Oud-Virtuosin Kamilya Jubran, die türkische, heute in Amsterdam lebende Cellistin, Komponistin und Sängerin Sanem Kalfa, die in Indien geborene Sängerin und Komponistin Ganavya: Bei aller Unterschiedlichkeit schlagen diese Künstlerinnen und Formationen allesamt die Brücke zum Jazz, zur Improvisation, zum Experiment – der Stoff, aus dem die Zukunft entsteht. Eine Zukunft übrigens, die sich für viele Künstler in einer neuen Heimat abspielt: „95 Prozent meiner Künstlerinnen und Künstler leben in der Diaspora“, sagt Parvaresh. Auch Diaspora und Identität sind Themen ihres ersten Morgenland Festivals.

Nun revolutioniert Parvaresh damit keineswegs Dreyers Festivalgedanken. Aber während er experimentierte, indem er verschiedene Musiker für sein Festival zusammenbrachte, setzt sie auf feste Formationen. Während Dreyer auf die spontane Begegnung setzte, wählt Parvaresh das Experiment als Erkundung neuer Welten auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen.

Dazu gibt es eine Tanzperformance in Kooperation mit dem Theater und eine Ausstellung gemeinsam mit Hase29. Zwei weitere Details, die deutlich machen: Shabnam Parvaresh hat nicht vor, ihren Vorgänger zu kopieren. Sie will das Morgenland Festival zu ihrem Festival machen.

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