Marodes Hallenbad Bademeister aus Wiesmoor hoffen auf Berlin
Im Wiesmoorer Hallenbad halten Britta Lampen und Nils Janssen mit Witz und Teamgeist den Betrieb am Laufen – während in Berlin über Fördermillionen entschieden wird. Es steht viel auf dem Spiel.
Wiesmoor - Der Glaskasten am Eingang des Wiesmoorer Hallenbads hat etwas von einem Goldfischglas. Nur dass darin kein Goldfisch um eine Wasserpflanze kreist. Im Zentrum steht der Schreibtisch von Badleiterin Britta Lampen. Doch sie hat ihr „Glas“ nicht für sich allein. Nur eine Armlänge entfernt steht eine Erste-Hilfe-Liege, auf der anderen Seite ein winziges Waschbecken. Gegenüber eine improvisierte Küchenzeile mit Toaster und Wasserkocher. Lampen grinst. „Wenn in der Pause alle hier sind, sitzen wir zu dritt an diesem Schreibtisch und die Liege ist auch besetzt“, sagt sie.
Das Leben im Goldfischglas ist für das Team längst Alltag geworden. Lampen zuckt mit den Schultern: Vieles ist schon so lange provisorisch, dass sie es gar nicht mehr sieht. Doch reicht ein Gang in die Katakomben unter dem Becken – dorthin, wo Feuchtigkeit und tropfendes Wasser zum Alltag gehören –, um zu wissen: Dieses Bad lebt davon, dass hier improvisiert wird. Mit Routine, Fachwissen und einer Prise Humor. „Solange wir Panzertape und Kabelbinder haben, wissen wir uns zu helfen“, sagt Kollege Nils Janssen und lacht.
Hallenbad-Sanierung: Millionenlücke trotz Landesförderung
Doch über dem ganzen Haus hängt die Hoffnung, dass sich bald etwas ändern könnte. In Berlin fällt im Februar 2026 die Entscheidung, ob Wiesmoor dringend benötigtes Geld aus einem Bundesprogramm für kommunale Sportstätten bekommt – und damit eine Chance, das im Jahr 1964 eröffnete und älteste Hallenbad auf dem ostfriesischen Festland zu retten. Die Stadtverwaltung hat ihren Hut für die Fördermittel in den Ring geworfen – bis zum 15. Januar 2026 konnten Kommunen ihre Anträge digital stellen. Jetzt diskutiert der Haushaltsausschuss des Bundestages, welche Projekte Geld bekommen.
Für Wiesmoor geht es dabei um weit mehr als einen hübscheren Eingangsbereich und einen Pausenraum. Das Hallenbad ist an vielen Stellen sanierungsbedürftig – selbst das „neue“ Bewegungsbecken ist inzwischen 18 Jahre alt und trägt bereits die zweiten Kacheln. Die Stadt stand schon einmal kurz vor dem Start einer Sanierung, als Gutachter vor Baubeginn weitere Schäden am Becken entdeckten. Was geplant war, wurde gestoppt – denn für die notwendige komplette Sanierung fehlt das Geld. Allein kann Wiesmoor diese Dimension nicht stemmen: Die Sanierung ist mit netto 7,9 Millionen Euro kalkuliert. Nach Abzug der Landesförderung von 2.341.335 Euro klafft bei der Finanzierung eine Lücke von 5,56 Millionen Euro.
Bademeister setzen auf Berlin und halten den Betrieb am Laufen
Wie viel Zeit dem Bad noch bleibt, kann niemand sagen. Heidrun Engelbrecht vom technischen Bauamt der Stadt hat es einmal so zusammengefasst: „Es kann morgen vorbei sein oder auch erst in fünf Jahren.“ Dass aus Berlin wirklich Geld nach Wiesmoor fließt, gilt in der Stadt als alles andere als sicher. Selbst die niedersächsische Sportministerin Daniela Behrens dämpfte bei ihrem Besuch in Wiesmoor Ende Oktober 2025 die Erwartungen. Britta Lampen setzt trotzdem auf Berlin. „Man soll ja immer positiv denken“, sagt die Badleiterin.
Lampen ist seit 2008 in Wiesmoor – und sie möchte gerne noch lange bleiben. Genau wie Nils Janssen. Beide sind 41 Jahre alt, kennen sich seit der Ausbildung zu Fachangestellten für Bäderbetriebe: Sie haben noch etwas mehr als 25 Jahre bis zur Rente. „Die Zeit wollen wir hier gemeinsam verbringen“, sagt Janssen. Lampen ergänzt: „Punkt!“ So gut dieser Plan klingt: Die beiden wissen, dass die Zeit im Hintergrund tickt. Irgendwann reichen „Panzertape und Kabelbinder“ nicht mehr. Dann muss aus Improvisation eine Lösung werden.
Zwei Bademeister kämpfen für das Hallenbad in Wiesmoor
Britta Lampen tippt auf die drei auf ihrem Schreibtisch klebenden Kurspläne: Schulen am Vormittag, Schwimmkurse am Nachmittag, dazu Wassergymnastik im Bewegungsbecken. Ein straffer Takt, Woche für Woche. Viele Kinder aus Wiesmoor und den benachbarten Gemeinden lernen hier schwimmen, für viele Ältere ist die Wassergymnastik ein sicherer Weg, sich ohne Angst vor Stürzen fit zu halten. Warum Lampen und Janssen das Bad so viel bedeutet, hat viel mit den Kindern und den Schwimmkursen zu tun – und mit Wasser.
„Wiesmoor liegt direkt am Kanal“, sagt Lampen, „und Wasser zieht die Kinder an.“ In ihren Kursen sieht sie es immer wieder: Die Gefahr, die Wasser für Kinder sein kann, sehen viele von ihnen noch nicht. Schwimmen lernen ist deshalb gerade in den wasserreichen Fehn-Regionen wichtig. „Das Seepferdchen-Abzeichen allein reicht nicht aus“, sagt Lampen und schüttelt den Kopf: „Schwimmen können die Kinder erst, wenn sie ihr Bronzeabzeichen haben.“ Das bedeutet: Regelmäßig schwimmen, nicht nur ein paar Minuten im Schulunterricht.
Seepferdchen reicht nicht: Wiesmoor setzt auf Schwimmausbildung
Nils Janssen nickt. Auch bei seinen eigenen Kindern macht er keine Ausnahme. Erst wenn sie das Deutsche Schwimmabzeichen Bronze haben, dürfen sie allein ins Wasser. Dazu müssen sie unter anderem 15 Minuten Schwimmen können, ins Wasser springen und etwa zwei Meter tief tauchen. Janssen kommt aus Carolinensiel und hat dort vorher in der Cliner Quelle gearbeitet – „eine Mischung aus Erlebnisbad und Tourismus“, sagt er. In Wiesmoor sei es anders. „Hier wird noch richtig geschwommen.“ Zum Schulschwimmen, den Kursen und den Vereinen, die das Bad nutzen, kommen viele Stammgäste, die „immer für einen Schnack“ zu haben sind.
Was wird aus all den Kursen und Schwimmern, wenn die Schäden durch die wasserführenden Risse des alten Beckens größer werden? Britta Lampen schiebt diese Gedanken weg. „Ich denke darüber nicht nach“, sagt sie. Sie möchte positiv bleiben und hofft auf rechtzeitige Hilfe. Der Zustand des Beckens wird regelmäßig überprüft – solange die Prüfer keine Gefahr sehen, läuft der Betrieb weiter. Ohne das Wiesmoorer Hallenbad bleiben noch die nächstgelegenen Hallenbäder in Aurich oder Leer. „Aber dorthin ist es ein Stück zu fahren“, sagt Nils Janssen. Wer jetzt fünf Minuten zu Fuß braucht, ist dann mindestens eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs.
Entscheidung in Berlin: Wiesmoor hofft auf Förderung fürs Hallenbad
„Doch selbst wenn die Leute ausweichen wollen: In anderen Bädern kriegt man für Kurse keine freien Zeiten mehr“, sagt Britta Lampen: „Auch wir müssen andere vertrösten, weil wir voll sind.“ Wenn das Wiesmoorer Hallenbad ausfiele, wäre das für viele Kurse deshalb nicht nur eine Frage der Fahrzeit. Es wäre die Frage, ob sie überhaupt noch stattfinden können. Bis sich eine Lösung findet – oder bis der Betrieb irgendwann aus Sicherheitsgründen gestoppt werden muss –, geht es im Hallenbad weiter wie gewohnt. Morgens um halb sechs startet die Frühschicht mit der Grundreinigung, bevor die ersten Schwimmer ins Wasser können.
Nils Janssen lässt auf dem Boden des Bewegungsbeckens den Beckensauger kreisen. Das gehört zum Alltag. Ein Becken wird schließlich genauso schnell dreckig wie ein Teppichboden. Während Janssen oben arbeitet, ist Britta Lampen unten bei der Technik. Bevor überhaupt ein Kind ins Wasser darf, muss eine Fachkraft die Anlage abnehmen: Wasserproben nehmen, Werte prüfen, Filter spülen. „Sonst darf hier niemand rein“, sagt Lampen. Die Chemie im Wasser muss schließlich stimmen – so wie die Chemie im Team.
Als Nils Janssen den Sauger aus dem Bewegungsbecken zieht, gluckern die Filterbeutel, als würde das Becken um Luft ringen. Als die Wasseroberfläche wieder glatt wird, spiegelt sich der ganze Raum im Wasser. Lampen kommt aus dem Keller hoch – bald schon geht der Badebetrieb weiter und die nächsten Kurse starten. Alles läuft, wie jeden Tag. Doch ist da dieser Satz, der zwischen Kursplänen und Chlorwerten hängen bleibt: „Es wird Zeit, dass sich hier etwas ändert“, sagt Lampen. Auch wenn das Bad für die Sanierung ein Jahr lang schließen muss – das ist noch immer besser, als wenn es für immer schließt, weil das Geld für die Sanierung fehlt. In Berlin wird in diesen Wochen entschieden, ob Wiesmoor die Förderung dafür bekommt.