Osnabrück Unwürdiges Spektakel in Zeiten von Krieg und Krisen? Olympia ist mehr
Drohnen-Alarm und sportliche Höchstleistungen: Die Olympischen Winterspiele wirken angesichts des Ukraine-Krieges und anderer globaler Spannungen deplatziert – doch das ist nur die eine Seite der Medaille.
Während im Osten Europas Menschen bei eisigen Temperaturen um ihr Überleben kämpfen, jubeln in Italien Athleten über Medaillen und Rekorde. Der Kontrast zwischen dem Ukraine-Krieg und den Olympischen Winterspielen könnte kaum schärfer sein – und auf viele Menschen wirkt er durchaus zynisch, fast schon obszön. Dürfen wir den Sport feiern, während anderswo Leid herrscht? Oder ist es gerade in solchen Momenten wichtig, an etwas festzuhalten, das über den Alltag der Gewalt hinausweist?
Sport war nie unpolitisch, und das wird er auch nie sein. Das Olympische Komitee kann die Spiele noch so sehr als „Fest des Friedens“ und „unpolitisches Ereignis“ verkaufen – schon die Auswahl der Teilnehmenden, die Hymnen, das Drumherum (Stichwort: ICE-Sicherheitskräfte in Mailand) sind Teil von Weltpolitik. Wer gewinnt, wer ausgeschlossen wird, wer welche Bühne wie nutzen darf; russische Sportler treten als Neutrale an – all das erzählt von Macht, Einfluss und Identität.
Schon 1936 inszenierte das NS-Regime die Spiele in Berlin als Propagandashow. 1980 boykottierten westliche Staaten die Sommerspiele in Moskau, 1984 revanchierte sich die damalige Sowjetunion mit einer Absage an Los Angeles. Die olympische Ringe spiegeln immer nicht nur sportliche Leidenschaft, sondern auch weltpolitische Spannungen.
Zugleich sind sie eine Projektionsfläche für das, was möglich sein könnte: Begegnung trotz Konflikten, Respekt trotz Rivalität. Die Teilnahme von US-Vizepräsident J.D. Vance an der Eröffnungszeremonie zeigt, wie eng politische Inszenierung und sportliches Spektakel verflochten sind. Und vielleicht ergibt sich auch die Chance stiller Diplomatie?
Wenn sich Nationen im sportlichen Wettstreit begegnen, ohne Waffen, dann ist das kein Eskapismus, sondern ein zivilisatorisches Angebot. Natürlich lenken die Spiele auch ab. Aber vielleicht brauchen Gesellschaften solche Momente positiver Selbstvergewisserung, um nicht im Zynismus zu versinken.
So ist Olympia, wenn man so will, irgendwo angesiedelt zwischen Realität und Sehnsucht – ähnlich einem symbolischen Spielfeld, in dem das Mögliche erprobt wird, während das Unmögliche herrscht. Wer die Winterspiele als moralische Zumutung empfindet – zumal auch in Zeiten des Klimawandels –, mag recht haben. Wer darin eine Erinnerung an das Verbindende zwischen Menschen sieht, auch.
Vielleicht ist das der eigentliche Wert dieser Spiele: dass sie beides zugleich sind – Spiegel und Gegenentwurf einer Welt, die sich nach Frieden sehnt, während sie kämpft.