Geburtstag in Emden 101-Jährige will noch viele Socken stricken
Johanne Jelten aus Emden wird 101 – und strickt der Familie weiter Socken. Humor hat sie sowieso.
Emden - Aufmerksame Leserinnen und Leser dieser Zeitung haben Johanne Jelten schon kennengelernt. Vor genau einem Jahr haben wir sie in einem Porträt anlässlich ihres runden Geburtstags vorgestellt. Am Sonntag, 8. Februar 2026, wird die alte Dame 101 Jahre alt, und das wollen wir natürlich wieder würdigen. „Hat sich aber nicht viel verändert“, sagt sie beim Wiedersehen mit ihrem ganz besonderen Humor. Wobei: „Ich muss jetzt noch mehr Socken stricken.“
Tatsächlich hat sich die Auftragslage für selbst gestrickte Socken bei der Ururgroßmutter deutlich erhöht. Sie sitzt elegant in ihrem Lieblingssessel und lässt geschickt im Gespräch die Stricknadeln klimpern. Noch heute soll dieses Paar Socken fertig werden. Es ist vorerst das letzte in den Farben des Hamburger Sportvereins. Auch wenn ihr Herz eher für Werder Bremen schlägt: Für ihre Enkelkinder tut sie doch alles. Nur das Garn für die vielen HSV-Socken mussten sie anliefern. Fünf Paar HSV-Socken in den Größen 41 bis 46 waren bestellt, da gehen eine Menge Knäuel durch.
Socken in allen Vereinsfarben
Und sie nimmt sich die Zeit fürs Stricken, überall. Sogar in die Tagespflege am Schwanenteich nimmt sie ihr Strickzeug mit. Was ihr just den nächsten Auftrag eingebracht hat. Ihre Tischnachbarin möchte nun auch Fußballsocken haben. „Sie ist aber Dortmunderin“, sagt Johanne Jelten. Aber was soll‘s: „Dann stricke ich auch noch welche in Schwarz-Gelb.“
Während sie es also mit den Vereinsfarben nicht so genau nimmt, ist sie umso akkurater mit ihrem Werk. Stimmt mal die Anzahl der Maschen oder Reihen nicht überein, wird alles wieder aufgeribbelt. „Da ist sie penibel und kennt nichts“, berichtet ihre Tochter Erika Engelberts. Gelernt ist eben gelernt. Schon für den Kinderschutzbund liefert sie jedes Jahr Dutzende Paare, die gesamte Familie wird laufend versorgt.
Gerne bekocht werden, aber selbst einkaufen
Es ist vielleicht auch ein kleines Dankeschön an die Kinder und Enkel – es gibt auch schon Ur-Urenkel –, die sie im Alltag unterstützen, damit sie in ihren eigenen vier Wänden im Kulturviertel allein wohnen bleiben kann. Sie kochen ihr Eintöpfe vor, die sie sich allerdings noch selbst aufwärmt. Oder sie begleiten Johanne Jelten zum Einkaufen. Und dann kocht sie sich auch noch Kleinigkeiten, auf die sie Lust hat. Schokolade darf im Übrigen bei solchen Einkäufen auch gerne mit in den Warenkorb. Sie liebt Süßes.
Dreimal die Woche verbringt Johanne Jelten ihre Tage in der Tagespflege und turnt bei den Gymnastikübungen manchen anderen Gästen bestimmt noch etwas vor. Sie gehört auf jeden Fall zu den rüstigsten. Die Tage dazwischen verbringt Johanne Jelten gerne vor ihrem Fernseher, auf dem entweder Sport läuft oder Ratesendungen von „Wer weiß denn sowas?“, „Wer wird Millionär?“ bis zu „Bingo“ am Sonntagabend. Vielleicht ein gutes Rezept, geistig so auf der Höhe zu bleiben wie Johanne Jelten.
In 100 Jahren viele schneereiche Winter erlebt
Oder sind es einfach nur die besten Gene? Johanne Jelten ist jedenfalls angesichts anderer in der Tagespflege dankbar, dass es ihr so gut geht. Sie ist noch relativ gut zu Fuß, andere sitzen längst im Rollstuhl. Und was noch viel schlimmer ist: „Viele sind im Kopf völlig durcheinander“, sagt sie. Sie dagegen macht ihre Friseur-Termine selbst, bestellt sich das Taxi oder fährt noch allein mit dem Bus in die Stadt, wenn sie Kleinigkeiten beim Arzt oder auf dem Wochenmarkt erledigen will.
Dass sie seit einigen Wochen genau diese Aktivitäten aber meidet, sei allein dem Wetter geschuldet. „Da gehe ich nicht raus!“ Ob sie sich deshalb schon auf den Frühling freut? „Da kann noch viel Schnee kommen“, sagt Johanne Jelten voraus und erinnert an manches Mal in den vergangenen 100 Jahren, als es in Emden Ende März noch schneite. Sie muss es wissen!
Sie regelt natürlich alles selbst, warum auch nicht?
Für diejenigen, die Johanne Jelten im Übrigen zum 100. Geburtstag noch nicht kennengelernt haben: Gebürtig ist sie eine „Aggen“ aus Südgeorgsfehn. Ihre Jugendzeit war arbeitsreich auf dem Bauernhof. Dann lernte sie ihren Mann Hermann kennen, der beim Wasser- und Schifffahrtsamt als Schleusenwärter arbeitete. Das Ehepaar Jelten zog zunächst nach Beningafehn bei Hesel, dann mit inzwischen drei Kindern nach Emden, als Hermann zur Großen Seeschleuse versetzt wurde.
Ein Sohn starb früh. Auch ihr Mann starb schon kurz vor der goldenen Hochzeit. Acht Jahre lang hatte sie ihn zuvor gepflegt. Fast hätte sich Johanne Jelten zu diesem Zeitpunkt auch aufgegeben. Eine vom Arzt angeratene Kur für die Seele und der Druck der Kinder, endlich einmal an sich selbst zu denken, brachten sie wieder zurück ins Leben. Und wie: Sie machte noch spät ihren Führerschein und eine Ausbildung zur Altenpflegeassistentin. Eine Selbstständigkeit, die der alten Dame heute noch gut zu Pass kommt. „Meine Mutter regelt noch alle ihre Angelegenheiten selbst“, sagt ihre Tochter Erika Engelberts nicht ohne Stolz. „Wir reden ihr nicht rein, warum auch?“
Das Restaurant für die Geburtstagsfeier hat Johanne Jelten natürlich auch selbst ausgesucht. Es geht wieder ins Henri‘s zum Mittagessen. Essensgutscheine für andere beliebte Emder Lokale hatte sie im Übrigen zu Weihnachten schon an ihre Kinder verteilt und arbeitet diese gerne sonntags gemeinsam mit ihnen ab. An diesem Sonntag kommen mit mehr als 30 Gästen ein paar mehr Menschen zu ihrer besonderen Geburtstagsfeier zusammen. Mitbringen sollen sie eigentlich nur sich. „Hauptsache, die Familie kommt zusammen“, sagt Johanne Jelten. Zu weiteren Wünschen gefragt, antwortet sie wie schon im vergangenen Jahr mit „Gesundheit“ und „ein langes Leben“. Das sollte klappen.