Kolumne „Frau am Freitag“ Das Leben von Männern in der fünften Jahreszeit
In Ostfriesland ist der Februar ein normaler Monat. Anderswo gilt er als Höhepunkt der „fünften Jahreszeit“ – eine Zeit, die es eigentlich gar nicht gibt. Und doch kann genau dann viel passieren.
In Ostfriesland ist der Februar ein ganz normaler Monat. Nicht besser oder schlechter als andere – nur kürzer. Das hat man sich nach dem schier endlosen Januar aber auch verdient! Im Februar wird’s nur hier und da etwas voller am Deich, weil die ganzen Karnevalsflüchtlinge ostfriesische Ruhe suchen. Die Frau am Freitag kann das sehr gut verstehen, schließlich hat sie selbst zehn Jahre lang in einer Karnevalshochburg gelebt und wäre dem Wahnsinn gerne entflohen.
Wenn sie heute so an einige Erlebnisse zwischen „Wieverfastelovend“ und Aschermittwoch zurückdenkt, bekommt sie immer noch Grusel-Gänsehaut. Es gab zahlreiche „wichtige“ und sehr angesehene Männer, die erst nach Aschermittwoch wieder in ihre gute Kinderstube zurückgefunden haben. Von einer Bewegung namens #metoo, einem Weinstein oder Epstein hatte man hier auch noch nichts gehört. Und überhaupt: Ist ja Karneval, die berühmte fünfte Jahreszeit. Also im Grunde eine Zeit, die es gar nicht gibt – dann kann da ja auch nichts passiert sein.
Aber unter der Maske lässt so mancher Mann dann erst Recht seine Maske fallen. Da wird Übergriffigkeit schnell zum Karnevalsscherz. Ein „Bützchen“ kann plötzlich auf dem Mund landen – auch wenn es da gar nicht hingehört. Nun ja, so lange die Zunge wenigstens im eigenen Mund bleibt. Aber auch das gelingt nicht jedem Mann – weiß die Frau am Freitag noch aus eigener Erfahrung. Ja, Grusel-Gänsehaut – auch noch zig Jahre später.
Wurde darüber geredet? Nein, eher gelästert. „Sie nannten ihn ,Zunge‘“ – ein neuer Karnevalsgag war geboren. Einer, in dem natürlich auch immer leichte Bewunderung für den Kerl mitschwang. Was soll auch die Aufregung? Ist schließlich fünfte Jahreszeit – also gar nix passiert. Alaaf und Helau!
Die Frau am Freitag hat den Eindruck, dass immer noch viele Männer in ihrer ganz eigenen „fünften Jahreszeit“ unterwegs sind. Bei manchen dauert sie glatt ein ganzes Leben lang. Egal, was sie tun – ist nix passiert. Die Maske sitzt, das Kostüm ist maßgeschneidert – ein angesehener Mann von Welt, ein englischer Prinz womöglich. Den erschüttert es auch nicht, wenn Frauen erzählen, was er in seinem Kostüm so alles treibt. Erst, wenn die Taten tatsächlich gedruckt in Gerichtsakten erscheinen – dann fällt nicht nur bei ihm die Maske, sondern bei einer ganzen Reihe von Weltmännern. Man hätte das alles längst wissen können – man hätte einfach den Frauen zuhören sollen. Egal, zu welcher Jahreszeit – tapfer bleiben.