Buch  Cilly Windmüller und Henri Nannen – eine Liebesgeschichte

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 05.02.2026 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Henri Nannen und Cäcilie „Cilly“ Windmüller auf einem Foto, das um 1932 entstanden ist und in der Museumsstube im Café Henri‘s aushängt. Foto: Klaus Ortgies
Henri Nannen und Cäcilie „Cilly“ Windmüller auf einem Foto, das um 1932 entstanden ist und in der Museumsstube im Café Henri‘s aushängt. Foto: Klaus Ortgies
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Schon als Jugendliche begeisterten sie sich gemeinsam für die Kunst. Später waren sie trotz NS-Bedrohung ein Liebespaar: Henri Nannen und Cilly Windmüller. Ein neues Buch zeigt private Einblicke.

Emden - Max Windmüller ist in Emden vielen bekannt: Der jüdische Widerstandskämpfer wurde 1945 von den Nazis im Alter von 25 Jahren erschossen. Nach ihm sind in Emden eine Straße und ein Gymnasium benannt. Weniger bekannt ist seine Cousine Cäcilie Johanne Windmüller, die sieben Jahre älter war als Max. Cilly, wie sie auch genannt wurde, lebte an der Boltentorstraße in Emden. Schon als Jugendliche war sie kunstbegeistert und sammelte Reproduktionen alter und neuer Meister – eine Leidenschaft, die sie mit ihrer Jugendliebe Henri Nannen, späterer Kunsthallen-Stifter und „Stern“-Gründer, teilte. So lässt es sich in dem Jubiläumsband zu „25 Jahre Kunsthalle“ nachlesen.

Im Oktober 2025 ist das Buch „Cilly und Henri“ im Herder-Verlag erschienen. Foto: Herder-Verlag
Im Oktober 2025 ist das Buch „Cilly und Henri“ im Herder-Verlag erschienen. Foto: Herder-Verlag

Beide wurden 1913 in Emden geboren und waren bereits Anfang der 1930er Jahre ein Paar. Sie war Handelsschülerin, er Gymnasiast. Sein Vater war der örtliche Polizeikommissar, ihrer Schlachtermeister. Sie war jüdischen Glaubens, er nicht. Insbesondere Letztgenanntes hätte ihre Beziehung zum Scheitern bringen können angesichts der wachsenden Macht der Nationalsozialisten und der Gefahr, in der sich beide befanden. Doch die Beziehung hielt zunächst – ab 1933, als Henri zur Buchhändlerlehre nach Osnabrück und später zum Studium nach München ging, allerdings nur über Briefe. Anhand dieser Briefe hat Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Historiker an der Universität Potsdam, das Buch „Cilly und Henri: Eine deutsch-jüdische Geschichte“ geschrieben. Er hatte zuvor 2023 ein Gutachten über Nannens NS-Verstrickungen erstellt und war fasziniert von der Liebesgeschichte, sagte er in einem Interview mit der Uni Potsdam. Das Buch ist im Oktober 2025 erschienen.

Henri Nannen in Uniform mit seinen Eltern in den 1940er Jahren. Foto: Kunsthalle Emden
Henri Nannen in Uniform mit seinen Eltern in den 1940er Jahren. Foto: Kunsthalle Emden

Cillys Eltern werden im Vernichtungslager ermordet

56 der 67 der Briefe, manche von ihnen 10 bis 15 Seiten lang, die sich in Henri Nannens Nachlass befanden, wurden in der Zeit zwischen 1933 und 1938 verschickt. Cilly Windmüller verließ Deutschland im Oktober 1938 und wanderte nach Palästina (heutiges Israel) aus. Danach ist der Briefkontakt eher sporadisch, bis er zwischen 1984 und 1991 wieder aufblüht. Während Henri Nannen die Briefe von Cilly penibel aufgehoben hat, teilweise noch im Kuvert, existieren die Briefe von ihm an sie nicht mehr. Warum, ist nicht klar. Vielleicht hat sie die Briefe direkt nach ihrem Erhalt in Emden vernichtet, weil ihre Existenz zu gefährlich war, überlegt Brechenmacher.

Cilly hatte drei Schwestern und einen Bruder. Eine Schwester heiratete einen Christen, die anderen wanderten ebenfalls nach Palästina aus. Ihre Eltern Adolf und Johanne Windmüller blieben in Emden. So erlebten sie 1938 die Pogromnacht, die Gewalt und die Demütigung. 1942 wurden beide – nach mehreren anderen Zwangsumzügen – im Vernichtungslager Chelmno ermordet. Das lässt sich in der Recherche von Stadtarchivar Dr. Rolf Uphoff anlässlich der für die Familie Windmüller verlegten Stolpersteine in Emden nachlesen. Die Patenschaft für die Steine hat Stephanie Nannen übernommen, Journalistin und Enkelin von Henri Nannen.

Streit über Henri Nannens Rolle in der Nazi-Zeit

Doch zurück zu Cilly und Henri. Da nur Briefe von Cilly an Henri erhalten sind, erfährt man viel über ihre Erlebnisse, Gefühle und Erfahrungen. Ihre Arbeitszeit in einem Kinderheim in England 1935, ihre häufigen Umzüge, schließlich nach Augsburg in eine zionistische Ausbildungsstätte. 1937, als die beiden sich das letzte Mal persönlich treffen, ist Henri Nannen bereits Redakteur einer ans Regime angepassten Zeitschrift „Die Kunst“, schreibt der Historiker Brechenmacher. Nannen wird Wehrmachtssoldat und Kriegsberichterstatter.

Henri Nannen war Gründer und langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift „Stern“. Foto: dpa/Archiv
Henri Nannen war Gründer und langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift „Stern“. Foto: dpa/Archiv

Ob er Propaganda-Material, in diesem Fall antisemitische und rassistische Flugblätter, selbst verfasste, ist ein Streitthema zwischen den Nannen-Nachkommen und dem NDR. Die Familie sieht keinen eindeutigen Beweis für seine Beteiligung. Der NDR sieht Nannens Verantwortung als „unstrittig“ an. Im Mai 2022 hatte das dem NDR zugeordnete Recherchenetzwerk Funk über die NS-Vergangenheit Henri Nannens berichtet, und so war eine öffentliche Debatte über den „Stern“-Gründer ins Rollen gebracht worden.

Auch für Brechenmacher ist es eine komplexe Thematik bei seiner Recherche: „Vor mir entfaltete sich dabei die ergreifende Geschichte einer jungen jüdischen Frau, die jede Lebensperspektive verliert, und einem Mann, der unter den Bedingungen des NS-Staates Karriere zu machen versucht“, sagte er. Wie kamen Cilly und Henri trotz allem auf einen Nenner? „Diese Frage beleuchtet die ambivalente Natur seiner Persönlichkeit – einerseits die Entscheidung für Karriere und Anpassung, andererseits eine spürbare Distanz zur NS-Sphäre aufgrund seiner Vergangenheit mit Cilly. Nannen war sicherlich kein Widerstandskämpfer, sondern jemand, der sich arrangiert hat, allerdings nicht bedingungslos“, so die Einschätzung des Historikers.

Nannen nennt Cilly bei Kunsthallen-Eröffnung

Dass die Brieffreundschaft ab 1984 wieder aufblüht, scheint kein Zufall zu sein. Nannen macht sich daran, die Kunsthalle mit seiner Sammlung als Grundlage aufzubauen. Der Bau entsteht laut dem Historiker Brechenmacher unweit der Stelle, an der Cilly und Henri in Jugendtagen ihr gemeinsames Faltboot festmachten. Nannen wünschte sich, dass Cilly Windmüller zur Eröffnung des Museums 1986 kommen würde, doch sie lehnte ab. Die Geschichte schien zwischen ihnen gestanden zu haben, schreibt der Historiker. „Ihr ist, als hätte Henri sie ‚bei der Grundsteinlegung in der Kassette begraben‘“, heißt es im Buch. „Cilly trägt das Trauma, 1938 ihre Eltern in Deutschland zurückgelassen zu haben, mit sich – eine schwere Last, die vielen Holocaust-Überlebenden gemein ist“, sagte der Historiker in einem Interview mit der Uni Potsdam.

Henri Nannen heiratete in dritter Ehe die Emderin Eske. Foto: Kunsthalle Emden
Henri Nannen heiratete in dritter Ehe die Emderin Eske. Foto: Kunsthalle Emden

Nannen erwähnte seine Jugendliebe in seiner Eröffnungsrede: „Cilly Windmüller verdanke ich, dass die bildende Kunst in meinem Leben einen so entscheidenden Platz eingenommen hat“, wird er im Jubiläumsband der Kunsthalle zitiert. Sie hatten zwei sehr unterschiedliche Leben, schienen einander aber doch nie ganz aus den Augen verloren zu haben. Henri Nannen war dreimal verheiratet. Die dritte Ehe hatte er 1990 mit Eske geschlossen, die noch heute ein wachsames Auge auf die Geschicke der Kunsthalle hat und seit 2024 die erste Ehrenbürgerin der Stadt Emden ist. Cilly Windmüller heiratete Feiwel Schwarz, der 1906 in Polen geboren wurde und eine Fischzucht betrieb. Sie hatten zwei gemeinsame Kinder. Nannen starb 1996 mit 82 Jahren, Windmüller starb 1995 mit 81 oder 82. Das genaue Todesdatum ist nicht überliefert.

Was sagen Kunsthalle und Eske Nannen zum neuen Buch?

Wir haben bei der Kunsthalle und insbesondere bei Eske Nannen nachgefragt, wie sie auf die Veröffentlichung von „Cilly und Henri“ reagiert. Ilka Erdwiens, Sprecherin der Kunsthalle, erklärt, dass die Kunsthalle „die transparente, wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte ihres Gründers“ begrüße. Als kulturelle Institution trage sie Verantwortung für einen reflektierten Umgang mit der eigenen Geschichte und mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Eine differenzierte historische Betrachtung sei Teil dieses Selbstverständnisses. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass „Cilly und Henri“ eine völlig unabhängig entstandene Publikation sei. Das Buch sei ein „wichtiger Baustein zur Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Geschichte Emdens“, so Erdwiens.

„Eske Nannen teilt die Haltung der Kunsthalle Emden, dass eine seriöse und quellenbasierte historische Forschung ausdrücklich zu begrüßen ist“, schreibt Erdwiens. Die Kunsthalle und Eske Nannen seien über das Forschungsprojekt von Thomas Brechenmacher sowie auch dieses Buch informiert worden und hätten die vor Ort vorhandenen Unterlagen und Quellen zur Verfügung gestellt. Im Kontext dieser Forschung sei das Buch entstanden, das seit Erscheinen auch im Kunsthallen-Shop erworben werden könne. Die Verbindung zwischen Henri Nannen und Cilly Windmüller sei Eske Nannen und der Kunsthalle seit jeher bekannt gewesen – wie auch das erste Kapitel im Jubiläumsband zeigt. „Das in der Chronik veröffentlichte Foto des Paares ist zudem bis heute in der Museumsstube der Kunsthalle zu sehen. Henri Nannen hielt noch viele Jahre Kontakt zu Cilly Windmüller, später auch gemeinsam mit Eske Nannen“, schreibt Ilka Erdwiens.

Cilly Windmüller und Henri Nannen. Foto: Kunsthalle Emden
Cilly Windmüller und Henri Nannen. Foto: Kunsthalle Emden

Dass die Liebesgeschichte ihres verstorbenen Ehemanns derart der Öffentlichkeit präsentiert wird, könnte für sie eigenartig sein, oder? Das haben wir Eske Nannen gefragt. „Eske Nannen kann sehr gut nachvollziehen, dass an Henri Nannen als Person der Zeitgeschichte und als einem der prägenden Journalisten des 20. Jahrhunderts ein anhaltendes öffentliches Interesse besteht. Auch in früheren Biografien wurde die private Seite ihres Mannes ausführlich beleuchtet. Insofern ist diese Situation für sie keineswegs neu“, schreibt die Kunsthallen-Sprecherin.

→ Das Buch „Cilly und Henri: eine deutsch-jüdische Geschichte“ von Thomas Brechenmacher kann überall da gekauft werden, wo es Bücher gibt. Es hat 304 Seiten und kostet als Hardcover 26 Euro. ISBN: 978-3451037030.

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