Hochschule Erzieherin beginnt Studium in Emden – mit 46
Was Nicole Meiners ihren Mädchen predigt, macht sie vor: arbeiten, lernen, dranbleiben. Nicht als Spruch – als Alltag in Emden. Und jetzt als späte Studentin.
Emden - Nicole Meiners ist eine praktisch sehr erfahrene Erzieherin. Die 46-Jährige leitet ein großes Team in der Jugendhilfe, unterstützt in Emden junge Frauen und Mädchen auf ihrem Lebensweg. All jene, „die ein bisschen aus dem System gefallen sind“, wie Nicole Meiners sagt. Die Einrichtung der „IFI“, der Initiative für Intensivpädagogik, eines Trägers der freien Jugendhilfe mit Wohngruppen und ambulanten Angeboten, hat hier im Emder Stadtteil Barenburg einige Wohnungen für aktuell 14 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren angemietet. Die Klientinnen sind alle nicht wirklich gruppentauglich, wie Nicole Meiners sagt. „Es ist hier ihre letzte Maßnahme.“
Hier müssen sie alles lernen, vom Wäschewaschen über das Stellen von Anträgen bis zum Erledigen ihrer Hausaufgaben. Meiners und ihre Kolleginnen haben viel zu tun. Sie betreuen die Mädchen und jungen Frauen täglich in ihren Wohnungen, sind auch stationär in der Einrichtung für sie da. Notfalls rund um die Uhr, immer in Bereitschaft. Dazu kommen aktuell noch vier zu betreuende Elternteile mit Kind, die auf einen guten Weg gebracht werden müssen.
Das letzte Puzzleteil zur Ausbildung
Wie gesagt, Nicole Meiners ist eine erfahrene Erzieherin. Und jetzt auch noch Studentin – und rückt damit nun an dieser Stelle in den Fokus. Neben ihrem anspruchsvollen Vollzeitjob hat sie im Wintersemester 2025/26 ein Studium aufgenommen. Und das sicher nicht nur, weil sie damit als Erste aus ihrer Herkunftsfamilie einen akademischen Titel anstrebt. Ihr eigener Werdegang war eben nicht so gradlinig, ein Studium damals utopisch. Und selbst wenn ihr jetzt in ihrer Arbeit eigentlich keiner mehr etwas vormacht: „Es ist das letzte Puzzleteil, das mir einfach noch fehlt“, sagt sie.
So wie sie sehen das einige „späte“ Studentinnen und Studenten. Sie alle gehören zu den 30 Studierenden, die im September 2025 in Emden den neuen Studiengang „BASA Online“ begonnen haben. BASA steht für „Bachelor Soziale Arbeit“, und den machen die Erstsemester voraussichtlich in vier Jahren, aber eben nicht in Präsenz, sondern online. Die Hochschule Emden/Leer gehört zu den gerade einmal neun Hochschulen im Land, die das Online-Studium in diesem Fach anbieten. Trotz der digitalen Möglichkeiten: Noch kommen 90 Prozent der neuen Studierenden an der Hochschule Emden/Leer aus Niedersachsen, mehr als die Hälfte aus der unmittelbaren Region bis Emsland.
Anderswo schrecken Studienkosten ab
Auch für die Krummhörnerin Nicole Meiners ist das neue Angebot in Emden ein Segen. Sie hatte schon lange mit der Online-Studienmöglichkeit geliebäugelt, hätte sich fast in Berlin eingeschrieben. Doch dort schreckten sie hohe Studiengebühren ab, außerdem die Kosten, die für Blockunterrichte in Präsenz für die Fahrt und Unterkunft überall anfallen. Einmal ganz abgesehen davon, dass sie schließlich ihrem Job in Emden mit Leidenschaft und durchaus in Präsenz weiter nachgehen will.
Die Vereinbarkeit von Studium und Beruf hat sie sich lange im Vorfeld überlegt, hat sich an der Hochschule in Emden beraten lassen und sich sofort eingeschrieben, als es die Online-Option gab. „Jetzt kann ich die Vorlesungen super in meine flexible Arbeitszeit integrieren“, sagt sie. „Auch weil mich hier alle bei der IFI und meine Familie unterstützen.“
Erst Familie, dann Neuorientierung
Eine Unterstützung, die ihr als Jugendliche in dem Alter, in dem jetzt ihre Klientinnen sind, völlig fehlte. So rund lief es bei ihr damals nämlich auch nicht. Der Vater hätte ein Studium nie finanziert. So machte sie nur ihren Hauptschulabschluss und dann bei VW eine Lehre zur Industriemechanikerin, einem Beruf, in dem sie mehrere Jahre gearbeitet hat. „Handwerklich war ich ja begabt, im Beruf aber nicht glücklich“, sagt sie rückblickend. Möglicherweise hätte sie ihre soziale Ader in die Betriebsratsarbeit stecken können. Doch dann gab sie der eigenen Familiengründung und der Karriere ihres Mannes Vorrang. Spätestens nach der Geburt der zweiten Tochter war klar: In den Schichtbetrieb wollte sie nicht zurückkehren. „Das funktioniert nicht.“
Anfang 30, Zeit zur Neuorientierung: So gerne hätte sie jetzt schon ein Studium aufgenommen, doch die Sonderregelung, ohne Abitur nach sieben Berufsjahren im sozialen Fachbereich zu studieren, traf auf sie nicht zu, da sie keinen sozialen Beruf erlernt hatte. Was nun? Nicole Meiners überwand diese Hürde, indem sie an den Berufsbildenden Schulen I in Emden eine Ausbildung zur Sozialassistentin absolvierte. Praxistage liefen seinerzeit in der Kita Groothusen, in die damals auch ihre kleine Tochter ging. Die Große war schon in der Grundschule. Die anschließende, nochmals zweijährige Erzieherinnen-Ausbildung war ein Stück anstrengender. Nochmals zwei Jahre ohne eigenen Verdienst, aber Zuspruch durch ihren Mann und ein wegweisendes Praktikum bei der IFI in der Jugendhilfe. Am Ende war sie staatlich anerkannte Erzieherin. „Ich war noch nicht ganz fertig, da bot mir die IFI einen Job an.“
Mit dem Bachelor-Titel ein anderes Standing
Anfangs in einer stationären Gruppeneinrichtung für Mädchen und junge Frauen. Ihr Chef betreute damals schon Jungen und junge Männer in einzelnen Wohnungen. Ein solches Projekt gab es bis dato für Mädchen noch nicht. Doch das wollte Nicole Meiners auch. Bedingung: eine zusätzliche Ausbildung zur Gewaltberaterin. Auch das schaffte Nicole Meiners. Sie absolvierte diese Zusatz-Qualifikation in Österreich während der Corona-Zeit binnen zweieinhalb Jahren in Blöcken, baute parallel die Betreuungseinrichtung in Emden auf. Vieles in Eigenregie, wie sie sagt, intuitiv und aus ihrer eigenen Erfahrung heraus. Bei der IFI macht sie seither das, was ihr einfach liegt: Jugendhilfe.
Aber wenn jetzt alles so perfekt läuft, nach so vielen Jahren der Ausbildung und Praxis: Warum dann jetzt noch ein Studium? Nicole Meiners spricht von Stellschrauben, die sie noch etwas nachjustieren will. Und von dem wissenschaftlichen Unterbau, den sie auch gerne Praktikantinnen vermitteln will, die bei der IFI lernen. Nach 100 Tagen Semester vergleicht sie das Studium dabei mit einem „Hobby, das einfach total Spaß macht“. Es sei praxisnah. Selbst sonst trockene Juristerei werde mit Beispielen realistisch aufgepeppt, die nicht zuletzt sie selbst beisteuern könne. Sie schwärmt regelrecht von den Dozenten, die auch online jederzeit für Rückfragen bereit stünden. Da gehe es ihr genauso gut wie ihrer großen Tochter, die im Übrigen das gleiche Studium aufgenommen hat, aber in Präsenz.
Und letztlich ist da auch wieder die Sache mit dem akademischen Titel. „Man steht ja ganz anders da“, sagt die erfahrene Erzieherin. „Außerdem ist es genau das, was ich meinen Mädchen vermitteln will: Ganz egal, woher man kommt, wenn der Weg auch lang ist – mit viel Puste und Ausdauer geht alles.“