Johann Saathoff  Mit dem Kopf in Berlin, mit dem Herzen in Ostfriesland

Martin Teschke
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Von Martin Teschke
| 05.02.2026 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Hieran hängt sein Herz: Johann Saathoff zeigt in seinem Abgeordnetenbüro im Paul-Löbe-Haus auf ein Bild aus Ostfriesland. Dort am Ufer hat er als kleiner Junge oft gesessen und geangelt. Foto: Martin Teschke
Hieran hängt sein Herz: Johann Saathoff zeigt in seinem Abgeordnetenbüro im Paul-Löbe-Haus auf ein Bild aus Ostfriesland. Dort am Ufer hat er als kleiner Junge oft gesessen und geangelt. Foto: Martin Teschke
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Politikern wird gern nachgesagt, sie würden sich in Berlin ein schönes Leben machen. Wer weiß: Vielleicht stimmt das ja. Unsere Redaktion hat Johann Saathoff (SPD) einen Tag lang auf den Zahn gefühlt.

Berlin/Ostfriesland - Eigentlich hat Johann Saathoff einen Traumjob. Er geht einer gut bezahlten Arbeit als Bundestagsabgeordneter nach und ist obendrein Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – in einem Ministerium, das nicht gerade permanent im Fokus der kritischen Öffentlichkeit steht. Der Emder SPD-Politiker könnte also nach Lust und Laune rund um den Globus jetten, ein bisschen die Welt retten, das Nachtleben der Hauptstadt und zwischendurch die Ruhe Ostfrieslands genießen.

Wir haben Saathoff Ende Januar in Berlin einen ganzen Tag lang begleitet. Das Fazit: Irgendwie stimmt das mit dem Traumjob – und irgendwie auch nicht.

So geht das mit den Finanzen

Donnerstag, 28. Januar 2026, 8.20 Uhr, Treffen im Ministerium im 9. Stock an der Stresemannstraße. „Ich bin seit halb acht im Büro“, erzählt Saathoff. In der ersten Videokonferenz des Tages ist es um die Vorbereitung eines SPD-Landesgruppentreffens von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen am 27. und 28. Oktober in Bielefeld gegangen. Das sei zwar noch lange hin, räumt Saathoff hinterher ein, aber die beiden Landesgruppen zusammen machten halt ungefähr die Hälfte der Abgeordneten in der SPD-Fraktion aus. Da müssten die Termine von so prominenten Politikern wie Bärbel Bas, Olaf Lies, Lars Klingbeil und Boris Pistorius gut integriert werden.

Der Blick aus der 9. Etage auf die Großstadt ist klasse. Saathoffs Chefin, Ministerin Reem Alabali Radovan (SPD), hat es ein Stockwerk höher nicht ganz so gut getroffen. Sie blickt Tag für Tag auf das Bundesfinanzministerium. Das ist seit Beginn der Merz-Regierung Anfang Mai 2025 zwar ebenfalls in SPD-Hand, hat dem einstigen Entwicklungshilfeministerium aber kräftig die Flügel gestutzt. „Unser Budget ist von elf Milliarden auf zehn Milliarden gekürzt worden“, sagt Alabali Radovan bei einem Kurzbesuch in ihrem Büro. Dabei habe das Finanzministerium doch einen Haushalt von 560 Milliarden Euro zur Verfügung. Aber beim Koalitionspartner mangele es wohl am richtigen politischen Willen, betonen Alabali Radovan und Saathoff übereinstimmend.

So kommt man zu einem neuen Job

Solch eine Budgetkürzung tut sicher weh und mag tatsächlich auch mit einer geringeren Wertschätzung der Aufgaben des Ministeriums einhergehen. Aber beide, sowohl die Ministerin als auch der Parlamentarische Staatssekretär, sind freiwillig in diesem Job. Für Alabali Radovan (35) ist es das erste Mal als Bundesministerin – sie ist derzeit die jüngste. Saathoff (58) ist im Vergleich dazu ein alter Hase im politischen Berlin. Für ihn ist es bereits der zweite Posten als Staatssekretär. Zuvor war er im Innenministerium.

Kurzer Besuch bei der Ministerin: Reem Alabali Radovan, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und ihr Parlamentarischer Staatssekretär Johann Saathoff (beide SPD). Foto: Martin Teschke
Kurzer Besuch bei der Ministerin: Reem Alabali Radovan, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und ihr Parlamentarischer Staatssekretär Johann Saathoff (beide SPD). Foto: Martin Teschke

„Ich habe drei Wochen vor der offiziellen Ämtervergabe einen Anruf bekommen und erfahren, dass ich Parlamentarischer Staatssekretär bleiben und mir sogar das Ministerium aussuchen darf“, erzählt Saathoff in Alabali Radovans Büro. „Alle dachten, dass ich mich für das Finanzministerium entscheiden werde. Aber ich habe mich für das BMZ entschieden – weil daran mein Herz hängt.“

So läuft das mit Herzensangelegenheiten

Mit dem Herz ist das bei Saathoff so eine Sache. Das BMZ, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, soll Hunger und Armut bekämpfen, weltweit den Menschen ein Leben in Würde ermöglichen. „Um die humanitäre Hilfe kümmert sich das Auswärtige Amt“, sagt Saathoff. „Der Wiederaufbau ist dann unser Job. Wir machen das Langfristige.“ Daran hängt sein Herz – offenbar mehr als am Verteilen von Hunderten Milliarden.

Gleichzeitig hadert er hin und wieder mit der Hauptstadt. „Ich habe keinen richtigen Bezug zu Berlin“, sagt Saathoff. „Wenn ich in den Sitzungswochen hier bin, würde ich am liebsten dienstagsnachmittags schon wieder nach Hause fahren.“ Wichtig scheint ihm der Satz zu sein: „Mit dem Kopf bin ich in Berlin, mit dem Herzen in Ostfriesland.“

So brutal ist der internationale Trend

Saathoff sitzt seit 2013 im Bundestag – und nun eben auch noch im BMZ. Dort geht es an diesem Donnerstag, 28. Januar, Schlag auf Schlag. Um 9 Uhr ist Heike Vesper mit einer kleinen Delegation zu Gast. Vesper ist Vorständin Transformation Politik & Wirtschaft beim WWF Deutschland. Sie will erreichen, dass bestimmte Gelder für ausgewählte Projekte nicht wieder gestrichen werden. Nebenbei lässt sie einfließen, dass ihr Mann ursprünglich aus Emden kommt. Es geht um den Regenwald, Syrien, Gaza, die Ukraine, den afrikanischen Kontinent, um Biodiversität und um Fluchtursachen. Bei Saathoff trifft sie auf offene Ohren. Der betont aber auch, dass Deutschland mit seinem gekürztem Entwicklungshilfe-Budget einem Trend folge, der international noch viel brutaler sei.

Ähnlich verläuft eine Stunde später ein Gespräch mit Tatjana König. Die Vertreterin von Rotary International sorgt sich um die langfristige Finanzierung der Polio-Bekämpfung. Saathoff muss darauf hinweisen, dass er den Haushalt 2027/28 auch noch nicht kennt. „Wir wollen dafür sorgen, dass die Menschen nicht sterben und nicht krank werden“, betont der Staatssekretär. „Das ist für mich jeden Morgen Antrieb, hierher zu kommen.“

So bewegend kann Politik sein

Was dann folgt, ist der wohl emotionalste „Termin“. Mit dem eigenen Fahrer geht es vom Ministerium zum Reichstagsgebäude. Der Deutsche Bundestag gedenkt an diesem Tag anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 der Opfer des Holocaust. Es spricht Tova Friedman. Die heute 87-Jährige schildert ihr Überleben im KZ Auschwitz-Birkenau. Sie macht das sonst auch in Büchern, Vorträgen und TikTok-Videos. Aber sie live erleben zu dürfen, ist dann doch bewegend.

„Ich habe so viele Bücher zu dem Thema gelesen und Dokumentationen gesehen“, sagt Saathoff hinterher im Gespräch, „aber das raubt einem dann doch immer wieder die Sprache“. Es ist schwierig, nach solch einer Gedenkstunde wieder über alltägliche Politik zu sprechen.

So geht es im Büro zu

Der Staatssekretär schlüpft jetzt in die Rolle des Abgeordneten. Wenn er in Berlin ist, dann am liebsten in seinem Büro im Paul-Löbe-Haus direkt gegenüber vom Kanzleramt. „Hier mache ich die Arbeit, für die ich von der Bevölkerung gewählt worden bin“, sagt Saathoff. Das eher winzige Büro mit Schreibtisch und kleiner Sitzecke hängt voller Ostfriesland-Bilder, die Regale sind vollgestopft mit Erinnerungsstücken, getrunken wird ausschließlich Thiele-Tee. „Wir nehmen dafür immer Mineralwasser“, sagt Saathoff. „Das Berliner Leitungswasser taugt nicht für ostfriesischen Tee.“

Hier im Abgeordnetenbüro wirkt der Emder geerdeter, lockerer. Es folgen dicht an dicht Termine beim Parlamentskreis Plattdeutsch im Abgeordnetenhaus, beim Verband für Schiffbau und Meerestechnik in der Landesvertretung Baden-Württemberg sowie beim Business-Opportunities-Seminar für deutsche Unternehmen der Energiesparbranche im Ministerium.

So können einem Norder Schüler zusetzen

Zwischendurch bekommt Saathoff Besuch vom Ulrichsgymnasium Norden. Die jungen Leute haben spontan ein paar gemeine Fragen parat. Auf seine berufliche Zukunft angesprochen, antwortet Saathoff, Bundesminister könne er leider nicht werden, da ja schon zwei Männer aus Niedersachsen solch einen Posten hätten, Klingbeil und Pistorius; ein dritter Mann aus seinem Bundesland gehe aus Proporz-Gründen nicht. Als ein Jugendlicher wissen will, ob er, Saathoff, sich als Mann da nicht diskriminiert fühle, fehlen Saathoff dann doch die passenden Worte. Die jungen Leute finden es witzig und belohnen „ihren“ Abgeordneten hinterher mit ungezählten Selfie-Wünschen. Es sind Termine, die Saathoff offenbar am leichtesten fallen.

Willkommener Besuch aus der Heimat: Eine Abordnung des Ulrichsgymnasiums Norden ist bei Johann Saathoff (Mitte) zu Gast im Deutschen Bundestag. Foto: Martin Teschke
Willkommener Besuch aus der Heimat: Eine Abordnung des Ulrichsgymnasiums Norden ist bei Johann Saathoff (Mitte) zu Gast im Deutschen Bundestag. Foto: Martin Teschke

Mittlerweile ist es kurz nach halb neun abends. Saathoff scheint es für heute zu reichen. „Ich brauche frische Luft“, sagt der Politiker. „Nicht diese gefilterte Luft.“ Wie immer geht er vom Regierungsviertel zu Fuß Richtung Mietwohnung in Kreuzberg. „Man muss auch mal raus aus der Blase“, sagt er. Doch dieser Blase entkommt man nicht so leicht. Nach der Sitzungswoche geht es am Samstag kurz nach Hause, dann nach Manila, nach Rom – und danach steht auch schon wieder Berlin auf dem Programm. Ostfriesland, Familie, so richtig frische Luft: All das muss wohl warten.

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