Osnabrück  Ernährungs-Doc Matthias Riedl: „Versager ist eigentlich die Politik und nicht der Einzelne“

Lamis Amara
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Von Lamis Amara
| 04.02.2026 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mehr kranke Menschen sind die Folge fehlender Regulierungen seitens der Ernährungspolitik. Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur
Mehr kranke Menschen sind die Folge fehlender Regulierungen seitens der Ernährungspolitik. Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur
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Ernährungs-Doc Matthias Riedl findet deutliche Worte für das staatliche Handeln in der deutschen Ernährungspolitik. Er spricht von Lobbyismus, fehlender Kompetenz und einer „perversen“ Verflechtung zwischen Industrie und Pharma.

Deutschland leistet sich eines der kostspieligsten Gesundheitssysteme weltweit, landet bei der Lebenserwartung aber auf den hinteren Plätzen. Für Ernährungsmediziner Matthias Riedl ist der Grund für diesen Missstand nicht nur im individuellen Fehlverhalten der Bürger zu suchen: „Versager ist eigentlich die Politik und die Lebensmittelindustrie und nicht der Einzelne“.

Während Länder wie Spanien oder Schweden deutlich effizienter agieren, scheint die deutsche Politik in alten Strukturen gefangen. Für Dr. Matthias Riedl liegt das Kernproblem in der Organisation der Ministerien.

Eines der größten Hindernisse für eine gesunde Gesellschaft ist laut Riedl die Ansiedlung des Themas Ernährung im Landwirtschaftsministerium. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Schutz gegen Unterernährung gedacht, sei dieses Ressort heute ein „Sammelsurium“ aus Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.

„Das Problem ist, dass gerade im Landwirtschaftsministerium sehr stark Lobbyinteressen vertreten sind.“ Er berichtet von Professor Schick, einem beamteten Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, der die Lage ‚blumig‘ schönredet, während das Gesundheitsministerium die massiven Folgekosten der Fehlernährung lediglich verwaltet, statt sie an der Wurzel zu bekämpfen.

Diese politische Passivität zeigt sich laut Riedl auch bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln. Die freiwillige Lebensmittelampel bezeichnet der Experte als „Hohn“. Statt echter Aufklärung über Chemie und Zuckergehalte werde der Bürger mit einem Instrument für Kinder – „Rot und Grün“ – entmündigt.

Besonders deutlich wird das politische Versagen laut Riedl beim Schutz der Jüngsten. Er kritisiert, dass Initiativen zur Einschränkung ungesunder Kinderwerbung, wie sie etwa Cem Özdemir forderte, im Bundesgesundheitsministerium keine Unterstützung fanden.

Er zieht dabei einen drastischen Vergleich zur Vergangenheit: Die heutige Situation der Lebensmittelindustrie sei vergleichbar mit jener der Zigarettenindustrie, die der Politik einst die Gesetzestexte „vordiktiert“ habe. Die Industrie sei in einer „paradiesischen“ Lage und könne Produkte praktisch nach Belieben als gesund deklarieren. „Die Lebensmittelindustrie ist völlig frei, die macht, was sie will“, so Riedls Urteil.

Dieser Mangel an staatlicher Regulierung öffnet zudem Tür und Tor für neue, digitale Gefahren. Riedl warnt vor einer industriegetriebenen Influencer-Szene, die als „Booster“ für ungesunde Trends fungiert: Etwa 50 bis 80 Prozent der Influencer verbreiteten laut Riedl gezielt Unwahrheiten. Während die Politik wegschaut, glaubt die Jugend diese Botschaften ungefiltert.

Anstatt den Bürger durch transparente Vorgaben zu schützen, lässt der Staat somit ein Vakuum zu, das in einen, wie Riedl es nennt, „ganz perversen“ wirtschaftlichen Kreislauf mündet. Die Lebensmittelindustrie stellt ungehindert krankmachende Produkte her, während die Pharmaindustrie anschließend teure Lösungen wie Abnehmspritzen liefert. „Das ist Gas geben und Bremsen hintereinander, und das kann nicht wahr sein“, warnt Riedl eindringlich.

Sein Fazit im Clasen-Talk ist eine bittere Analyse: Solange die Politik die Ursachen der Adipositas-Epidemie unberührt lässt, bleibt Gesundheit in Deutschland eine Frage des individuellen Widerstands gegen ein übermächtiges System.

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