Osnabrück  Dauereinsatz bei Eis und Schnee: So koordiniert der Einsatzleiter den Osnabrücker Winterdienst

Allen Xu
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Von Allen Xu
| 04.02.2026 05:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dirk Tesche ist seit 1993 im Winterdienst tätig. Wegen seiner langjährigen Erfahrung nennen ihn Kollegen den „Winterdienstpapst“. Foto: Allen Xu
Dirk Tesche ist seit 1993 im Winterdienst tätig. Wegen seiner langjährigen Erfahrung nennen ihn Kollegen den „Winterdienstpapst“. Foto: Allen Xu
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Glatteis und anhaltender Schneefall brachten den Osnabrücker Winterdienst an seine Grenzen. Ein Einsatzleiter erklärt, wie Stufen, Prioritäten und Erfahrung darüber entscheiden, welche Straßen wann geräumt werden.

An diesem Morgen um kurz nach sechs Uhr hat der Berufsverkehr auf Osnabrücks Straßen noch nicht eingesetzt. Auf dem Hof des Osnabrücker ServiceBetrieb (OSB) dagegen herrscht bereits Hochbetrieb. Zwischen 6 und 7 Uhr wechseln sich Nacht- und Tagschicht ab. Im Minutentakt fahren Streuwagen vor eine große Lagerhalle, in der das Streusalz bereitliegt – zum Nachladen, bevor es wieder hinausgeht in den Einsatz.

„Aktuell läuft unser Winterdienst auf Stufe 6, der höchsten Alarmstufe“, sagt Dirk Tesche. Der Bauhofleiter ist seit 1993 im Winterdienst tätig. Unter Kollegen trägt er den Spitznamen „Winterdienstpapst“. Ausgerufen wurde die höchste Stufe bereits in der vergangenen Woche, als eine außergewöhnliche Wetterlage mit Glatteis und anhaltendem Schneefall einsetzte.

Jede der sechs Stufen steht für einen eigenen Einsatzplan. „In Stufe 1 werden nur einzelne neuralgische Punkte kontrolliert, etwa der Bahnhofsvorplatz. Stufe 2 betrifft vor allem Brücken“, erklärt Tesche.

Stufe 6 hingegen bedeutet Dauereinsatz: alle Fahrzeuge sind rund um die Uhr unterwegs. „Sobald ich eine hohe Stufe ausrufe, fahren nicht nur die Winterdienstfahrzeuge. Dann kommen automatisch die Handkolonnen dazu, die Straßenreinigung, Gehwege, Kreuzungen und städtische Liegenschaften.“

Im Zentrum dieser Entscheidungen steht der Einsatzleiter – oft Tesche selbst. Gerade beendet er eine zwölfstündige Schicht. Vor ihm laufen auf mehreren Bildschirmen die relevanten Daten zusammen. „Ich schaue zuerst in unseren Wetterdienst: stunden- und tageweise. Entscheidend ist für uns immer die Fahrbahntemperatur – und ob Frost und Niederschlag zusammenkommen.“ Auf dieser Basis werden die Stufen festgelegt.

Hinzu kommen Satellitenbilder, aktuelle Wetterradardaten und Messwerte aus verschiedenen Punkten im Stadtgebiet. Auch die Routen der Fahrzeuge aus der vorangegangenen Schicht werden ausgewertet: Jedes Fahrzeug zeichnet digital auf, welche Strecke geräumt oder gestreut wurde.

Die Schicht- und Einsatzpläne für den Winter werden bereits im August erstellt. Jede Stufe hat einen eigenen Dienstplan, der die gesamte Saison abdeckt und bei Bedarf sofort aktiviert werden kann. Einfach ist das nicht. „Wenn Stufe 6 einmal läuft, greifen mehrere Schichtpläne gleichzeitig. Die Leute richten ihre private Zeit auf Bereitschaft aus – das lässt sich nicht kurzfristig zurücknehmen.“

Das größte Nadelöhr ist dabei fast immer das Personal. Krankheitsausfälle können kurzfristige Umplanungen erzwingen. „Für jedes Fahrzeug brauche ich mehrere Leute – und die kann man nicht einfach dazuholen“, sagt Tesche. Hinzu kommt: Winterdienst erfordert Erfahrung. Sie entsteht nur im Einsatz, und ein Winter mit so viel Schnee und Eis ist auch für Osnabrück ungewöhnlich.

Genau hier liegt der Wert seiner jahrzehntelangen Routine. „Nicht alles lässt sich mit Daten oder Vorschriften abdecken. Irgendwann entscheidet Erfahrung – weil man weiß, wie solche Lagen schon einmal ausgegangen sind.“ Vergleichbar sei die aktuelle Situation allenfalls mit den Wintern 2009/2010.

Die angespannte Wetterlage wirkt sich auf die Einsatzmöglichkeiten aus. Straßen werden nach Prioritäten bedient: Hauptverkehrsachsen, Buslinien sowie Zufahrten zu Krankenhäusern oder Feuerwachen haben oberste Priorität. „Eine komplette Tour auf diesen Strecken dauert vier bis sechs Stunden. Wenn es in der Zeit weiter schneit, fangen wir wieder von vorne an – dann bleiben wir zwangsläufig bei Priorität 1.“ Straßen niedrigerer Priorität können dann zeitweise nicht gestreut werden.

Manche Einschränkungen sind auch baulich bedingt. Einige Radwege lassen sich nur eingeschränkt räumen, weil der Abstand zwischen Schneepflug und Bordstein so gering ist, dass ein Hängenbleiben droht. Hinzu kommen Hindernisse wie Schilder oder Poller auf ohnehin schmalen Wegen. Rückmeldungen dazu sammelt der Einsatzleiter und klärt sie später mit anderen Bereichen des OSB, um bauliche Lösungen zu prüfen.

Erfahrung ist auch beim Umgang mit Streusalz entscheidend. Eingesetzt werden Sole oder sogenanntes Feuchtsalz, eine Mischung aus Sole und Trockensalz. Wirkung und Dosierung hängen stark von Temperatur und Fahrbahnzustand ab. „Sole wirkt nur in einem bestimmten Temperaturbereich. Ist es zu kalt, wird sie durch Regen verdünnt oder durch den Verkehr festgefahren, verliert sie ihre Wirkung“, erklärt Tesche.

Auch Beschaffung und Lagerhaltung sind komplex. Liefermengen, Zeiträume und Preise werden über langfristige Verträge geregelt, dennoch müssen viele Faktoren laufend neu bewertet werden. „Wir können nicht beliebig Salz bestellen. Unsere Lagerkapazität ist begrenzt – wenn die Halle voll ist, ist sie voll“, sagt Tesche. In Extremsituationen drohten zudem Lieferengpässe: „In den Wintern 2009 und 2010 war plötzlich kaum noch Salz verfügbar, die Preise sind explodiert.“ Diese Erfahrung präge den heutigen Umgang mit Prognosen und Beständen. Trotz regionaler Engpässe verfüge der OSB derzeit noch über ausreichende Vorräte.

Rechtlich verpflichtet sei die Stadt nur, verkehrswichtige und besonders gefährliche Stellen zu sichern. Tatsächlich leiste der OSB darüber hinaus mehr, sagt Tesche. Zugleich kann er den Unmut vieler Bürger bei winterlichen Bedingungen nachvollziehen. „Winterdienst ist ein emotionales Thema – jeder beurteilt die Lage aus seiner eigenen Perspektive.“ Verständnis für Kapazitätsgrenzen und Prioritäten helfe – doch am Ende bleibe es ein Balanceakt zwischen Erwartung und Machbarem.

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