Osnabrück  Die „Tyrannei des Augenblicks“: Warum die Demokratie die klassische Zeitung im Push-Zeitalter braucht

Moritz Rinke
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Von Moritz Rinke
| 31.01.2026 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der durchgehende Konsum von Nachrichten kann zermürbend sein. Sollte der morgendliche Blick in die Zeitung wieder Normalität werden? Foto: IMAGO/YAY Images
Der durchgehende Konsum von Nachrichten kann zermürbend sein. Sollte der morgendliche Blick in die Zeitung wieder Normalität werden? Foto: IMAGO/YAY Images
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In unserer schnelllebigen Welt kommt man bei der Flut an Nachrichten oft nicht mehr mit. Die Folge: Menschen wenden sich desillusioniert von Medien ab. Der Journalist und Autor Moritz Rinke plädiert deshalb wieder für das klassische Zeitunglesen – auch als Stütze der Demokratie.

Als Kind stand ich oft auf einem Leuchtturm in Dänemark. Wenn ich von oben herunterrief, flogen meine Worte weg mit dem Wind. Und nur wenn ich schnell durch den Turm nach unten lief, dachte ich, könnte ich ihren Widerhall unten noch einfangen. Ein bisschen so ist es heute mit der Wahrnehmung täglicher Nachrichten aus dem Fernsehen und all den Postings aus den sozialen Medien.

Ich stehe oben auf dem Turm im Nachrichtensturm, aber so schnell käme ich gar nicht mehr die Treppe den Turm herunter, um die einzelnen Nachrichten unten einzufangen und ihnen auf den Grund zu gehen.

In letzter Zeit waren die Nachrichtenstürme heftig. „Trump will Grönland übernehmen“, „Trump will aus dem Gazastreifen ein Erholungsgebiet machen“, „Trump schmeißt den ukrainischen Präsidenten aus dem Weißen Haus“, „Trump löst neuen Handelskrieg aus“, „Trump setzt Putin brutal unter Druck“, keine halbe Stunde später: „Trump verteidigt Putin und schmeißt Journalisten aus dem Weißen Haus“. Und so weiter.

Trump scheint es momentan fast in jede Nachricht zu schaffen und jede davon scheint eine Art Adrenalinkick bei uns Empfängern auszulösen. Wir empören uns über seine geplante Grönland-Übernahme, am nächsten Tag sind wir geschockt über seine Fantasien mit Badehose und Elon Musk am Pool im Gazastreifen, und Grönland ist schon vergessen. Doch der Schock über Trumps Gaza-Fantasien währt nicht lange, denn schon hat er Selenskyj aus dem Weißen Haus geschmissen.

Genauso prasseln andere Nachrichten auf uns ein, jeden Tag.

Soziologen wie Hartmut Rosa nennen das die „Tyrannei des Augenblicks“. Rasende Überinformationen, die uns immer rastloser und ratloser machen. Aber gegen diese Tyrannei wehren sich auch immer mehr Menschen. Sie sagen: Diese „breaking news“ werden mir wie Konsumgüter verkauft, am nächsten Tag fragt schon keiner mehr nach.

Warum, zum Beispiel, sitzt der Lindner von der FDP nicht längst vor Gericht, fragte mich jetzt eine Freundin, wenn seine Partei einen Regierungsputsch geplant haben soll? Am nächsten Tag ruft sie an und fragt, ob ich schon gehört habe, dass das Coronavirus nun wohl doch aus einem chinesischen Labor in Wuhan gekommen sei. Über Lindner kein Wort mehr.

Man könnte nun sagen: Nein, dieses ungesunde Verschlingen von Nachrichten, ohne mich, ich schalte alles aus: Handy, Fernseher, Radio. Aber ist das die Lösung? Nicht mehr an unserer Gegenwart teilnehmen?

Neulich hielt ich in Niedersachsen einen Vortrag: „Warum ich für Zeitungen schreibe?“ lautete der Titel. „Warum ich die Demokratie noch nicht für ganz verloren halte?“ Ich beschrieb, wie Trumps autokratischer Stil insbesondere uns Zeitungsschreiber und Zeitungsleser ins Visier genommen hat. Dass er die liberale Presse für eine „Lügenpresse“ hält; dass er immer aggressiver gegen Medienhäuser klagt.

Der Präsident der USA will keine unabhängigen Zeitungen. Das ist eine sehr schlechte Nachricht. Alexandra Borchardt zitiert in ihrem Buch „Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht“ eine Studie, wonach Bürger aus Gemeinden, die keine Lokalreporter mehr hätten, anfälliger für Falschinformationen seien.

„Wir können alle unseren eigenen Account in den sozialen Netzwerken haben. Aber wenn Lokalzeitungen abgeschafft werden, verlieren die Menschen eine gemeinschaftliche Stimme“, sagte ein Forscher der Studie.

Zeitungen sind also so eine Art Gespräch, ein offenes Gespräch, genauso wie die Demokratie auch ein offenes Gespräch sein sollte. Die sozialen Netzwerke sind in Wahrheit zum Gegenteil von sozialen Gesprächen geworden. Zeitungen sind nichts für schnelle Antworten, der Journalismus sollte sich hüten, alles wie in einen Tweet von 280 Zeichen zu pressen. Er sollte, um es mal so zu sagen, altmodisch bleiben, denn die Demokratie ist es auch.

Darum setze ich mich jetzt immer mit einer Zeitung an den Frühstückstisch. Früher hat mein Vater sich sofort in die Zeitung vertieft, ich fand das manchmal schade, heute ist es aber geradezu notwendig. Ich beobachte beim Frühstück aus den Augenwinkeln meine Kinder, ob sie auch wirklich registrieren, was ich da gerade mache: Zeitung lesen!

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