Melle  Nach nur zwei Jahren: Darum verlässt Schulleiter Frank Baller die BBS in Melle

Linda Schnepel
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Von Linda Schnepel
| 26.01.2026 18:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Rund zwei Jahre hat Frank Baller die Berufsbildenden Schulen in Melle geleitet. Nun kehrt er als Schulleiter an die BBS Brinkstraße in Osnabrück zurück. Was hat ihn zu diesem Schritt bewogen?

Seinen zukünftigen Arbeitsort kennt Schulleiter Frank Baller sehr gut: Vor 26 Jahren machte er dort seinen Seiteneinstieg als Informatiklehrer, ab 2009 war er mehr als zehn Jahre stellvertretender Schulleiter. In den vergangenen rund zwei Jahren hat er die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Melle geleitet. Am Donnerstag, 29. Januar, wird er in Melle verabschiedet. Dann geht er zurück an das Berufsschulzentrum BBS Brinkstraße in Osnabrück. Mit welchen Vorstellungen er vor zwei Jahren die Schulleitung angetreten hat und warum er Melle schon wieder verlässt, erzählt der 62-Jährige im Gespräch.

Frage: Herr Baller, warum hat es Sie 2023 an die BBS in Melle gezogen?

Antwort: Neben der neuen Position als Schulleiter hat mich die Vielfalt einer Bündelschule interessiert. Die BBS Brinkstraße und die BBS Melle sind unterschiedliche Schulen. Während an der Brinkstraße nur technische Zweige unterrichtet werden, ist die BBS Melle eine Bündelschule. Hier gibt es verschiedene Fachrichtungen wie Gesundheit, Sozialpädagogik, Technik, Wirtschaft und Pflege.

Frage: Wovor hatten Sie am meisten Respekt, bevor Sie in Melle angefangen haben?

Antwort: Das ist genau diese Vielfalt der Lehrkräfte. Früher haben die Abteilungen eher separiert voneinander gearbeitet. Mein Vorgänger Hermann Krüssel hatte bereits daran gearbeitet, dass die Abteilungen stärker zusammenwachsen. Das fortzusetzen, war eine der großen Herausforderungen.

Frage: Was macht diese Zusammenarbeit so schwierig?

Antwort: Ein Beispiel: Lehrkräfte im technischen Bereich haben eine andere Sozialisierung durchlaufen als Lehrkräfte aus dem sozialpädagogischen Bereich. Sie setzen unterschiedliche fachliche Schwerpunkte – hier Beziehungsarbeit und Empathie, dort Analyse und Struktur. Wenn diese Menschen aufeinandertreffen, wird es spannend.

Frage: Waren die BBS in Melle nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Leitung der BBS Brinkstraße in Osnabrück?

Antwort: Nein, ich hatte damals nicht die Absicht, als Schulleiter nach Melle zu gehen und dann an die Brinkstraße zurückzuwechseln. Das war kein Thema. Es war nicht absehbar, dass der Schulleiter in Osnabrück, Martin Henke, jetzt in Pension geht.

Frage: Warum haben Sie sich auf die Stelle in Osnabrück beworben?

Antwort: Die ausgeschriebene Stelle an der BBS Brinkstraße hat mich fachlich sehr angesprochen, mein Profil als Physiker und Informatiker passt gut zu einer rein technisch ausgerichteten Schule. Ich bin davon überzeugt, dass in Melle eine tragfähige Lösung für meine Nachfolge absehbar ist, während es in Osnabrück keine Bewerbungen gab. Die Stelle hätte erneut ausgeschrieben werden müssen, alles hätte sich weiter verzögert.

Frage: Was wollen Sie inhaltlich dort bewegen?

Antwort: Inhaltlich geht es mir unter anderem darum, wie künstliche Intelligenz verantwortungsvoll in Lern- und Arbeitsprozesse Einzug halten kann. Dies ist aus meiner Sicht eine der großen Herausforderungen an einer der größten gewerblich-technischen Schulen in Niedersachsen. Ein weiteres Thema, das ich vorantreiben möchte, ist Demokratiebildung. Wir wollen junge Menschen nicht nur fachlich, sondern auch gesellschaftlich stärken.

Frage: Machen wir einen kleinen Rückblick: Wie war es für Sie, als Sie zum ersten Mal vor einer Klasse standen?

Antwort: Obwohl ich Seiteneinsteiger war und ziemlich schnell allein vor einer Klasse stand, war ich gut vorbereitet. Durch meine Arbeit als Tischtennistrainer habe ich mit jungen Menschen zusammengearbeitet. Fachlich bin ich durch meine Arbeit als Informatiker in der freien Wirtschaft gut vorbereitet gewesen. Herausfordernd war zu Anfang, die Unterrichtsplanung oder Klausuren zu erstellen und zu benoten.

Frage: Gibt es mehr Seiteneinsteiger an den Berufsbildenden Schulen als grundständig ausgebildete Lehrkräfte?

Antwort: Nein, Seiteneinsteiger ergänzen die Kollegien an berufsbildenden Schulen, die große Mehrheit der Lehrkräfte ist jedoch grundständig ausgebildet. Im Bereich Wirtschaft ist das Angebot an Lehrkräften aktuell eher groß. Lehrkräftemangel gibt es zum Beispiel in technischen Fachrichtungen. Im Idealfall studiert man Berufsschullehramt grundständig mit einer beruflichen Fachrichtung und einem Unterrichtsfach.

Frage: Sie sind also auch kein Idealfall.

Antwort: [lacht] Ja, es ist schon gut, wenn man auch Pädagogik studiert hat. Das habe ich nicht. Ich bin aus der freien Wirtschaft direkt in den Schuldienst eingestiegen und habe mir die pädagogisch-didaktischen Fähigkeiten berufsbegleitend im Studienseminar angeeignet.

Frage: Was war Ihr größter Erfolg an den BBS Melle?

Antwort: Ich wollte von Anfang an klare Prozesse schaffen und die Transparenz steigern. Heute sind Aufgaben und Funktionen in der Schulorganisation klar definiert. Außerdem gibt es eine höhere Transparenz bezüglich der Beförderungskultur.

Frage: Welche Bedeutung haben die Berufsbildenden Schulen für die Gesellschaft?

Antwort: Da muss man die unterschiedlichen Bereiche unserer Schule betrachten. Die Berufsschule mit ihren Auszubildenden im dualen System hat einen hohen Stellenwert. In vielen anderen Ländern fehlt die betriebliche Verantwortung, Betriebe wollen kein Geld und Zeit in Auszubildende investieren. Aber ich bin vom dualen System überzeugt. Daneben eröffnen die Vollzeitschulformen jungen Menschen neue Perspektiven, ermöglichen qualifizierte Abschlüsse und beruflichen Aufstieg. Berufsbildende Schulen leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung und zur gesellschaftlichen Teilhabe.

Frage: Ist die Nachfrage an den BBS hoch?

Antwort: Wenn die Konjunktur schwächelt, geht es auch mit den Ausbildungsquoten zurück. Das merken wir an den berufsbildenden Schulen. Allerdings ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler gewachsen, die zunächst in Vollzeitschulformen zu uns kommen und die keinen Ausbildungsplatz haben. Die Ursachen sind vielfältig, Anforderungen in Ausbildung und Arbeitswelt sind gestiegen. Die jungen Menschen sind dann zwar formell im ausbildungsfähigen Alter, aber die Betriebe melden zurück, dass ein Teil von ihnen noch nicht ausbildungsreif ist.

Antwort: Teilweise kommen sie ohne Hauptschulabschluss zu uns, sind schulmüde. Für sie eignen sich die Berufseinstiegsklassen, weil die einen hohen praktischen Anteil in unseren Werkstätten, Küchen oder EDV-Räumen haben.

Frage: Wie haben sich die Schüler verändert?

Antwort: Die Digitalisierung hat einen großen Einfluss auf die Schülerschaft, das Lernverhalten hat sich verändert, die Konzentrationsfähigkeit hat nachgelassen, aber auch das soziale Miteinander hat sich verändert. Sie erleben eine Vielzahl von Krisen, etwa die Corona-Pandemie oder den Ukrainekrieg. Das verunsichert die jungen Menschen, auch die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung trägt dazu bei.

Frage: Was finden Sie toll an der Schülergeneration?

Antwort: Mich beeindrucken ihre Offenheit und das selbstverständliche multikulturelle Miteinander. Besonders schön ist es, wenn bei Veranstaltungen bei uns im Haus wie dem „Winterzauber“ oder dem Kennenlerntag echte Begegnungen entstehen – jenseits des Digitalen, beim Waffelverkauf oder den Kennenlernaktionen.

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