Erfolgreiche Manufaktur  Alles Käse in Wrisse

Deike Terhorst
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Von Deike Terhorst
| 20.01.2026 11:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bocksklee oder Natur – Birte Menzi denkt sich immer wieder neue Geschmacksrichtungen für ihren Käse aus. Foto: Klaus Ortgies
Bocksklee oder Natur – Birte Menzi denkt sich immer wieder neue Geschmacksrichtungen für ihren Käse aus. Foto: Klaus Ortgies
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Birte Menzi und Michael Bünting haben 2022 einen landwirtschaftlichen Betrieb in Wrisse gekauft. Dort stellen sie Käse her, der unter anderem im Compagniehaus in Großefehn verarbeitet wird.

Wrisse - Dass der Ort, an dem Träume wahr werden, ausgerechnet im ostfriesischen Wrisse liegt, hätte so schnell wohl keiner vermutet. Doch genau hier haben Michael Bünting und Birte Menzi ihr ganzes Leben umgekrempelt. In dem Ortsteil der Gemeinde Großefehn hat das Paar seit mehr als drei Jahren einen Milchviehbetrieb und stellt unter anderem seinen eigenen Käse her.

Begonnen hat alles 2022 mit einem leerstehenden Hof am Moorlager Weg. Bünting ist zwar ausgebildeter Landwirt, hat jedoch keine Landwirtschaft in der Familie. Vor dem Sprung nach Ostfriesland arbeitete der 42-Jährige daher im Futtervertrieb von Agravis Raiffeisen. „Als wir uns kennengelernt haben, war aber relativ schnell klar, dass wir uns zusammen etwas aufbauen wollen. Unsere beiden Leidenschaften für Landwirtschaft und Lebensmittel passen einfach gut zusammen“, sagt Birte Menzi. Die 43-Jährige aus Bremen hat Lebensmittelwirtschaft studiert und für ihren Traum vom Landleben alle Zelte abgebrochen.

Idylle zwischen Wiesen und Wallhecken

Das Paar setzte alles auf eine Karte und kaufte nicht nur den Resthof in Wrisse, sondern auch 16 Kälber. Gut drei Jahre später sind diese bereits Großmütter und Bünting und Menzi damit nicht nur Herrchen und Frauchen von zwei Dackeln, sondern auch von rund 200 Rindern. „Wir sind in dieser Zeit bestimmt um ein Jahrzehnt gealtert“, sagt Menzi und grinst Bünting zu. „An jedem dritten Tag haben wir Zweifel. Aber letztlich sind es die zwei anderen guten Tage, die zählen.“

Immer mit dabei: die Hofdackel. Foto: Klaus Ortgies
Immer mit dabei: die Hofdackel. Foto: Klaus Ortgies

Die 43-Jährige liebt an ihrem neuen Leben vor allem die Abwechslung. In der Landwirtschaft sei kein Tag wie der andere. Man lebt mit den Jahreszeiten, ist stets draußen unterwegs. Melken, füttern, Ställe säubern – das ist der neue Alltag des Paares. „Ich lebe quasi auf 300 Metern. Für mich ist schon ein Besuch beim Edeka selten geworden“, sagt Michael Bünting und lacht. Der gebürtige Oldenburger betrachtet lieber seine 120 Hektar Land, die von Wiesen und Wallhecken durchzogen sind. „Das ist einfach Idylle pur“, schwärmt Bünting. Um diese täglich bewundern zu können, haben er und Menzi sich in ihrem neu gebauten Wohnhaus extra große Fenster einsetzen lassen.

Mobile Käserei macht’s möglich

Damit Michael Bünting auch weiterhin nicht zum Supermarkt muss, haben er und Menzi beschlossen, aus einem Teil ihrer Milch selbst Lebensmittel herzustellen. Als Erstes dabei herausgekommen ist Käse. Genauer gesagt Butterkäse, Bockshornklee-Käse und Tomate-Basilikum-Käse – diese drei Sorten stellt der „Hof Wrisse“ derzeit her. Da ihnen selbst das notwendige Know-how und Equipment zur Herstellung fehlen, arbeiten Bünting und Menzi dafür mit einer mobilen Käserei zusammen. „Die kommt zu uns, holt die Milch ab und macht daraus Käse, der uns nach der Lagerzeit fertig gereift geliefert wird. Um Portionierung und Verpackung kümmern wir uns dann selbst“, erklärt Birte Menzi.

Im Hofladen von Bünting und Menzi können Gourmets auf Käse-Shoppingtour gehen. Foto: Klaus Ortgies
Im Hofladen von Bünting und Menzi können Gourmets auf Käse-Shoppingtour gehen. Foto: Klaus Ortgies

Der 43-Jährigen war schon früh klar, dass sie einen Teil der Hofmilch direkt vermarkten möchte. So entstand unter anderem die Idee für einen eigenen Hofladen mit einer Kasse auf Vertrauensbasis. Direkt an der Auffahrt zum Wohnhaus gelegen, gibt es in der kleinen Holzhütte nicht nur Käse, sondern auch Eier und eine Milchtankstelle. Rund 2500 Liter rinnen täglich durch die Melkanlage des „Hof Wrisse“. Der Großteil davon geht an die Molkerei Ammerland. Die Abnehmer im Hofladen kommen hingegen überwiegend aus dem direkten Umkreis.

Käse hat viele Liebhaber

In Wrisse selbst wurde das „Pärchen aus der Stadt“ herzlich aufgenommen. „Ich komme aus einem Reihenhaus und musste mich erst daran gewöhnen, dass sich hier alle grüßen“, sagt Birte Menzi. Auch sonst greifen die rund 200 Einwohner des Dorfes den Neu-Landwirten unter die Arme, wo sie nur können – und werden mit leckerem Käse belohnt. „In Wrisse isst man keine Chips mehr vor dem Fernseher, hier mümmeln alle unseren Käse“, sagt Michael Bünting und lacht.

Karin und Andreas Habben betreiben das „Historische Compagniehaus“ in Großefehn seit fast 27 Jahren. Foto: Nicole Böning/Archiv
Karin und Andreas Habben betreiben das „Historische Compagniehaus“ in Großefehn seit fast 27 Jahren. Foto: Nicole Böning/Archiv

Doch nicht nur im Hofladen kommt der Käse made in Wrisse gut an, auch das „Historische Compagniehaus“ in Großefehn ist begeistert und verarbeitet den Käse seit rund einem Jahr in seinem Restaurant. Die Gastronomie mit Festsaal und Biergarten wird seit 1999 von der Familie Habben geführt. Sie sind Nachbarn von Michael Bünting und Birte Menzi und so auf deren Produktion aufmerksam geworden. Im Gulfhaus von 1802 kommen nun also nicht nur Fleisch aus Jheringsfehn, Fisch aus Greetsiel und Gemüse aus Emden auf den Tisch, sondern eben auch Käse aus Wrisse. „Ohne den geht’s nicht mehr“, sagt Karin Habben in einem Telefonat mit der Redaktion. „Der Käse ist geschmacksintensiv, dabei aber nicht scharf und vor allem schön cremig. Wirklich lecker!“ Auch bei den Gästen sei der Käse beliebt. An den Buffets seien die Käseplatten stets in null Komma nichts leergeputzt.

Kühe gehören zur Familie

Das Schmankerl des „Hof Wrisse“ ist jedoch nicht nur lecker, sondern auch bio. Bereits seit 2024 ist der Betrieb Teil von „Bioland“. Der Anbauverein wurde Anfang der 1970er Jahre gegründet. Mittlerweile arbeiten fast 8000 Betriebe in Deutschland nach seinen Richtlinien. Diese basieren vor allem auf dem Prinzip einer ökologischen Kreislaufwirtschaft, die ohne synthetische Pestizide und chemische Stickstoffdünger auskommt.

Da der Anbauverein darüber hinaus besonderen Wert auf das Tierwohl legt, ist die „Bioland“-Mitgliedschaft für Michael Bünting und Birte Menzi keine Option, sondern eine Haltung. Denn die rund 100 Milchkühe und deren Nachzucht sind das Herzstück ihres Betriebs. „Unsere Kühe sind Teil der Familie. Mit jeder einzelnen verbindet uns eine gemeinsame Geschichte“, sagt Bünting. Eine von ihnen ist Florenz, mit fast sieben Jahren die älteste Kuh auf dem „Hof Wrisse“. Das braun gefleckte „Madl“ kommt ursprünglich aus Bayern, legte aber rund 1000 Kilometer zurück, um wie ihre Besitzer in Ostfriesland ein neues Zuhause zu finden. Beim Stallrundgang ist Florenz ein wenig schüchtern, möchte sich nur ungern fotografieren lassen. Zeitungsfotograf Klaus Ortgies ist jedoch geübt, wenn es um Tiere geht, und kann ihr erfolgreich ein Porträt abringen.

Florenz ist die älteste Kuh auf dem „Hof Wrisse“. Foto: Klaus Ortgies
Florenz ist die älteste Kuh auf dem „Hof Wrisse“. Foto: Klaus Ortgies

Zwei Köpfe voller Ideen

Was Michael Bünting und Birte Menzi zu ihren größten Erfolgen zählen? „Zu sehen, dass aus unseren Kälbern eine richtige Herde geworden ist“, sagen sie lächelnd. Außerdem seien sie jetzt entspannter als am Anfang, bekämen langsam Rhythmus in ihre Arbeit. „Bei der ersten Maissaat haben wir vor Freude geweint, mittlerweile ist das Alltag geworden“, sagt Birte Menzi.

Michael Bünting und Birte Menzi haben sich mit ihrem Biohof und eigener Käseherstellung einen Traum erfüllt. Foto: Klaus Ortgies
Michael Bünting und Birte Menzi haben sich mit ihrem Biohof und eigener Käseherstellung einen Traum erfüllt. Foto: Klaus Ortgies

Auch die Käseherstellung bekommt mittlerweile Routine. Am Mittwoch, 21. Januar 2026, steuert die mobile Käserei wieder Wrisse an. Laut Menzi werde dann über eine neue Sorte nachgedacht. „Wir wollen aber noch mehr aus unserer Milch machen. Wir haben ganz viele Ideen. Ich habe zum Beispiel Bock auf Eis oder Joghurt“, sagt die Wahl-Ostfriesin. Und obwohl sie nach eigener Aussage „immer noch auf der Reise“ sind: Bei dem Tatendrang, den Michael Bünting und Birte Menzi an den Tag legen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es weitere Milchprodukte vom „Hof Wrisse“ gibt. Denn hier weiß man, wie Träume wahr werden.

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