Nuuk Trump denkt, er könnte die Grönländer brechen – doch er unterschätzt ihren eisernen Willen
Immer unverhohlener erheben die USA Anspruch auf Grönland. In dem Land wächst die Sorge – aber auch der Nationalstolz. Einblicke in ein stolzes Land, das nie wieder zum Spielball fremder Mächte werden möchte.
„In Nuuk herrscht derzeit große Verunsicherung“, schreibt Akitsinnguaq Olsen unserer Redaktion. Es ist Abend, nur eine Stunde, bevor sich die Naalakkersuisoq (Ministerin) für Auswärtiges, Vivian Motzfeldt, und der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen mit ihrem US-Amtskollegen Marco Rubio und Vizepräsident J.D. Vance treffen werden.
Vielen in Nuuk fällt es schwer, sich auf ihre Arbeitsaufgaben oder die alltäglichen Tätigkeiten zu konzentrieren. Das Fernsehen läuft fast rund um die Uhr. „Viele Kollegen berichten morgens fast weinend, wie ängstlich sie sind. Sie haben kaum geschlafen, werden von Kopfschmerzen und Übelkeit geplagt“, berichtet Olsen.
Die 55-Jährige arbeitet beim grönländischen Parlament, dem Inatsisartut, als Dolmetscherin. Sie versucht, die Unruhe während der Arbeit zu verdrängen. Doch ich kenne meine Freundin gut genug, um zu wissen, dass es auch bei ihr unter der Oberfläche brodelt, ihre scheinbare Ruhe mit eiserner Disziplin hart erkämpft ist.
Und am Heimweg von der Arbeit wird es noch schwerer. „In Geschäften, auf der Straße und bei den Bushaltestellen reden die Menschen darüber, welch schreckliche Ängste sie haben. Es liegt eine schwere und furchtsame Atmosphäre über der ganzen Stadt.“
Seit mehr als einem Jahr müssen die Menschen in Kalaallit Nunaat, dem Land der Grönländer, den Druck aus Washington aushalten. Ein ums andere Mal haben sie ruhig und besonnen, aber auch bestimmt auf Trumps Übergriffe geantwortet.
Sie wünschen sich jetzt, dass wir in Dänemark, Deutschland und dem restlichen Europa sie noch deutlicher unterstützen. Denn die Kalaallit empfinden das Gebaren des US-Präsidenten als übergriffig.
Regierungschef Jens Frederik Nielsen betonte erneut bei einer Pressekonferenz, dass die Menschen in Grönland sich nicht kaufen lassen werden: „Grönland möchte nicht von den USA besessen werden. Grönland möchte nicht von den USA gelenkt werden. Grönland möchte nicht ein Teil der USA sein.“
Bereits am 15. März des vergangenen Jahres gingen die Menschen in Nuuk sowie in weiteren Städten auf die Straße, um gegen Trumps Pläne zu protestieren. Stolz trugen sie die grönländische Flagge, die Erfalasorput, in ihren Händen. Es waren die größten Proteste, die Grönland jemals erlebt hat – und sie gehen weiter.
Die Reaktionen fallen auch deshalb so stark aus, weil die Menschen in Grönland erlebt haben, was es heißt, unter fremder Herrschaft zu leben. Die Traumata aus der dänischen Kolonialzeit sitzen heute noch tief. Das skandinavische Land war nämlich nicht die „gute“ Kolonialmacht, als die es sich gerne sieht.
Davon kann die grönländische Psychologin Naja Lyberth berichten. „Ich erinnere mich nicht mehr an viele Details. Aber an die Instrumente erinnere ich mich“, sagt sie 2017 in einer Radiodokumentation des Senders DR.
Ihr wurde als 14-Jährige eine Spirale eingesetzt – ohne ihr Einverständnis und ohne das ihrer Eltern. „Die Instrumente fühlten sich an wie Messer.“ 4500 Frauen hat das damalige dänische Gesundheitssystem in den Jahren von 1966 bis 1975 die Spirale eingesetzt – in den meisten Fällen, wie bei Lyberth, ohne zu fragen.
Das war die Hälfte der Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter. Nirgends auf der Welt war der Geburtenrückgang in diesem Zeitraum so stark wie in Grönland.
Die alten Traumata dürften wohl auch Außenministerin Motzfeldt bewusst gewesen sein, als sie nach den Gesprächen mit Rubio und Vance gemeinsam mit Løkke Rasmussen vor die Presse trat.
Sie sagt als Erstes: „Asasakka nunaqqatikka nalunngilara malinnaasusi. Liebe Landsleute, ich weiß, dass ihr alles genau verfolgt.“ Damit trifft sie einen Nerv.
Akitsinnguaq Olsen berichtet, dass ihre Kollegen am Donnerstag lächelnd, singend und stolz bei der Arbeit erschienen sind. „Ich hoffe, dass Grönland bei den Gesprächen eine stärkere eigenständige Stimme bekommen hat. Wir müssen selbstverständlich weiterhin mit Dänemark zusammenarbeiten, aber auch zeigen, wie stark wir Grönländerinnen und Grönländer sind.“
Sie sei sich bewusst, dass sie und ihre Landsleute auch weiterhin den Druck aushalten werden müssen, solange Trump Präsident der USA ist. Sie appelliert daher an Europa, zusammenzuhalten, denn es gehe hier um mehr als um Grönland. „Wir können einander nicht entbehren, solange eine scheinbar eiskalte, narzisstische und machtbesessene Person Präsident der USA ist.“