Schwanitz „Nord bei Nordwest“: Hinnerk Schönemann vergisst alle Filmküsse – außer den einen
In den neuen „Nord bei Nordwest“-Folgen küsst Hinnerk Schönemann schon wieder eine Kollegin. Im Interview offenbart er: Hinterher kann er sich an diese Küsse nie mehr erinnern. Einen ausgenommen.
Bevor Hinnerk Schönemann auf Fehmarn neue „Nord bei Nordwest“-Krimis dreht, sitzt er erst mal ziemlich lange im Auto. Sein 60-Seelen-Dorf liegt derart ab vom Schuss, dass er mit öffentlichen Verkehrsmitteln chancenlos wäre. Im Interview erzählt der Schauspieler von seinem Hofalltag in Mecklenburg, seiner Vergesslichkeit beim Küssen und den Gewissensbissen, die das gesamte TV-Team ergriffen haben, als das neue Krimi-Drehbuch Schüsse auf einen Parson Russell Terrier vorgesehen hat.
Frage: Herr Schönemann, bei was unterbreche ich Sie gerade?
Antwort: Ich bin zu Hause, auf meinem Hof in Mecklenburg. Unterbrechen muss ich nichts. Ich wusste ja, dass Sie anrufen. Und wenn wir mit dem Interview fertig sind, will ich raus und eine Plane festmachen, die sich an meiner Zeltgarage gelöst hat.
Frage: Über Ihren Hof weiß ich nur, dass Sie Pferde und Hühner haben. Erzählen Sie doch mal ein bisschen.
Antwort: Inzwischen haben wir nur noch Pferde, die die Wiese kurzhalten. Und einen Hund. Den Hühnerstall habe ich komplett weggerissen. Hühner schränken einen ein. Wir fahren gern mal irgendwohin und Tiere binden einen. Den Pferden ist fast egal, ob wir da sind oder nicht. Die haben einen Offenstall, sind die ganze Zeit draußen und wir haben auch jemanden, der nach ihnen sieht.
Frage: Den Bezug zu Tieren spürt man auch im neuen „Nord bei Nordwest“-Krimi „Blindgänger“, den Sie auch inszeniert haben. Immer wieder lassen Sie da einen Igel durchs Bild laufen. Einfach nur so.
Antwort: Meine Figur ist Polizist und Tierarzt in einem. Da gehören Tiere dazu. Wenn ich Regie führe, habe ich immer gern ein Tier, das den Film begleitet. In einer anderen Folge war es mal ein Rabe und diesmal der Igel.
Frage: Gedreht wurde mitten im Winter. Mussten Sie den Igel wecken?
Antwort: Unseren Igel hat der Tiertrainer von einer Auffangstation besorgt. In Wahrheit hatte er nur einen halben Drehtag, an dem er ein paar Mal durchs Bild laufen durfte. Er war fertig aufgepäppelt, ist als gesund entlassen worden und längst wieder in Freiheit. So einen festen Winterschlaf haben Igel gar nicht. Bei uns auf dem Hof sind sie trotz der Kälte noch aktiv. Die laufen nachts rum und suchen sich eine Palette, unter der sie weiterschlafen. Ich sehe öfter mal Igelspuren im Schnee.
Frage: Die aktuelle Folge „Blindgänger“ ist schon Ihr zweiter oder dritter eigener Film. Wonach entscheiden Sie, welcher Stoff Sie auch als Regisseur interessiert?
Antwort: Das ist mein dritter Film. Und im Mai drehe ich dann meinen vierten „Nord bei Nordwest“. Bei „Blindgänger“ wird eine riesige Weltkriegsbombe ausgebaggert, ganz Schwanitz ist in Gefahr. Das fand ich ansprechend, schon als Bild.
Frage: Zu Gefahr oder besser: zur Gewalt hat die Reihe ein ziemlich schwarzhumoriges Verhältnis. In Ihrem Film wird ein Gangster jetzt auf immer neue und drastischere Weisen verletzt. Wie findet man da die Balance?
Antwort: Unsere Idee war, dass einer Figur immer wieder etwas zustößt, ohne dass es irgendjemand merkt. Er leidet allein. Das hat auch was Lustiges. Die meisten seiner Missgeschicke standen von Anfang an im Drehbuch, zum Beispiel das Garagentor, das ihn ausknockt, und das Auto, das ihn beim Zurücksetzen auch noch überfährt. Dazu gekommen sind zwei Hopser, wenn der Gangster überfahren wird. Andere Ideen haben wir erst beim Drehen ergänzt. Kurz vor seiner großen Schlussszene hatte ich das Gefühl: Irgendwas fehlt noch. Ihm war zu lange nichts passiert. Deshalb tritt er jetzt noch in eine Bärenfalle.
Frage: Was war der größere Tabubruch: Dass dem Gangster 90 Minuten lang etwas zustößt? Oder dass am Ende auf einen kleinen Hund geschossen wird? Geben Sie es zu: Über den Parson Russell Terrier haben Sie länger diskutiert.
Antwort: Es gab wirklich Diskussionen darüber, ob man bei „Nord bei Nordwest“ einen Hund erschießen darf. Nicht wirklich erschießen natürlich, aber in der Geschichte. Darf man das zeigen? Und wenn ja: Wie detailliert? Dass man kein Blut sieht, war klar. Im Buch stand nur: „Hund wird angeschossen.“ Ich wollte aber, dass der Hund richtig erschossen wird. Und stirbt. Der Zuschauer sollte erschrecken und sagen: „Das haben die jetzt nicht wirklich gemacht.“ Aber wir sind ja auch eine Tierarztreihe … lassen Sie sich überraschen!
Wir haben den Hund Holly am Set von „Nord bei Nordwest“ getroffen – und interviewt!
Frage: Tierärzte heilen nicht nur. Die schläfern auch ein. Wird es eine solche Szene jemals bei Ihnen geben?
Antwort: Ich erinnere mich nicht, dass wir das je hatten. Und wir denken auch nicht dran.
Frage: Regine Hentschel und Stephan Tölle spielen bei Ihnen die Bestatter Blecky und Töteberg. Tölle hat mal den Wunsch geäußert, im Duo auch die Totengräber im „Hamlet“ zu spielen. Würden Sie mitmachen? Als Geist des Vaters? Als Regisseur?
Antwort: Als Theaterregisseur sehe ich mich nicht. Aber wenn das eine Persiflage auf „Nord bei Nordwest“ sein soll, wenn das wirklich unsere Totengräber Töteberg und Blecky wären – dann wäre viel möglich. Natürlich würde ich gern einen kleinen Cameo-Auftritt machen, auch in meiner Rolle als Hauke Jacobs. Ich könnte irgendein Tier zu Hamlet mitbringen oder eins verarzten oder sonst irgendwas. Wenn die mich fragen, würde ich wahrscheinlich nicht Nein sagen.
Frage: Ihre Krimifigur Hauke steht zwischen zwei Frauen, eine ist Polizistin, die andere Tierärztin. Welche Berufsgruppe finden Sie selbst attraktiver?
Antwort: Das wäre mir völlig egal. Es hängt von der Frau ab, nicht von ihrem Beruf. Am Ende kommt es doch darauf an, wie man miteinander umgeht. Man muss sie sehen und spüren: Das ist die Frau meines Lebens. Wenn das passiert, kann ich mir wenig Ausschlussgründe vorstellen. Vielleicht, wenn sie die ganz falsche Partei wählt, aber sonst fällt mir nichts ein.
Frage: In Deutschland ist es ja gar nicht üblich, offen über sein Wahlverhalten zu sprechen.
Antwort: Doch, doch, darüber unterhält man sich schon. Gerade als Künstler sollte man das auch. Wenn man merkt, dass Deutschland abdriftet, muss man Flagge zeigen. Das habe ich auch gemacht, als es bei der Bundestagswahl für die AfD gut aussah. Da halte ich dagegen.
Frage: Sie wohnen wieder in dem Dorf Ihrer Kindheit. Ist noch Verwandtschaft da?
Antwort: Ich bin in Rostock geboren und habe da auch die ersten dreieinhalb, vier Jahre gewohnt. Dann sind wir ins Dorf gezogen. Mein Elternhaus ist hier, meine Eltern auch immer noch, Onkel und Tante auch. Die Familiengemeinschaft wird eher größer, mittlerweile sind Cousins hergezogen. Meine Eltern hatten früher noch eine Wohnung in Berlin und Hamburg, wo sie gearbeitet haben. Wir waren in der Großstadt auch auf der Schule, aber am Wochenende sind wir dann immer hierher nach Hause gefahren. Wir hatten das Landleben, aber wir haben auch was von der Welt gesehen.
Frage: Erleben Sie, als jemand, der beides kennt, einen Stadt-Land-Konflikt? Lästern Dorfleute über Berlin? Blicken Berliner aufs Dorf herab?
Antwort: Nein, das spüre ich überhaupt nicht. Also wirklich gar nicht. Im Gegenteil. Was ich von Kollegen, sagen wir mal aus Berlin, oft höre, ist eine große Sehnsucht nach dem Landleben, nach dem Kleinen und Überschaubaren. Viele würden gern selbst aufs Land ziehen. Auch wenn sie es vielleicht nie tun, weil sie auf ihr Café oder das Theater nicht verzichten möchten. Ich höre auch nie, dass die Leute aus dem Dorf über Berlin herziehen. Städter haben’s auf dem Land trotzdem nicht so einfach. Wenn man aus der Großstadt herzieht, ist man nicht sofort integriert. Eine Dorfgemeinschaft ist fast wie eine Familie. Das muss man sich erarbeiten.
Frage: Wie ist die Anbindung bei Ihnen im Dorf? Schule? Kinderärztin? Ist das erreichbar?
Antwort: Ohne Auto geht es nicht. Der Schulbus kommt einmal morgens und das zweite Mal nachmittags. Für den restlichen Busverkehr muss man anderthalb Kilometer bis zur Bundesstraße laufen, da wird die Haltestelle dann einmal die Stunde bedient, vielleicht auch alle halbe Stunde. Das weiß ich nicht mal, weil es zu umständlich ist. Ich nehme immer das Auto, ob ich nach Köln fahre oder nach Hamburg oder Fehmarn. Das hat auch damit zu tun, dass ich gern allein bin und Autofahren liebe. Und seit ich die zwei Serien „Marie Brand“ und „Nord bei Nordwest“ mache, werde ich so oft erkannt, dass ich noch lieber für mich allein bin und im Auto meine Ruhe habe.
Frage: Endlich Ruhe haben ist für viele der Grund, überhaupt erst aufs Dorf zu ziehen.
Antwort: Wobei das in der Stadt besser funktioniert. Da zieht man die Tür zu und wenn’s klingelt, macht man nicht auf. Im Dorf kann man das nicht. Wenn das Auto vor dem Haus steht, ist man da. Und dann kommen auch Leute und wollen was. Das kann man aber auch positiv sehen: Das soziale Gefüge ist enger. Auf dem Land passen die Leute auf einen auf.
Frage: Hat Ihr Dorf sich verändert, seit Sie ein Kind waren? Haben Bauern aufgegeben oder Läden geschlossen?
Antwort: Für einen Laden waren wir schon immer zu klein. Wir haben maximal 60 Einwohner und wirklich nur eine Straße. Ganz früher gab es mal einen Dorfladen, so einen Konsum, aber das ist weit über 30 Jahre her. Ich habe das Glück, in einem Dorf zu wohnen, das auf sich achtet. Die Gärten, die Gebäude: Unser Dorf sieht schön aus.
Frage: Hat der Mauerfall damals mehr verändert, als dass jetzt ein Golf statt eines Trabbis vor dem Haus steht? Oder ist die Geschichte über das Dorf hinweggegangen?
Antwort: Ich würde wirklich fast sagen, dass die Geschichte über uns hinweggeht. Die Leute haben sich natürlich über die Wende gefreut. Auf einmal konnte man reisen und Sachen kaufen, die es vorher nicht gab. Aber Feste, Vereine – das ist alles noch wie früher, auch wenn ich selbst nur über die Kinder integriert bin. Bei uns im Dorf sind wir auch zu klein dafür. In den nächstgrößeren Orten, in Plau oder in Lübz, gibt’s das alles: Sportvereine, Bauernvereine. Das ist bei uns das, was den Leuten in der Stadt ihr Café oder das Kino ist. Ich denke, dass unser Dorf in 100 Jahren immer noch so aussieht wie jetzt. Hier verändert sich nicht viel.
Frage: Was unterscheidet Ihre mecklenburgische Welt vom fiktiven Schwanitz, dem Schauort von „Nord bei Nordwest“?
Antwort: Schwanitz ist ein bisschen größer und wir haben da immer alles so, wie wir’s brauchen. Es gibt einen Bäcker und einen Konsum. Einen Flughafen oder einen Hafen haben wir auch schon gehabt – immer so, wie die Bücher es vorsehen. Es ist eben ausgedacht.
Frage: Liebesdramen gibt’s in Schwanitz auch. In den neuen Fällen kommt es wieder zu einem Kuss zwischen Ihrer Figur Hauke und einer der Frauen.
Antwort: Zum Groll meiner Kolleginnen weiß ich nie, wann ich wen wo geküsst habe. Marleen Lohse oder Jana Klinge sagen dann: Weißt du noch, diese eine Folge, dieser eine Drehort, da haben wir uns doch geküsst! Und jedes Mal habe ich überhaupt keine Ahnung. Ich mag meine Kolleginnen wirklich sehr. Wir sind Freunde und sehr eng. Wenn wir nicht drehen, halten wir Kontakt. Aber echte Küsse sind das ja trotzdem nicht, keine Gefühlsküsse oder so. Selbst wenn man das wollte: Da gucken viel zu viele Leute zu – Kamera, Regieassistent, Skript … Das Küssen ist wie Arbeit. Ein besonderer Teil der Arbeit, natürlich, aber Arbeit. Einmal mussten Marleen und ich im selben Bett aufwachen, auf dem Hausboot. Wissen Sie, wie kalt es da ist? Unten drunter hatten wir alles mit Thermopflastern abgeklebt, damit es halbwegs so aussieht, als ob. Da können gar keine Gefühle aufkommen.
Frage: Gibt’s trotzdem eine Kussszene in Ihrer Laufbahn, die hängen geblieben ist?
Antwort: Vor über 20 Jahren habe ich mit Ulrich Noethen mal einen Film gemacht, „Der Boxer und die Friseuse“. Wir waren Knastis und ein Paar. Das war das erste Mal, dass ich einen Mann geküsst habe. Und ich muss sagen: Mit Bartwuchs ist es schon was anderes.
Frage: Die wahre Liebe Ihres „Nord bei Nordwest“-Ermittlers hat eine noch üppigere Gesichtsbehaarung. Das ist nämlich der Weimaraner Holly. Wer küsst besser: Ulrich Noethen oder der Hund?
Antwort: Ich habe Holly eigentlich nie geküsst. Der Hund schleckt mich ab und zu mal ab, wenn ich im Film aufwachen muss oder so. Aber das war auch nie ein Gefühlskuss. Wenn Holly die Alternative ist, nehme ich immer Ulli Noethen.