Trend zum Neujahr „Dry January“ – weil jeder Tropfen Alkohol schadet
Im Januar verzichten einige Menschen vier Wochen lang auf Alkohol. Zwei Suchtexperten erklären, warum der Trend so wichtig ist.
Ostfriesland - Vier Wochen lang auf Alkohol verzichten. Das gehört für einige zum Start in das neue Jahr dazu und ist vor allem bekannt unter dem Namen „Dry January“. Also der „trockene Januar“. Menschen, die mitmachen, wollen insbesondere ihrer Gesundheit Gutes tun. Welche medizinischen Vorteile das hat und was man von dem Trend lernen kann, wissen Dr. Markus Dornbach und Uwe Dogs.
Alkohol ist ein Nerven- und Zellgift
„Zu sagen, dass man keinen Alkohol trinkt oder auch aufhört zu rauchen, das sind immer gute Vorsätze. Das lohnt sich nachweislich“, sagt Dr. Markus Dornbach. Er ist Chefarzt am Krankenhaus Rheiderland mit Schwerpunkt auf suchtmedizinische Grundversorgung. Mittlerweile sei sehr gut nachgewiesen, dass jeder Tropfen Alkohol schon kleine Zellschäden verursachen kann. „Wir nennen Alkohol ja auch die dreckige Droge, weil es kein Organ gibt, das nicht betroffen ist“, sagt Dornbach. In Deutschland hingegen gebe es nach wie vor die sogenannte Rotweinlüge. „Alkoholkonsum wird oft bagatellisiert. Die Menschen sagen, sie trinken nur mal einen Wein oder ein Bier, aber keinen harten Alkohol“, erklärt Dornbach. Die chemische Zusammensetzung sei aber dieselbe. „Im Endeffekt trinken wir ein Nerven- und Zellgift und das ist das, was am Ende bleibt“, so Dornbach.
„Dry January“ gemeinsam im Freundeskreis
Das ist einer der Gründe, weshalb Uwe Dogs empfiehlt, dass sich jede Person einmal mit ihrem eigenen Alkoholkonsum auseinandersetzen sollte. Er ist leitender Suchttherapeut im Krankenhaus Rheiderland. „Man muss nicht suchtkrank sein, um sich mit seinem Alkoholkonsum zu beschäftigen“, so der Therapeut. Jeder solle sich einmal die Frage stellen, welche Rolle Alkohol und andere Suchtmittel im eigenen Leben spielen. Der „Dry January“ wäre ein geeigneter Anlass.
„Ich empfehle, diesen Monat in einem Tagebuch oder Logbuch zu dokumentieren. Es ist gut, selbstkritisch für sich aufzuschreiben, in welchen Situationen einem der Alkohol fehlt oder wo man Veränderungen gemerkt hat“, sagt Dogs. Diese Beobachtung müsse man auch nicht alleine machen. Der Therapeut regt an, das gemeinsam in der Freundesgruppe zu tun.
Fitter, wacher und konzentrierter ohne Alkohol
Wer auf Alkohol verzichtet, wird positive gesundheitliche Veränderungen feststellen. Dr. Dornbach macht aber deutlich: „In den Laborwerten sieht man das nicht.“ Zumindest bei Personen, die gelegentlich und in geringen Mengen Alkohol konsumieren. „In dem Moment, wo sich bestimmte Laborwerte, welche das auch immer sind, verändern, da sind Sie definitiv schon in Gruppe drei der Abhängigkeitsskala und das ist der pathologische Gebrauch. Da sind Organschäden schon auf makroskopischer Ebene sichtbar“, so Dornbach.
Dass der „Dry January“ dennoch Vorteile mit sich bringt, erkennt der Niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi. „Wer auf Alkohol verzichtet, stärkt das Immunsystem, fördert die Konzentration und schont sein Herz-Kreislaufsystem sowie die Leber. Bereits nach wenigen Wochen des Verzichts von alkoholischen Getränken können positive Wirkungen nachgewiesen werden“, so der Minister in einer Pressemitteilung anlässlich des „Dry Januarys“.
Wenn es nach dem Chefarzt Dornbach geht, könnte der Trend auch länger als vier Wochen andauern. Der Anlass muss nicht immer nur das neue Jahr sein. Wer das vier Wochen mache, werde definitiv einen positiven Effekt sehen. Ähnlich wie bei regelmäßigem Sport – man sei fitter, wacher und konzentrierter. Für den Chefarzt steht fest: „Das sind ganz kleine Details. Die bringen aber langfristig eine Verbesserung des Lebensstils.“
Was motiviert, abstinent zu bleiben?
Abstinent zu sein, setze aber im besten Fall auch voraus, dass man sich mit seinen eingefahrenen Gewohnheitsmustern beschäftigt, sagt Therapeut Dogs. Das sei auch in der Suchttherapie ein wichtiger Faktor. „Da spricht man dann von der Entwöhnungstherapie, um auch zu schauen, wann die Menschen in der Vergangenheit konsumiert haben und welche Situationen davon wieder passieren können. Stichwort Einsamkeit oder Stress“, so Dogs.
Und das sei im Grunde auch die zentrale Frage des „Dry Januarys“: „Was motiviert mich denn, einen Monat lang abstinent zu bleiben? Welche Vorteile habe ich davon?“, sagt der Therapeut. Fragen, die auch in der Behandlung von Alkoholerkrankungen eine Rolle spielen. Immerhin gebe es in Deutschland kein Gesetz, das einem verbietet, Alkohol zu trinken, nur weil man alkoholkrank ist. „Die Frage ist: Was motiviert dich? Daran zu arbeiten, stärkt die Motivation auch langfristig“, sagt Dogs.
Im „Dry January“ wird Werbeverbot für Alkohol gefordert
Im Leben vieler Menschen zeige sich, dass der Konsum von Alkohol normal ist, so Gesundheitsminister Philippi. Den „Dry January“ nimmt er deshalb auch zum Anlass, um eine veränderte Alkoholpolitik zu fordern. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol mache diese Diskussion nicht einfach – „aber wir müssen sie führen“, so Philippi. Er selbst setzt sich daher für ein Werbeverbot von Alkohol ein. „Alkohol darf nicht als alltägliches Getränk verharmlost werden“, so der Gesundheitsminister.
Ein Werbeverbot unterstützen auch der Chefarzt und der Suchttherapeut aus Weener. Mit solch einem Verbot werden zwar keine alkoholabhängige Menschen erreicht. „Die würden ihr letztes Hemd für diese Droge geben“, so Dornbach. Aber bei einem Werbeverbot gehe es um Prävention – gerade bei Jugendlichen. Sein Kollege Dogs fügt hinzu: „Die Frage ist immer, was dieses öffentliche Bild in der Werbung repräsentiert.“ Präsentiert werden vor allem Gefühle wie Zugehörigkeit, Geselligkeit, Belohnung. Die Realität des Alkoholkonsums könne aber auch anders aussehen. Die Nachteile heißen im Zweifel Abhängigkeit, Führerscheinentzug wegen Restalkohol, Probleme am Arbeitsplatz, Probleme in der Beziehung oder gegebenenfalls sogar psychische Probleme. Diese negativen Auswirkungen würden für die meisten Menschen, die Alkohol konsumieren, eine untergeordnete Rolle spielen, findet auch Philippi. „Dabei ist der Konsum von Alkohol einer der größten Risikofaktoren für Herz-, Krebs- und Lebererkrankungen sowie vorzeitige Sterblichkeit“, macht der Minister deutlich.