Einblicke auf Instagram  Auricher teilt Fortschritte mit Beinprothese

Deike Terhorst
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Von Deike Terhorst
| 13.01.2026 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Derzeit braucht Marek Roscher noch Gehhilfen, um mit seiner Prothese sicher stehen zu können. Foto: Marek Roscher/privat
Derzeit braucht Marek Roscher noch Gehhilfen, um mit seiner Prothese sicher stehen zu können. Foto: Marek Roscher/privat
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Vor zehn Jahren verlor Marek Roscher bei einem Motorradunfall sein linkes Bein. Seitdem macht er vielen Menschen über Instagram Mut. Für dieses Jahr hat sich der Auricher etwas Besonderes vorgenommen.

Aurich - Fotos von Urlaubsreisen, Familientreffen und aus dem Fitnessstudio – klingt nach einem ganz normalen Instagram-Profil. So präsentiert sich auch Marek Roscher auf dem sozialen Netzwerk. Doch im Gegensatz zu anderen Fitness-Influencern fehlen dem Auricher Körperteile: Vor fast zehn Jahren verlor er bei einem Motorradunfall sein linkes Bein samt Hüfte. Unterkriegen lässt sich Roscher davon nicht. Wie bereits vor dem Unfall verbringt der 37-Jährige auch heute jede freie Minute im Fitnessstudio. Ein Ziel hat die Sportskanone auch schon wieder im Blick: „Ich möchte alles versuchen, dass ich mit der Prothese am Ende des Jahres ein paar Schritte ohne Krücken machen kann“, schreibt er zum Jahresbeginn auf Instagram. Sein neues Hilfsmittel bekam der Auricher erst vor wenigen Monaten, vorher konnte er nur mit dem Rollstuhl oder Gehhilfen mobil sein.

Grund für diesen Neujahrsvorsatz sind Probleme mit der Wirbelsäule. „Ich merke, dass mein Rücken schlechter wird. Ich sitze immer schief, daher ist mein Gewicht nicht richtig verlagert“, erklärt Roscher. Außerdem müsse er beim Laufen mit den Gehhilfen sein Bein stets in der Mitte des Körpers halten. Dadurch habe sich eine Skoliose gebildet, eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule. Sein straffes Fitnessprogramm ist für Marek Roscher in diesem Fall Fluch und Segen zugleich. „Ohne Sport wäre die Situation wahrscheinlich schon viel schlimmer, andererseits macht er sie auch nicht besser.“ Durch die Arbeit mit der Prothese soll sein Körper nun einen neuen Schwerpunkt finden. Mindestens eine halbe Stunde möchte der Auricher sein neues Hilfsmittel täglich tragen.

„Ich habe nur überlebt, weil ich so trainiert war“

An den Moment, der sein Leben veränderte, kann sich Marek Roscher nicht erinnern. Am 17. Juni 2016 ist er nach Feierabend auf dem Weg zu Freunden und von Aurich in Richtung Middels unterwegs. Auf der schnurgeraden Landstraße kommt ihm ein Auto entgegen, sein Motorrad stößt mit dem Wagen zusammen. Die Unfallursache bleibt auch bei der Gerichtsverhandlung unklar. Details kennt der Auricher selbst nur aus Erzählungen. Er habe die Kontrolle über seine Maschine verloren, heißt es später im Polizeibericht.

Im Fitnessstudio verbringt Marek Roscher viel Zeit. Dieses Foto entstand vor acht Jahren. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
Im Fitnessstudio verbringt Marek Roscher viel Zeit. Dieses Foto entstand vor acht Jahren. Foto: Klaus Ortgies/Archiv

Der Hubschrauber fliegt Marek Roscher erst nach Sande, dann nach Bremen. Im Klinikum Nord kämpfen die Ärzte um sein Leben. Knochenbrüche, Quetschungen, Hirninfarkte – die Liste der Verletzungen ist lang. Der Zusammenstoß hat Roschers linke Körperhälfte nahezu komplett zerstört. Einen Monat liegt er im Koma. „Ich habe nur überlebt, weil ich so trainiert war“, erinnert sich der 37-Jährige. Vor seinem Unfall stemmte er im Fitnessstudio fast täglich Gewichte. Marek Roschers guter Gesundheitszustand war seine Lebensversicherung. Das Bein des jungen Mannes können die Ärzte jedoch nicht retten und amputieren es samt Hüfte.

Zurückgekämpft ins Leben

Noch in der Früh-Reha startet Roscher seinen Instagram-Kanal. Hier spricht der Auricher offen über seinen Schicksalsschlag und gibt Einblicke in sein Leben – inklusive der dazugehörigen Herausforderungen. Inzwischen hat er rund 15.000 Follower. „Manche Leute glauben, ich würde das machen, um berühmt zu werden und Profit aus meiner Geschichte zu schlagen“, sagt er. Seine Motivation sei jedoch eine andere. „Ich möchte andere Menschen motivieren und zeigen, dass das Leben wundervoll ist, egal wie man es bestreitet.“

Marek Roscher selbst arbeitet wieder in seinem alten Job als Maschinenbauingenieur. Sein größtes Ziel sei es stets gewesen, mobil zu sein. „Das hat bisher ganz gut geklappt. Egal, ob mit Rollstuhl und Krücken, beim Autofahren oder auf Reisen.“ Letztere führten Roscher unter anderem nach Mallorca, Kreta, Prag und Paris. „Natürlich würde ich auch gerne in der Schweiz wandern oder so. Das kann ich mir aber abschminken“, sagt der Auricher achselzuckend. Auch allein zu reisen oder Langstreckenflüge durchzustehen, hält Marek Roscher derzeit nicht für möglich: „Im Flugzeug ist es eh schon ungemütlich und ich brauche beim Sitzen immer ein Kissen.“

Anderen Mut machen

Seine erste Beinprothese bekam Roscher kurz nach dem Unfall in der Früh-Reha. Das Problem war allerdings, dass er keinen Beinstumpf hat, an dem die Prothese angeknüpft werden konnte. Doch dann erhielt Marek Roscher eine Nachricht vom Prothesenhersteller Otto Bock. Das Unternehmen aus Duderstadt ist Experte, wenn es darum geht, Prothesen für Menschen ohne Hüfte zu bauen. „Die verfolgen einen ganz anderen Ansatz und ich habe direkt gemerkt, dass die Prothese besser sitzt“, erklärt Roscher. Die neue Prothese drückt den Auricher in eine gerade Position. Dafür sitze sie beinahe so eng wie ein Korsett, sagt er. In seiner wöchentlichen Physiotherapie arbeitet Marek Roscher nun an seinem Gleichgewicht mit der Prothese. Sein Ziel ist es, mit diesem Hilfsmittel länger ohne Gehhilfen stehen zu können. „Noch sind Schritte super unangenehm, aber wenn das Laufen irgendwann auch funktioniert, wäre das natürlich supergeil.“

Roschers – im wahrsten Sinne des Wortes – „Fortschritte“ werden von seinen Followern auf Instagram verfolgt. Und das nicht nur in Deutschland – auch viele US-Amerikaner und Inder folgen dem Auricher. Zur Hälfte handelt es sich dabei um Betroffene, die andere Hälfte sind Angehörige. „Es ist krass, wie viele Leute mein Kanal erreicht. Mich hat zum Beispiel mal eine Frau angeschrieben, deren Freund das gleiche Schicksal ereilt hat“, sagt Marek Roscher stolz. „Sie hat auf meinen Fotos gesehen, dass man auch mit Handicap gut leben kann, und wollte ihrem Partner damit Mut machen.“ Er selbst habe sich nach dem Unfall relativ schnell mit seiner Situation abgefunden, sagt der 37-Jährige nüchtern: „Natürlich vermisse ich mein altes Leben, ich kann es aber nun einmal nicht ändern.“

Barrierefreiheit? Fehlanzeige!

Was Roscher an seinem Leben vor dem Unfall besonders fehlt, ist seine Arbeit. Vor seinem Studium in Emden hat der gelernte Tischler für Tierärzte Fahrzeuge ausgebaut. Als Marek Roscher in seine jetzige Wohnung in der Auricher Innenstadt zog, musste er dabei zusehen, wie ihm andere seine Küche einbauten. „Das ist schon komisch, wenn man als Handwerker einfach dumm danebensteht“, sagt er und lacht. Weitere Herausforderungen seien unter anderem der Toilettengang und die Tatsache, dass in Roschers Alltag fast nichts durchgehend barrierefrei ist. „Klar geben sich alle viel Mühe, aber so richtig klappt es noch nicht.“ Das sei auch der Grund, warum der Auricher seit seinem Unfall weder Bus noch Bahn benutzt hat.

Ein Ausweg könnte auf lange Sicht Marek Roschers neue Prothese sein. Intensiv mit ihr arbeiten konnte er bisher nicht – eine Reha, ein Urlaub und die Feiertage kamen dazwischen. Nun soll es aber endlich losgehen. Bisher hält sich Roscher an seinen Vorsatz und trägt seine Prothese mindestens 30 Minuten am Tag. Viel Geduld und seine größte Erkenntnis aus den letzten zehn Jahren helfen ihm bei dieser neuen Aufgabe: „Man kann sich an alles gewöhnen.“

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