Landwirtschaft  Existenz von Höfen in Ostfriesland in Gefahr

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 10.01.2026 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Landwirte protestieren am Donnerstag, 8. Januar 2026, gegen das geplante Mercosur-Abkommen – mit ihren Traktoren blockieren sie an der Autobahn-Anschlussstelle Brinkum die Auffahrt zur A1 Richtung Hamburg. Foto: Christian Butt/dpa
Landwirte protestieren am Donnerstag, 8. Januar 2026, gegen das geplante Mercosur-Abkommen – mit ihren Traktoren blockieren sie an der Autobahn-Anschlussstelle Brinkum die Auffahrt zur A1 Richtung Hamburg. Foto: Christian Butt/dpa
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Die Sorgen bei den Bauern wegen der niedrigen Erzeugerpreise wachsen. Zudem sorgt das neue EU-Handelsabkommen mit Südamerika für jede Menge Ärger.

Leer/Brüssel - Ostfrieslands Landwirte blicken mit gemischten Gefühlen auf das neue Jahr. „Für die Bauern in der Region sind vor allem die Erzeugerpreise beim Getreide und beim Schweinefleisch kritisch“, erklärt Ostfrieslands Landvolk-Präsident Manfred Tannen. „Es ist unsere große Sorge, dass sich diese Einkommenssituation weiter verschärft.“ Das gelte auch für die derzeit weiter fallenden Milchpreise. „So niedrig wie bei uns sind die Butterpreise in keinem anderen EU-Staat“, sagt Tannen. Nur rund 40 Cent pro Liter bekommen die Milchviehhalter für den letzten Monat.

Preisdruck bei Milch und Fleisch setzt Landwirte unter Druck

„In Deutschland tobt ein Preiskampf um Marktanteile zwischen den Lebensmittelgiganten auf dem Rücken von uns Landwirten.“ Die Monopolkommission bestätige das, politisch müsse das aber sehr viel stärker in den Fokus rücken, fordert Tannen.

Manfred Tannen ist Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland. Er betreibt einen Hof in Bensersiel. Foto: Foto: LHV Ostfriesland
Manfred Tannen ist Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland. Er betreibt einen Hof in Bensersiel. Foto: Foto: LHV Ostfriesland

Zudem seien jetzt die Preise pro Kilogramm Schlachtgewicht Schweinefleisch sogar um 15 Cent auf 1,45 Euro gefallen. „Dieser Erzeugerpreis lag im Jahre 2023 im Durchschnitt bei über 2,20 Euro“, rechnet Tannen vor. „Der aktuelle Preis ist für die Bauern nicht mehr kostendeckend, in keinem Betrieb“, sagt er. Beim Getreide liege der Weizen gerade bei rund 180 Euro pro Tonne – man habe 2022 durchschnittliche Erzeugerpreise von über 300 Euro pro Tonne gehabt. „Die Größenstruktur der Betriebe und deren Flächen ist für die wirtschaftliche Effizienz ein wichtiger Produktionsfaktor. Deshalb haben unsere, hier in Ostfriesland doch eher kleinstrukturierten Betriebe, das Nachsehen gegenüber beispielsweise den ostdeutschen Betrieben. Wir können hier in der Region zu den momentan niedrigen Weltmarktpreisen das Getreide nicht kostendeckend produzieren.“

Freihandelsabkommen sorgt für Unsicherheit bei den Landwirten

Auch deshalb stehe man dem neuen Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten, für das die EU am Freitag, 9. Januar 2026, den Weg freigemacht hat, sehr kritisch gegenüber. Noch einen Tag zuvor hatten Bauern in Norddeutschland gegen das Abkommen demonstriert. Ostfriesische Landwirte haben sich bisher nicht an den Protesten beteiligt. Aber: „Man muss immer damit rechnen, dass auch in Ostfriesland wieder Bauernproteste stattfinden. So ein Abkommen belastet die Stimmung bei uns Landwirten“, sagt Tannen, „auch wenn es Licht und Schatten beim Mercosur Abkommen für uns gibt“.

Mercosur

Die EU hat nach jahrelangen Verhandlungen den Weg für ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten freigemacht. Die Mercosur-Staaten sind Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Die neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern wird nach Angaben der EU-Kommission die weltweit größte dieser Art sein.

Die europäischen Landwirte fürchten durch das Handelsabkommen unverhältnismäßige Konkurrenz durch günstige Importe aus Südamerika. Niedersachsens Landvolk-Vizepräsident Hubertus Berges hat es einmal so erklärt: „Das bedeutet dann für uns Landwirte, dass wir auf unterschiedlich große Tore schießen: Aufgrund der hohen Auflagen, die wir haben, müssen wir sozusagen präzise ein Eishockey-Tor treffen, während wir der südamerikanischen Konkurrenz quasi das ganze Scheunentor als Trefferfläche anbieten.“

„Die Sorge der Bauern ist, dass mit dem Mercosur-Abkommen kostengünstigere Produkte aus Südamerika importiert werden, die nicht zu unseren hohen Umwelt-, Tierwohl- und Sozialstandards produziert worden sind“, erklärt der Landvolk-Präsident. „Der Druck auf unsere Erzeugerpreise, insbesondere im Fleischbereich wird dadurch weiter zunehmen“. Die Bauern in Deutschland müssen strenge Vorschriften einhalten und werden kontrolliert. „Es gibt aber keine vergleichbare Kontrollinstanz, die etwa die Rindermaststandards in Argentinien überprüft und angleicht“, erklärt Tannen. „Wir fragen uns schon, wo da unsere Wettbewerbsfähigkeit bleibt.“

Strukturwandel und fehlende Investitionen bedrohen die Höfe

Der zusätzliche Preisdruck auf den Märkten könnte dazu führen, dass wieder Betriebe in Deutschland aufgeben werden. „Strukturwandel haben wir stetig, aber die Entwicklung unserer Erzeugerpreise ist dabei der wichtigste Faktor zur Be- oder Entschleunigung“, sagt Tannen. Wie viele Betriebe in Ostfriesland auf der Kippe stehen, dazu kann er keine Einschätzung abgeben.

Die EU will im Gegenzug zum Mercosur-Abkommen ab 2028 insgesamt rund 400 Milliarden Euro für die EU-Agrarpolitik und den ländlichen Raum zur Verfügung stellen – etwa 13 Milliarden Euro mehr als derzeit. „Man will den Bauern in der EU mit einer etwas höheren Agrarförderung entgegenkommen. Nach meiner Auffassung ist es aber keine gute Idee, sich die Wettbewerbsfähigkeit im Markt politisch abkaufen zu lassen“, betont Tannen. „Dieser Ausgleich wird nicht gelingen.“

Große Stücke von argentinischem Rindfleisch hängen in einem Geschäft in Sao Paulo. Foto: Cris Faga/ZUMA Wire/dpa
Große Stücke von argentinischem Rindfleisch hängen in einem Geschäft in Sao Paulo. Foto: Cris Faga/ZUMA Wire/dpa

Das mancher von der Qualität des argentinischen Rindfleisches schwärme, liege vor allem daran, „dass das Fleisch auf dem Transportweg per Schiff so gut abgehangen ist“, sagt Tannen. Es habe nichts mit der Qualität der Tierhaltung zu tun. „Wir können unser deutsches Rindfleisch auch wochenlang abhängen lassen, das ist aber mit zusätzlichen Kosten verbunden, weil das Fleisch länger im Kühlhaus verbleibt.“

Verbraucherschutz und Vertrauen in die Politik schwinden

Mercosur sei auch für die Verbraucher kein gutes Abkommen, findet Tannen. „Das ist ein Rückschritt für die Verbrauchertransparenz. Der Käufer kann zwar erkennen, dass das Rindfleisch aus Argentinien kommt, aber nicht, zu welchen Bedingungen es dort produziert worden ist“, erklärt er. „ Auch Verbraucherschützer sollten unter diesen Gesichtspunkten das Abkommen kritischer begleiten“, fordert er.

Gerade bei den Landwirten gehe „immer wieder Vertrauen in die Politik verloren“, sagt Tannen. Dazu trage auch das Mercosur-Abkommen bei. „Dieser Vertrauensverlust ist im Grunde unser größtes Problem, weil dadurch viel Unsicherheit unter den Landwirten herrscht und nötige Zukunftsinvestitionen, etwa in neue Ställe, ausbleiben.“ Man brauche vor allem auch bei den Jungbauern Vertrauen in die Politik, um die eigene Zukunft noch in der Landwirtschaft zu sehen. „Dabei haben politische Rahmenbedingungen oft direkten Einfluss auf unsere Produktionskosten“, sagt Tannen Erste positive Ansätze sehe er in Berlin und in Brüssel durchaus. „Der Umschwung braucht aber eine höhere Geschwindigkeit“, fordert der Landvolk-Präsident. Derzeit baue man in der Tierhaltung Kapazitäten ab. Das habe auch Folgen für den vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft. „Das ist für die Wirtschaftsregion Ostfriesland eine fatale Entwicklung.“

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