Augsburg Göttlich verzückt oder verrückt? Besuch bei Christen, die Deutschland bekehren wollen
„Mit Jesus gegen die Freiheit“ – so kritisiert eine ARD-Doku fromme Christen wie Johannes Hartl. Seine „Mehr“-Konferenz zieht mehr als 11.000 Gläubige an. Wie hip sind die Missionare – und wie gefährlich? Ein Besuch in Augsburg.
Als die Musik intensiv wird, rau und schnell, zieht ein junger Mann mit roten Haaren die Schuhe aus. Er sucht jetzt Erdung. E-Gitarren schrabbeln, das Schlagzeug treibt, um ihn herum wird gesungen und gehüpft und getanzt. Der Rothaarige, vielleicht 20 Jahre alt, singt selbst laut, gibt unverständliche Laute von sich. Ist er göttlich verzückt – oder ein wenig verrückt? Schwer zu sagen, hier auf der „Mehr“-Konferenz zu Jahresbeginn 2026.
Rund 11.000 Menschen sind Anfang Januar für vier Tage nach Augsburg gekommen, um Gottesdienste zu feiern, christliche Lieder zu singen und Vorträge zu hören. Auch im Programm: Speed-Dating und Beichte, Kinderbetreuung und eine Jugend-Lounge. Eintrittspreis, je nach Sitzplatzkategorie: zwischen 135 und 299 Euro. Kindertickets kosten 15 Euro, es gibt auch Tageskarten.
Die „Mehr“-Konferenz ist ein religiöses Happening und eine perfekt inszenierte Kulisse, in der Mitarbeiter Bilder und Videos für Social Media produzieren. Glaube wird hier in die Bildsprache des Internets übersetzt: Begeisterung, Konfetti und Partystimmung, passionierte Redner und ergriffene Betende.
Statt in einer Kirche spielt sich die Verzückung in einer riesigen Messehalle ab. Die Hauptbühne ist 50, 60 Meter breit, LED-Wände und Hunderte Scheinwerfer sorgen für das perfekte Licht. Die Bühne könnte einer Konzertshow dienen. Und das tut sie auch.
Morgens, mittags, abends: Gut aussehende und gut gekleidete Musiker spielen moderne Lobpreislieder. Viele tragen einen Ehering am Finger. Die Lieder sind simpel und kitschig, aber ergreifend. Theologisch eher seicht, aber leicht zu singen. Man könnte sagen, die Musik hat eine bipolare Störung: Sie ist entweder melancholisch oder euphorisch. Ein Lied drückt auf die Tränendrüse, schon liegen junge Menschen betend auf dem Boden. Andere recken die Hände ehrfürchtig in die Höhe, die Augen geschlossen. Das nächste Lied überdreht, wird schnell und rockig. Wieder Hüpfen, Tanzen, Jubeln.
Die Sänger sind Animateure, sie tanzen vor, halten das Publikum in Schach, wiegen ihre Körper ergriffen von links nach rechts. Im Publikum: junge Männer mit Oberlippenbart und Kappe, junge Frauen mit weißen Sportsocken und Sneakern. Andere haben brave Scheitel und Zöpfe und tragen Funktionskleidung.
Einen freundlichen, vertrauensvollen Eindruck erwecken jedenfalls die allermeisten. Das Publikum ist weißer als der deutsche Durchschnitt und jünger. Man sieht viele Eltern mit Kindern. Die meisten jungen Erwachsenen würden dem Anschein nach als Schwiegersohn oder -tochter taugen. Die Älteren würde man, ohne zu zögern, bitten, im Zug mal eben aufs Gepäck aufzupassen.
Johannes Hartl, promovierter Theologe und Philosoph, ist Gründer und Kopf des Augsburger Gebetshauses, das die „Mehr“ ausrichtet. Das Gebetshaus versteht sich als „Kloster der Moderne, in dem die Gegenwart Gottes erfahrbar ist“. Seit 2011 wird dort rund um die Uhr gebetet. Die Mehr-Konferenz ist eine Art Parteitag der Bewegung, zu dem Anhänger aus ganz Deutschland anreisen. Sie findet alle zwei Jahre statt.
Das Gebetshaus steht immer wieder in der Kritik, unter einer zeitgemäßen Pop-Ästhetik eine konservative Moraltheologie zu verbreiten. Innerkirchlich wird bisweilen vor einer sektiererischen Abkapselung gewarnt. Hartl weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Er sieht in der Kritik eine einseitige mediale Skandalisierung, die das ökumenische Anliegen und die positive spirituelle Erfahrung Tausender Gläubiger verkenne.
In einer ARD-Doku hatte kürzlich eine ehemalige Mitarbeiterin eine „toxische Spiritualität“ am Gebetshaus und emotionale Überwältigung kritisiert. Hartl spricht von „Verleumdung“. Der Titel der Doku, „Hippe Missionare“, wird auf der „Mehr“ zum Running Gag.
Messehalle 7. Das Gebetshaus verkauft an seinem Stand Poster und Bücher, CDs und Kleidung. Auch um regelmäßige Spenden wird geworben, ebenso um Teilnehmer für die zehnmonatige „Jüngerschaftsschule“.
Ebenfalls mit Messeständen vertreten: Kunstgalerien, christliche Schulen, Architekturbüros, Coaches, Medien. Das evangelikale Netzwerk „Open Doors“ auf der „Mehr“ erinnert an die schwierige Lage iranischer Christen – inklusive spontanem Gruppengebet nach dem Infofilm.
Evangelische Landeskirchen oder katholische Bistümer finden sich hier nicht, auch nicht Diakonie, Caritas oder große Hilfswerke wie Adveniat oder Brot für die Welt. Ohnehin hält der Großteil der deutschen Amtskirchen eher Abstand zum Gebetshaus. Trotzdem feiern der sächsische evangelische Landesbischof und der katholische Bischof von Augsburg hier Gottesdienste.
Dienstag, 16 Uhr. In der „Zimzum“-Lounge ist die Popcorn-Maschine leer. Trotzdem startet das Programm für junge Menschen zwischen 13 und 25 Jahren. Lobpreis-Musik mit Gitarre, ein paar Jugendliche singen mit. Kurz darauf führen zwei junge Erwachsene auf der Bühne ein Gespräch. Erste Frage: „Du bist Missionar, was heißt das eigentlich?“ Ein paar Teenager hören zu, andere quatschen.
Überhaupt: Mission. Im Schlussvortrag auf der „Mehr“ predigt Hartl, dem auf Instagram mehr als 120.000 Menschen folgen, über eine „kommende Revolution“. Er spricht über den Pergamon-Altar und Albert Speers Zeppelin-Tribüne in Nürnberg. Hartl, weißes T-Shirt, grüner Anzug, Sneaker, zitiert Ernst Jünger und C.S. Lewis, den christlichen Autor der Chroniken von Narnia. Am Ende sagt er eine kommende Welle der Bekehrung für Deutschland voraus.
„Gott, zieh’ Hunderttausende Menschen, die dich noch nicht kennen, an dein Herz!“, ruft Hartl. Die Menge streckt die Hände aus und jubelt. Der Vortrag endet, Hartl verlässt die Bühne, die Musik übernimmt. Bald tanzen und hüpfen die Teilnehmer wieder.
Gott lässt sich kaum bebildern, aber die „Mehr“ ist eine Bildmaschine, die fortan Videos und Fotos produziert – für die Leinwände in der Halle und für die Sozialen Medien. Kamerafahrten über das Publikum. Nahaufnahmen von der Klaviertastatur. Musiker, die mit geschlossenen Augen ergriffen lächeln.
Auch persönliche Momente werden gefilmt: Menschen beim Empfang der Kommunion. Ein Priester segnet einen Mann, die Kamera umkreist sie. Tausende erleben den intimen Moment auf den Bildschirmen live mit. Als „Mehr“-Chef Hartl während der Austeilung der Kommunion kniet, macht ein Fotograf mit dem Handy ein Bild. In den offiziellen Pressebildern der „Mehr“-Maschine taucht das Material später nicht auf.
Kleine Patzer passieren aber auch dieser gut geölten Medienmaschine: Beim katholischen und beim evangelischen Gottesdienst wird das Glaubensbekenntnis, das alle sprechen, auf Bildschirmen eingeblendet. Beide Male fehlt die Zeile: „Empfangen durch den Heiligen Geist“. Die evangelische Gottesdienstgemeinde bringt das kurz ins Wanken, die Katholiken sprechen den fehlenden Satz routiniert mit. Geübt ist geübt.
Am letzten Abend läuft wieder Lobpreismusik, die Halle tobt, es sind euphorische Minuten. Genau jetzt, nach diesem emotionalen Höhepunkt, kommt Hartl auf die Bühne – und spricht über Geld. Er rechtfertigt die hohen Ticketpreise: Die Konferenz trage sich gerade so. Dann wird zur Kollekte aufgerufen.
Während eine Frau davon singt, bei Gott zu wohnen, zeigen Leinwände einen QR-Code für Online-Spenden. Standardmäßig werden unter dem Link 55 Euro als Spende vorgeschlagen. Mitarbeiter halten EC-Geräte in die Höhe. Man könnte über Mietzahlungen für die Wohnung in Gottes Haus spotten, weil solch offensives Fundraising in deutschen Kirchen ungewöhnlich ist. Aber das Gebetshaus erhält – wie auch freikirchliche Gemeinden – keine Kirchensteuermittel.
Dann wieder Vortrag von Hartl. Er spricht über Leistungsgesellschaft und Work-Life-Balance, zitiert Nietzsche. Am Ende geht es um die bedingungslose Liebe Gottes für den Einzelnen. Hartl: „Love Works“. Ein gesellschaftlicher Aufhänger, einige Prisen intellektuelles Gewürz, viele Bibelzitate: Hartls Vorträge sind performativ gut und hinterlassen ein wohliges Gefühl, die Pointen sind christliches Allgemeingut. „Mit Jesus gegen die Freiheit“, wie die ARD meint? Hier auf der Bühne hört man es nicht.
Nach vier Tagen endet die „Mehr“. Im Video eines frommen TV-Senders wird Hartl nach seinem Höhepunkt auf der Konferenz gefragt. Ohne nachzudenken, antwortet Missionar Hartl, das sei die Begegnung mit einem Security-Mitarbeiter gewesen.
Der Mann, „so’n großer stämmiger Typ“, habe ihm anvertraut, dass er hier in Augsburg soeben zum Glauben gefunden habe.