Osnabrück Wird Legos neuer Smart Brick ein Fantasiekiller für unsere Kinder?
Lego bringt den neuen Smart Brick auf den Markt – mit Sensoren, Sounds und Licht. Das Unternehmen nennt den „klugen Stein“ die größte Innovation seit der Minifigur Ende der 70er Jahre. Ich sehe in ihm einen Kreativitätskiller. Warum der neue Smart Brick zwar beeindruckend, aber ein Problem fürs Spielen ist.
Es ist Winter 1992, irgendwo im verschneiten Emsland. Mein bester Kumpel und ich sitzen nach Weihnachten auf ausgebreiteten Decken im Wohnzimmer. Um uns herum türmen sich Legosteine. Wir bauen ein großes Raumschiff-Set zusammen, das einer von uns geschenkt bekommen hat. Wir bauen und spielen stundenlang.
Wir denken uns Namen für die Besatzung aus, diskutieren, wer der Captain ist, wer der Mechaniker, wer der Bösewicht. Wir machen Lasergeräusche – pew, pew –, mal wie bei Captain Future, mal wie bei Star Wars. Das Raumschiff stürzt ab, wird repariert, hebt wieder ab. Niemand erklärt uns, wie das Spiel zu funktionieren hat. Wir entscheiden das selbst und sind in unserer eigenen Welt.
So ging das jahrelang. Lego war das Spielzeug unserer Kindheit.
Mehr als 30 Jahre später sitze ich wieder auf dem Boden. Weihnachten 2025. Ich bin 41, Vater von zwei Töchtern. Wieder liegen Decken im Wohnzimmer (so sind die Legosteine leichter einzusammeln), wieder verteilen sich Steine überall, wieder verlieren wir völlig das Zeitgefühl. Wir bauen und spielen zusammen.
Ich freue mich, dass meine Kinder so viel Begeisterung für dieses Spielzeug haben, das mich selbst geprägt hat. Und ich merke: Wie viele meiner Altersgenossen bin ich ein AFOL geworden – ein „Adult Fan of Lego“. Damit sind erwachsene Fans der Klemmbausteine gemeint, die ihr Kinderspielzeug als Erwachsene wiederentdecken (und eine zahlungskräftige Klientel sind).
Dass Lego heute wieder so präsent ist, liegt auch daran, dass der Konzern nach seiner Krise Anfang der 2000er-Jahre viel richtig gemacht hat. Rückbesinnung auf klassische Bausteine, weniger Wildwuchs, dafür starke Marken. Star Wars, Harry Potter, Minecraft. Gerade Star Wars – da kriegt man mich. Und viele meiner Freunde von früher gleich mit.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum der heute größte Spielzeughersteller der Welt seine neueste Innovation zuerst im Star-Wars-Franchise platziert. Der sogenannte neue Smart Brick wurde Anfang der Woche auf der CES 2026 vorgestellt, ab dem 9. Januar lassen sich die ersten Sets vorbestellen. Auf der Homepage läuft dazu ein Countdown. Ein eindeutiges Zeichen, welchen Andrang Lego erwartet. Das Unternehmen spricht von der größten Innovation seit Einführung der Minifigur in den 1970er-Jahren.
Die Idee dahinter ist erst einmal faszinierend. Der Smart Brick hat exakt die Maße eines normalen Lego-Steins (4x2). Er funktioniert ohne Smartphone, ohne Tablet, ohne dauerhaften Bildschirm. Das gefällt mir sehr.
Eine zusätzliche kleine Platte, das sogenannte Smart Tag, gibt dem Stein vor, welche Rolle er gerade einnimmt – etwa Raumschiff oder Fahrzeug. Ein kurzes Schütteln genügt, um ihn zu aktivieren. Danach reagiert er auf Bewegungen: Steigflug, Kurven, Loopings. Lichter und Sounds passen sich an. Selbst ein leichtes Anpusten erkennt der Stein. Für Eltern gibt es optional eine App, etwa um Lautstärke oder Spieldauer zu regulieren. Der Akku hält laut Lego rund eine Stunde.
Als Vater und Technikinteressierter (und AFOL) verstehe ich sehr gut, warum Lego diesen Weg geht. Dass ein Stein in dieser Größe Bewegungen, Lage, Nähe und sogar Luft registriert, ist beeindruckend. Vor allem der Verzicht auf einen permanenten Bildschirm ist eine wohltuende Entscheidung in einer Zeit, in der Spielzeug oft nur noch mit App existiert.
Und trotzdem kippte meine Begeisterung recht schnell als klar wurde: Diese Revolution ist vor allem teuer. Die Smart-Brick-Sets starten bei rund 70 Euro und gehen bis 160 Euro – für maximal 960 Teile (16 Cent pro Stein). Das ist kein Spielzeugpreis. Das ist Sammler- und Erwachsenenpreis. Kein Kind spart sich das vom Taschengeld zusammen.
Zum Vergleich: Der riesige Star-Wars-Sternenzerstörer von Lego-Konkurrent und China-Klemmbaustein-Hersteller Mould King kostet 300 Euro – für knapp 12.000 Teile (2,5 Cent pro Stein).
Außerdem frage ich mich, was dieser „kluge“ Stein mit der Fantasie der Kinder macht – ob er sie nicht einfach killt. Der Smart Brick nimmt einem alles ab, was Lego für mich ausmacht. Er sagt, wann geflogen wird. Er macht die Geräusche. Er interpretiert die Bewegung. Und damit wird aus dem freien Spiel ein geführtes Erlebnis. Man baut kein Auto mehr und macht brumm, brumm – der Stein macht das Geräusch, also baut man ein Auto.
Das ist bequem. Und es ist ein bisschen traurig.
Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht ist das der klassische „Früher-war-alles-besser“-Reflex eines 41-jährigen Vaters. Aber für mich fühlt sich das falsch an. Die „klugen Steine“ machen das, was künstliche „Intelligenzen“ gerade überall machen: bei der Arbeit, im Alltag – und nun auch im Kinderzimmer. Sie nehmen uns etwas ab, und damit auch etwas weg.