Hamburg  Warum gierige Boomer nicht das Problem mit der Rente sind – ein Essay

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 08.01.2026 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Rente wird immer teurer, während es den Rentnern immer schlechter geht: Wie kann das sein? Foto: dpa/picture-alliance
Die Rente wird immer teurer, während es den Rentnern immer schlechter geht: Wie kann das sein? Foto: dpa/picture-alliance
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Es ist ein Kreuz mit der Rente. Während es Rentnern immer schlechter geht, ächzt die arbeitende Bevölkerung unter den Beiträgen. Wie kann es sein, dass ein so wichtiges System gleichzeitig teurer und schlechter wird?

Wer die öffentliche Debatte über die Rente verfolgt, bekommt immer wieder eine These vorgesetzt: Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentner versorgen. Das bedeutet, dass die Kosten für das System steigen. Rund ein Viertel des Bundeshaushalts (127,8 Milliarden Euro) fließen schon jetzt an die Rentenkasse. Seit Jahren die größte Ausgabe im Etat. Auch die Beiträge, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils zur Hälfte bezahlen, werden in Zukunft steigen. Seit 2018 liegt der Beitragssatz zwar bei 18,6 Prozent des Bruttolohns, aber wird laut Zahlen der Rentenversicherung in den kommenden Jahren teils heftig anziehen. Demnach wird der Beitragssatz 2031 auf den Rekord von 20,6 Prozent anziehen und bis 2040 auf 21,2 Prozent weiterwachsen. Fressen die „gierigen Boomer“ dem Rest des Landes also die Haare vom Kopf, wie manch Aussage von konservativen Jungpolitikern vermuten lässt?

Wohl kaum. Gleichzeitig gibt es nämlich auch immer mehr ältere Menschen, die mit der Rente nicht auskommen. So berichten etwa die Tafeln immer wieder über die Massen von Senioren, die bei ihren Essensausgaben für Bedürftige Schlange stehen. Auch Rentner, die Mülleimer nach Pfandflaschen durchsuchen, sind mittlerweile ein allgegenwärtiger Teil des Stadtbildes.

Laut dem jährlichen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind mehr als 19 Prozent der über 65-Jährigen von Armut betroffen, haben also weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens. Das ist fast ein Viertel mehr, als in der Gesamtbevölkerung. Seit 2003 hat sich außerdem die Zahl der Rentner, die nicht ohne zusätzliche Sozialhilfe auskommen, deutlich erhöht. Obwohl die Zahl der Euros, die sie jeden Monat bekommen, steigt, geht es den Rentnern also immer schlechter. Ein Umstand, den die Bundesregierung durch die längere Festschreibung des Rentenniveaus kaum gelindert hat. Wie geht die wachsende Altersarmut mit den steigenden Ausgaben zusammen?

Die Ausgaben für die Rente müssen erwirtschaftet werden, bevor sie verteilt werden können. Das Rentensystem finanziert sich hauptsächlich über Beiträge, deren Aufkommen vor allem von den gezahlten Löhnen abhängt. Diese finanzieren sich wiederum aus den Einnahmen der Unternehmen, also den in Deutschland verkauften Waren und Dienstleistungen. Letztere Größe wird vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Ein Teil des BIP fließt als Lohn zurück an die Arbeitnehmer, die die Waren produziert und die Dienstleistungen ausgeführt haben. Die Arbeitnehmer geben wiederum einen Teil ihres Lohnes als Beiträge an die Rentenversicherung, die sie an die Rentner weitergibt. Im Gegenzug bekommen die Arbeitnehmer dann später selbst eine Rente. Zumindest am Anfang der Kette gibt es kein Problem. Das BIP pro Kopf hat sich seit 1991 fast verdreifacht. Wo ist das ganze Geld geblieben?

Nicht in den Löhnen. Wenn man das BIP pro Kopf und die Durchschnittsbruttolöhne inflationsbereinigt und nebeneinanderlegt, fällt auf: Die Löhne liegen noch ungefähr auf dem Niveau von 1991. Vom Wohlstand, den die Deutschen mit ihrer Arbeit schaffen, kommt also ein kleinerer Teil bei ihnen an, als damals. Der Topf, aus dem die Renten finanziert werden, ist also kleiner geworden, während Unternehmen mehr Geld für Gewinne und Dividenden haben. Der Kuchen ist also weitergewachsen, während das Stück des Durchschnittsdeutschen gleich groß geblieben ist. Da die Löhne maßgeblich für die Finanzierung der Rente verantwortlich sind, bleibt also weniger Geld in der Rentenkasse.

Noch deutlicher wird die Lage, wenn wir die Standardrente, also die Bezüge, die aus 45 Jahren mit durchschnittlichem Verdienst resultieren, hinzunehmen. Die Standardrente liegt nämlich sogar unter dem Niveau von 1991. Hinzukommt: Obwohl die Zahl der Rentner steigt, sind die Beitragssätze seit 2018 stabil bei 18,6 Prozent. Da auch die Reallöhne ungefähr gleich geblieben sind, wird das gleiche Geld auf mehr Leute verteilt. Für jeden Einzelnen bleibt also weniger. Wären die Löhne im Gleichschritt mit der Gesamtwirtschaft gestiegen, wäre hingegen deutlich mehr Geld in der Rentenkasse. Doch auch beim Übergang von den Löhnen zur Rente geht mehr verloren, als früher. 

Denn obwohl die Zahl der Rentner steigt, ist der Beitragssatz mit 18,6 Prozent relativ niedrig. Seit 1991 gab es nur zwei Jahre, in denen er unter dem heutigen Niveau lag. In 24 dieser Jahre lag er darüber. Grund dafür sind die Rentenreformen Anfang des Jahrtausends, bei denen relativ rabiat gespart wurde. Etwa mit der Heraufsetzung des Renteneintrittsalters und einer deutlichen Senkung des Rentenniveaus auf das aktuell festgeschriebene Niveau von 48 Prozent. Diese Reformen waren so energisch, dass sie die wachsende Anzahl von Rentnern mehr als ausgeglichen haben. Der Anteil der Rentenausgaben am BIP ist nämlich seit 1991 zurückgegangen. Doch auf der anderen Seite sind diese Reformen auch mindestens mit für die eingangs beschriebene Altersarmut verantwortlich. 

Der eingangs geschilderte Eindruck, dass die Gesellschaft unter den Kosten für die Rente einbricht, ist also falsch, denn der gesellschaftliche Wohlstand wächst schneller, als die Rentenausgaben. Oder anders gesagt: Es ist genug Geld da, um eine auskömmliche Rente für alle zu zahlen. Die Frage ist nur, wer es bekommt. 

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