AfD  Anja Arndt und Elon Musk – vereint in der Verschwörung

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 05.01.2026 16:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Facebook ist für die AfD weiterhin ein wichtiger Kommunikationskanal. Den nutzt auch die in Nortmoor wohnende AfD-Europaabgeordnete Anja Arndt. DPA-Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand
Facebook ist für die AfD weiterhin ein wichtiger Kommunikationskanal. Den nutzt auch die in Nortmoor wohnende AfD-Europaabgeordnete Anja Arndt. DPA-Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand
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Anja Arndt und Elon Musk haben eine Sache gemeinsam: Beide verbreiten die rechtsextreme Verschwörung vom „großen Austausch“.

Nortmoor/Brüssel - „Europa kippt“ steht auf der Fotokachel auf Facebook. Darunter das Bild von Elon Musk und ein zitierter Tweet von der Plattform X (vorher: Twitter) des Amerikaners. In dem Tweet schrieb Musk: „73% of children in Brussels, the capitol of Europe, are not European! The Great Replacement has already happened!“ (deutsch: „73 % der Kinder in Brüssel, der Hauptstadt Europas, sind keine Europäer! Der große Austausch hat bereits stattgefunden!“).

Geteilt hat diese Fotokachel die Nortmoorerin Anja Arndt, Europa-Abgeordnete der AfD. Ihr Beitrag zum Foto beginnt so: „Der erfolgreichste Unternehmer der Welt, Elon Musk, spricht aus, was politische Eliten in Europa mit aller Macht zu unterdrücken versuchen. Seine Aussage zu Brüssel stützt sich auf offizielle Statistikdaten: Rund 73 Prozent der Kinder in der EU-Hauptstadt haben keinen europäischen Hintergrund mehr. Und Brüssel ist längst kein Einzelfall.“ Die Aussage, der Anja Arndt – denn die Fotokachel kommt von ihr beziehungsweise ihren Mitarbeitern – hier zustimmt, ist eine zutiefst rechtsextreme Verschwörungstheorie.

Was ist der „Große Austausch“?

Elon Musk redet in seinem Tweet nämlich nicht nur über Bevölkerungszahlen, die schnell zu erklären sind, sondern er redet vom „großen Austausch“. Eine Formulierung, der Anja Arndt ganz allgemein zustimmt – auch wenn sie selbst diese Worte im gesamten Beitrag nicht verwendet.

Die Bezeichnung „der große Austausch“ bezieht sich auf eine Verschwörungsideologie, die in der extremen Rechten seit einigen Jahren sehr beliebt ist. Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst den Kern dieser Ideologie so zusammen: „Das sogenannte deutsche, als homogen, weiß und christlich imaginierte Volk würde gezielt ausgetauscht und durch Migrant*innen und deren Nachkommen ersetzt. So wird behauptet, ‚richtige‘ Deutsche würden zu wenige Kinder bekommen, Menschen mit einer familiären Migrationsgeschichte hingegen zu viele. Das gekoppelt mit Einwanderung würde den Untergang der Deutschen bedeuten. Untrennbar miteinander verbunden sind in dieser Erzählung die Themen Geburten und Migration. Der Verschwörung nach würden Migrationsbewegungen von ‚geheimen Eliten‘ – meist jüdisch imaginiert – im Verborgenen gesteuert, um das jeweils eigene Volk auszulöschen.“ Als Migrant wird dabei nur gesehen, wer aus dem sogenannten „Globalen Süden“ stammt. Weiße Menschen mit Migrationshintergrund sind hier explizit ausgenommen.

Was ist an der Ideologie rechtsextrem?

Der „große Austausch“ vermischt Antisemitismus und rechtsextremes Freund-Feind-Denken miteinander. „Menschen werden in fixe Kategorien eingeteilt: Die einen sind gewollt, die anderen ungewollt“, so die Bundeszentrale. Diese Haltung wird in logischer Konsequenz so weitergedacht, wie die Bundeszentrale es beschreibt: „So werden Menschen, denen eine Einwanderungsgeschichte zugeschrieben wird – ähnlich wie zur Hochphase des Kolonialismus – den als tatsächlich als deutsch Betrachteten gegenübergestellt: Auf der einen Seite das Unzivilisierte, Unkontrollierbare, auf der anderen Seite die geordnete, zu schützende Kulturnation.“

Anja Arndt zeichnet in ihrem Beitrag genau dieses Bild: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund setzt sie gleich mit mehr Gewalt, mehr Kriminalität und kollabierenden Sozialsystemen. Sie nährt das Feindbild der bösen, meist männlichen Migranten, die nicht aus Europa stammen. Eine Kommentatorin unter dem Beitrag von Arndt bringt genau das auf den Punkt. Darauf hingewiesen, dass Musk gebürtiger Südafrikaner ist, schreibt die gebürtige Wittmunderin: „Der [gemeint ist Elon Musk, Anm. d. Red.] sehr erfolgreich ist, er ist Weißer.“ In einem weiteren Posting schreibt die Frau: „Ja mache ich [es an der Hautfarbe festmachen; Anm. d. Red.] die Weißen haben dass meiste erfunden ,oder gibt es einen Muslimischen Nobelpreisträger???Die letzten hundert Jahre haben Erfindungen von Weißen den Fortschritt gebracht. Islam heißt Rückschritt.“ (Alle Fehler im Original). Hier sei angemerkt: Es gibt mehrere muslimische Nobelpreisträger, aber die Kommentatorin macht den Glauben an der Hautfarbe fest. Wie rassistisch die Denke ist, zeigen die Zitate eindrücklich.

Wie kommt Musk auf die Zahlen?

Belgien und speziell Brüssel werden immer wieder von der Neuen Rechten als Beispiel für den angeblichen „großen Austausch“ herangezogen. Im konkreten Fall spricht Musk davon, dass 73 Prozent aller Kinder in Brüssel nicht europäisch seien. Diese Zahl hat Musk nur weiterverbreitet, geäußert hat sie zunächst Mario Nawfal. Die New York Times schreibt über ihn: „Niemand hat in den letzten Jahren mehr Online-Interaktion vom reichsten Mann der Welt erhalten als Herr Nawfal, ein babygesichtiger libanesisch-australischer Influencer und Unternehmer, der in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebt.“ Im Jahr 2022 verschob Nawfal seinen Fokus weg von Finanzen und Kryptowährungen hin zu politischen Themen und vor allem zur extremen Rechten. Seitdem verdient Nawfal sein Geld vor allem mit Medien, als Host von Debattenformaten mit einem klar rechten Schwerpunkt und ähnlichen Unternehmungen.

Wie setzt sich die Bevölkerung in Brüssel zusammen?

Was sich nicht verändert hat: Musk verbreitet Meldungen von Nawfal regelmäßig und häufig. So auch im Fall der „73 Prozent“. Doch stimmt die Zahl? Laut dem belgischen Statistikamt lebten Anfang 2025 in der Region Brüssel knapp 269.000 Kinder zwischen 0 und 17 Jahren. Davon waren rund 158.000 nicht-belgischer Herkunft, also knapp 59 Prozent. Recht weit entfernt von den besagten 73 Prozent. Wenn man alle Nicht-Belgier (knapp 83.000) in der Altersgruppe mit einbezieht, kommt man ebenfalls nicht auf 73 Prozent. Dann liegt man sogar drüber. Außerdem zählen zu Belgiern mit ausländischer Herkunft auch Kinder, bei denen ein Elternteil belgisch ist, das andere Elternteil aber eine andere Staatsangehörigkeit bei der Geburt des Kindes hatte.

Tatsächlich spricht Musk ja davon, dass 73 Prozent der Kinder nicht-europäischer Herkunft seien. Dazu lassen sich aber keine validen Zahlen in den Datenbanken des Statistikamtes finden. Anders bei der gesamten Bevölkerung: Rund 365.000 der rund 513.000 in Brüssel lebenden Belgier mit Migrationshintergrund haben eine nicht-europäische Herkunft. In der Stadt leben insgesamt rund 1,26 Millionen Menschen. Der Anteil der „belgischen Nicht-Europäer“ liegt damit bei ungefähr 29 Prozent. Auf die genannten 73 Prozent zu kommen, war von dieser Zeitung nicht nachvollziehbar.

Was sagt Anja Arndt?

Anja Arndt reagierte nicht auf eine Anfrage dieser Zeitung zu dem Facebook-Beitrag, der auch auf der Seite des Kreisverbandes Ostfriesland der AfD geteilt wurde.

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