Familiengeschichte  So lebt das Friedeburger Wolfsrudel wirklich

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 05.01.2026 18:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wölfe laufen im Wildpark Schorfheide (Brandenburg) durchs Gehege. Foto: Soeren Stache/dpa/Archiv
Wölfe laufen im Wildpark Schorfheide (Brandenburg) durchs Gehege. Foto: Soeren Stache/dpa/Archiv
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Das Friedeburger Wolfsrudel ändert sich stetig: Neue Tiere werden geboren, andere sterben im Straßenverkehr. Oder an einer Kugel. Was wir über die Tiere wissen. Oder zu wissen glauben.

Friedeburg - Nach wie vor lebt das einzige bestätigte Wolfsrudel Ostfrieslands in der Gemeinde Friedeburg im Landkreis Wittmund. Seit 2021 gibt es dort Wölfe, erst als Paar, dann als Rudel. Es ist dort heimisch geworden. Das Rudel beschäftigt seitdem aber auch Landwirte, Tierschützer, Behörden, Jäger, Gerichte – und in nicht ganz unerheblichem Maße auch die Bevölkerung. Es gibt viele gerissene Rinder und Schafe. Und es gab Abschussgenehmigungen, die wieder gekippt wurden.

Doch was wissen wir über die Tiere selbst? Tatsächlich ist das Friedeburger Rudel kein fester Verband mit den immer gleichen Individuen – außerdem ist es mal größer und mal kleiner. Eine Auswertung öffentlich einsehbarer Datenbanken ergibt eine wechselvolle Geschichte von Partnerschaft, Geburt und Tod, Zuwanderung und Jagdverhalten. Es gibt auch Fotos, doch sind die dieser Zeitung nicht zugänglich.

Das Friedeburger Rudel – die Quellen

Die Wiederansiedlung des Wolfs in Deutschland wird von den Behörden scharf beobachtet, die Entwicklung der Population penibel dokumentiert. Individuen werden – wenn möglich – per DNA-Analyse aus Kot, Haaren oder von den Wunden gerissener Nutztiere ermittelt. Viele dieser Daten sind öffentlich einsehbar. Da ist das offizielle Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft Niedersachsen, das Hin- und Nachweise zu einzelnen Tieren und Rudeln sammelt und auf diese Weise den Überblick über den Bestand der Raubtiere hat. Dann gibt es die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), die im Grunde alle Details über alle Wölfe bundesweit sammelt – auch über die tot gefundenen Tiere. Hier ist auch nachzulesen, woran die Wölfe jeweils starben.

Auf dem Umweltkartenserver des niedersächsischen Umweltministeriums wiederum kann man nachlesen, wo Nutztiere wie Rinder, Schafe oder Pferde von Wölfen angegriffen wurden. Oft wird sogar vermerkt, welches individuelle Raubtier der Täter war. Und dann ist auch die jüngste Ausnahmegenehmigung des Landkreises Wittmund zum Abschuss eines Wolfes vom November 2025 interessant; sie gibt erstaunlich detailreich Aufschluss über die Familienverhältnisse innerhalb des Rudels. Diese Geschichte über das Friedeburger Rudel basiert auf all diesen Quellen.

Das Friedeburger Rudel – der Ursprung

Los ging es im Monitoringjahr 2021/2022. Diese Zeitangabe ist eine Besonderheit: Für die Beobachtung der Wolfspopulation wird kein Kalenderjahr herangezogen, sondern ein sogenanntes Monitoringjahr. Das reicht stets vom 1. Mai eines Jahres bis zum 30. April des Folgejahres. Dieser Zeitraum umfasst einen Fortpflanzungszyklus, also etwa von der Geburt der Jungtiere bis zu deren erstem Lebensjahr. Im Monitoringjahr 2021/2022 also führt die Landesjägerschaft Niedersachsen das erste Mal ein bestätigtes Wolfspaar auf der ostfriesischen Halbinsel. Es sind der Rüde GW2888m und die Fähe GW1598f. Sie sind die Begründer des Friedeburger Rudels. Wo sie herkamen? Die öffentlich einsehbaren Quellen geben dazu keine Auskunft.

2022 gab‘s den ersten Nachwuchs (zwei Welpen), 2023 den nächsten (vier Welpen). Die Eltern waren immer dieselben. Im Oktober 2023 gab es den ersten offiziell bekannten Todesfall: Ein männlicher Welpe aus dem Rudel kam im Landkreis Aurich bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Wenige Monate später, im Mai 2024, wurde ein männliches Tier aus dem Rudel tot aus einem Graben im Landkreis Wittmund gezogen. Illegal getötet, wie eine Untersuchung des Kadavers später ergab, genauer: erschossen.

Im Monitoringjahr 2024/2025 wird die Sache dann etwas unübersichtlicher: Welpen sind für diese Zeit offiziell nicht nachgewiesen. Das Rudel bestand aus erwachsenen und halb erwachsenen Tieren. Zwar ist GW1598f noch immer die Mutter des Ganzen, doch ihr Partner GW2888m ist weg. Und taucht auch nicht wieder auf, in keiner der einsehbaren öffentlichen Quellen. Weder bei den Nutztierrissen noch bei den Totfunden auf den DBBW-Listen. Es bleibt der Fantasie überlassen, was mit ihm geschah.

Das Friedeburger Rudel – die aktuelle Familie

Doch die Lücke wurde offenbar schnell gefüllt. Der Rüde GW3824m, ursprünglich aus Belgien stammend, machte sich 2024 auf den Weg an die ostfriesische Nordseeküste. Im Sommer 2024 geriet er kurzzeitig bundesweit in den Fokus der Medien, als „Norderneyer Wolf“. Eine Fotofalle auf der Insel hatte den jungen Rüden aufgenommen. Tatsächlich überquerte der Rüde das Watt zwischen Festland und Insel gleich mehrfach. Im Spätsommer verschwand er dann aus dem öffentlichen Fokus.

Im Nachhinein wurde klar: Er kam nicht weit. Am 31. Dezember 2024 wurde er das erste Mal im Umfeld des Friedeburger Rudels nachgewiesen. Und sorgte offenbar schnell für Nachwuchs. Im Frühjahr 2025 wurden der neue Rüde GW3824m und die alte Fähe GW1598f nachweislich Eltern mindestens eines weiblichen Welpen.

Möglicherweise gab es seitdem aber auch schon wieder einen Wechsel, denn in der Wittmunder Kreisverwaltung geht man davon aus, dass GW3824m sich zum Ende des Jahres 2025 mit einer anderen Fähe aus dem Rudel zusammengetan hat: mit GW4780f, einer Tochter der beiden ursprünglichen Elterntiere. Die ursprüngliche Mutter, GW1598f, wird aktuell gar nicht mehr als Rudelmitglied geführt. Auch ihr Verbleib ist unklar. Aktuell scheint das neue Rudel aus sechs Tieren zu bestehen: zwei erwachsenen Wölfen und vier Welpen.

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