Osnabrück Osnabrücker Unternehmer investieren in Afrika – ohne selbst Geld zu verdienen
Osnabrücker Unternehmer investieren in Afrika. Sie schauen dabei nicht auf ihren Profit, sondern leisten effiziente Entwicklungshilfe. Es geht um Schokolade, Hautcreme, Pillen-Drohnen – und ganz viel Hoffnung.
Das Unternehmen heißt Fair Equity. Übersetzt: Fairness und Gerechtigkeit. Oder auch: Faires Eigenkapital. Ein Jahr ist es her, dass der Osnabrücker Unternehmer Karsten Wulf zusammen mit drei anderen Unternehmern aus der Region die Fair Equity GmbH gegründet hat. Der Unternehmenszweck: Geld in junge Unternehmen in Afrika investieren, damit es den Menschen dort besser geht. Das erste Jahr ist um, das erste Geld ist investiert.
Die Fair-Equity-Gründer haben 2025 den Kontinent bereist und sich Start ups vor Ort angeschaut, die das Zeug haben, groß herauszukommen. Ein Ziel der Reise: MedPharma in Ghana.
In Ghana und vielen afrikanischen Ländern ist der Zugang zur Medizin stark eingeschränkt. Die Kosten sind hoch, Medikamente fehlen, digitale Patientenakten gibt es nicht, und ein Arzt muss sich um bis zu 13.000 Patienten kümmern.
Die MedPharma-Gründer bieten eine Lösung an. Sie bauen ein digitales Gesundheitsnetzwerk auf, das Patienten mit Ärztinnen, Apotheken und Versicherungen verbindet. Über App, Web und KI-Chatbot erhalten Menschen Zugang zu Videosprechstunden, Diagnostik und Heilmitteln. Die Medikamentenlieferung gehört dazu, manchmal sogar per Drohne bis an die Haustür.
Mit über 500 Partnern vor Ort schaffe MedPharma eine verlässliche, bezahlbare und nahtlose Gesundheitsversorgung für Millionen Menschen in Ghana, berichtet Karsten Wulf. Die Eigenkapitalspritze von 250.000 Euro von der Fair Equity soll helfen, das System in ganz Afrika zu etablieren.
Damit ist Medpharma ein Paradebeispiel für das Konzept, für das sich die Unternehmer aus der Region Osnabrück engagieren. Junge Unternehmer, die etwas bewegen und voranbringen wollen, werden unterstützt – aber nicht durch einen klassischen Kredit, sondern durch eine Unternehmensbeteiligung.
Wulf und seine Mitstreiter Bert Mutsaers, Gesellschafter des Fleischunternehmens Bedford, Gunnar Sander, Gründer der Sander Pflege GmbH, und Bernd Schmidt-Ankum, Geschäftsführer von Leiber aus Bramsche, haben die Fair Equity zum Start mit zwei Millionen Euro Kapital ausgestattet. Im Laufe des Jahres 2025 konnten die Gründer weitere 1,3 Millionen Euro von Großspendern akquirieren, die in Unternehmensbeteiligungen fließen sollen.
„Wir wollen damit einen Kreislauf in Gang bringen“, sagt Karsten Wulf. Die Unternehmensgründer vor Ort seien alle hoch motiviert und engagiert, auch weil sie eigenes Geld einsetzen müssten. Sie wüssten am besten, was das Land und die Menschen bräuchten. „Das ist Entwicklungshilfe ohne Fernsteuerung“, so Wulf. Das Bundesentwicklungsministerium habe sich das Projekt interessiert angeschaut und eine positive Empfehlung ausgesprochen. Wulf versichert: Was die jungen Unternehmen dort verdienen, bleibt auch dort.
So wird auch der noch junge Schokoladenhersteller „Fairafric“ seine Gewinne in Ghana reinvestieren. Und das Geschäftsmodell funktioniert, wie Karsten Wulf erklärt. Üblich ist, dass Konzerne die Kakaobohnen in Ghana einkaufen und in Europa oder anderen Ländern zu Schokolade verarbeiten. „Fairafric“ stellt die schwarze Leckerei selbst in Ghana her und hält damit die gesamte Wertschöpfungskette im Land. Fair Equity beteiligt sich an den Schoko-Unternehmen mit 150.000 Euro.
Demselben Prinzip folgt die ghanaische Firma „Skin Gourmet“, die eine besondere Hautcreme produziert. Afrikanische Rohstoffe wie Sheabutter werden meist exportiert und im Ausland verarbeitet. Der Großteil der Wertschöpfung findet außerhalb Afrikas statt. „Skin Gourmet“ dagegen stellt nach eigenen Angaben hundert Prozent natürliche, essbare Kosmetik in Ghana her – ohne Chemie und vollständig rückverfolgbar. Alles bio, wie alle Beteiligten versichern. Die Produkte würden lokal von Hand gefertigt. Karsten Wulf: „Dadurch entstehen sichere, faire Jobs mit existenzsichernden Löhnen entlang der gesamten Lieferkette.“
Der Vertrauensvorschuss ist groß, den die Unternehmer aus Osnabrück ihren Partnern in Afrika entgegenbringen. Aber die Kontrolle geben die Geldgeber aus Deutschland nicht ganz aus der Hand. Als Gesellschafter haben sie einen direkten Zugang zu allen Geschäftsberichten. „Diese analysieren und bewerten wir regelmäßig und validieren sie durch Vor-Ort-Besuche“, heißt es auf der Homepage von Fair Equity. Über die Unternehmensentwicklung werde fortlaufend berichtet. „Komplette Transparenz“ sei garantiert.
Auch dass die Osnabrücker zunächst in Ghana investieren, ist kein Zufall, sondern das Resultat einer detaillierten Analyse. „Wir haben uns die afrikanischen Länder und ihre Start-up-Aktivitäten angeschaut. Und da stehen Kenia und Ghana ganz weit vorne“, sagte Bert Mutsaers vor einem Jahr zum Start von Fair Equity. Die Rechtssicherheit, etwaige Korruptionsanfälligkeiten, Qualität der Universitäten, Investorenfreundlichkeit und der Stand ausländischer Investitionen seien untersucht worden.
Spender, die der Fair Equity Geld zur Verfügung stellen, erhalten eine Spendenquittung vom Finanzamt. Es sei nicht einfach gewesen, das Finanzamt von dem Modell zu überzeugen, sagt Karsten Wulf. Klar, dass Unternehmer sich an einem anderen Unternehmen beteiligen, ohne ein eigenes Gewinninteresse zu haben, widerspricht allen Erwartungen und Erfahrungen.